Edith war am Ende. "Ich konnte keine Beziehung eingehen, hatte Angst, vor Leuten zu sprechen. Warum? Meine Mutter wurde jahrelang missbraucht und konnte meine Nähe nicht ertragen. So wurde aus mir ein traumatisiertes Kind." Dann kam der Tag, an dem etwas passieren musste.
Edith (Name von der Red. geändert) wandte sich bedürftig und verzweifelt im Sommer 2004 an einen Therapeuten - zunächst mit Erfolg: "Keiner verstand mich so wie er, er gab mir Sicherheit und Rückhalt und ich übertrug meine Sehnsucht auf ihn." Schon nach wenigen Monaten Therapie ging es Edith deutlich besser. Sie begann sogar das Studium, das sie sich rund 15 Jahre zuvor - nach dem Abitur - nicht zugetraut hatte. "Und dann lag ich auf einmal mit ihm auf der Couch. Als ob es plötzlich Liebe wäre."
Bei Befragungen von Psychotherapeuten, ob sie in ihrem Leben je sexuelle Kontakte zu Patienten hatten, bejahen das rund zwölf Prozent der männlichen Therapeuten und etwa drei Prozent der weiblichen Therapeuten, so die Psychotherapeutin Monika Becker-Fischer. US-Haftpflichtversicherer schätzen, dass rund 20 Prozent der Therapeuten mindestens einmal in ihrer Laufbahn sexuelle Intimitäten mit Patienten aufnehmen. "Wir gehen davon aus, dass mindestens zehn bis 20 Prozent der Patientinnen mindestens einmal Opfer von sexuellem Missbrauch sind", so Becker-Fischer. 90 Prozent der missbrauchenden Therapeuten seien Männer. In einer Studie der Psychologin Christiane Eichenberg, die auf der Forschung Becker-Fischers fußt, gaben fast 30 Prozent der Befragten an: "Die Täter waren Frauen."
Fast immer seien die Täter selbst traumatisiert. Hier gibt es zwei Tätertypen:
Rache steht bei einem Teil der Täter im Vordergrund: "Er wehrt sein Kindheitstrauma ab, indem er sich mit dem damaligen Täter identifiziert und schützt sich so vor der Erinnerung an die eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht", so Becker-Fischer. Ihn beherrsche die Wunschphantasie des Allmächtigen, der nie in eine verletzende Lage geraten kann. Deshalb meidet er intensivere Beziehungen. Eichenberg zufolge neigt er zu Gewalt.
Der Wunscherfüllungstypus verwickelt die Patientin in eine exklusive Zweierbeziehung und teilt mit ihr die Phantasie, dass nur er sie retten kann. Im Gegenzug rutscht er allmählich selbst in die Rolle des Hilfsbedürftigen und macht die Patientin zu seinem Rettungsengel - sexuelle Hilfeleistung inbegriffen.
Nicht immer müssen laut Becker-Fischer Traumata bei den Tätertherapeuten zugrunde liegen: Machtbedürfnisse, sadistische Neigungen oder auch Naivität und Unerfahrenheit seien in einzelnen Fällen Hintergrund der Taten.
Mit Haft bis zu fünf Jahren können Therapeuten belegt werden, die sexuelle Kontakte mit Patienten haben. Das steht seit 1998 im Strafgesetzbuch. Eichenbergs Studie belegt: "Die meisten Betroffenen wissen nichts von dem Gesetz."
Missbrauch in der Therapie muss dringend in den Lehrplan der Psychotherapeuten-Ausbildung, fordert Eichenberg. An Beispielen müsse Patienten per Handzettel klar gemacht werden, welches Verhalten unethisch und welches in Ordnung sei. Auch fehle in Deutschland eine Anlaufstelle nach dem Vorbild der Lizenzbehörden in den USA. fra
Monika Becker-Fischer, Gottfried Fischer: Sexuelle Übergriffe in Psychotherapie und Psychiatrie, Asanger Verlag 2008, 222 Seiten
Warum nicht, könnte man denken. Und als Laie vermuten, dass so etwas nun einmal vorkommen kann: Dass sich auch ein Therapeut in eine Patientin, ein Patient in seine Therapeutin verlieben kann. Oder?
Kann schon, sagt die Psychotherapeutin und -analytikerin Monika Becker-Fischer. Aber dann komme es darauf an, wie man damit umgeht. "Es darf dann nicht zur sexuellen Handlung kommen, und die Gefühle müssen therapeutisch bearbeitet werden", erläutert Becker-Fischer. "Denn einer therapeutischen Situation unterliegt auch immer ein Machtverhältnis, weil sich die Patientin ja immer aus einer hilflosen Lage heraus an den Therapeuten wendet. Wenn dieser das Machtgefälle zu eigennützigen Zwecken ausnutzt, ist das Missbrauch", befindet die Autorin des Buchs "Sexuelle Übergriffe in Psychotherapie und Psychiatrie".
Das Buch fußt auf den Ergebnissen einer Studie, die Becker-Fischer mit ihrem Mann Gottfried Fischer im Auftrag des Bundesfamilienministeriums Mitte der 90er Jahre vornahm. Sie sorgte schließlich 1998 für eine Strafgesetzänderung: Therapeuten, die sich an ihren Patientinnen vergreifen, droht nun eine Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren. "Aber leider gilt als sexuelle Handlung im juristischen Sinn nur die Spannbreite vom Berühren erogener Zonen bis zum sexuellen Akt an sich", kritisiert Becker-Fischer. "Missbrauch in der Therapie ist aber viel weiter zu fassen. Es reicht schon, wenn der Therapeut - zu 90 Prozent verursachen männliche Therapeuten die Übergriffe - eine private Beziehung eingeht, und so seine Interessen in den Vordergrund stellt. Das ist emotionaler Missbrauch."
Welch fatale Folgen solch unprofessionelles Verhalten haben kann, hat Mathilde S. (Name geändert) erlebt, die sich in ihren Therapeuten verliebte und ihm das nach wochenlangem gegenseitigem Flirt schließlich gestand - was die Therapie sofort beendete. "Er sagte, dass aus uns natürlich nichts werden könne, wegen des Arzt/Patienten-Verhältnisses. Es sei möglich, dass wir uns in einigen Wochen mal auf einen Kaffee irgendwo treffen könnten. Er versprach, dass wir uns wiedersehen würden: ,Ich halte mein Wort!´ Vier Wochen vergingen, und ich schrieb ihm mehrmals. Aber es kam keine Antwort. Ich war inzwischen wieder in meiner Depression, fühlte mich verlassen und ausgenutzt, war einfach nur verwirrt. Ich schrieb ihm von meiner Verzweiflung und auch von den Selbstmordgedanken, aber er reagierte nicht mehr."
Obwohl der Therapeut offenbar selbst kaum aktiv wurde, hätte er Monika Becker-Fischer zufolge seine Patientin auf keinen Fall allein lassen dürfen. "Wenn er merkt, dass sich ein Interesse an der Patientin regt, muss er auf jeden Fall eine Supervision machen und seine Gefühle klären, bei Bedarf das Geschehene in einer eigenen Therapie aufarbeiten." Die Therapie abzubrechen, sei meist richtig. "Aber er muss seine Patientin an einen anderen Therapeuten vermitteln. Er darf sie nicht einfach fallen lassen, sonst ist sie doppelt verlassen: Ihre Hoffnung auf Heilung und auf eine private Beziehung werden enttäuscht."
Wie bei Mathilde, die in der Folge fürchterlich litt: "Er wusste ja, wie schwer ich mich mit Vertrauen tue, wie oft ich in meinem Leben bereits im Stich gelassen wurde. Und gerade er reißt diese Wunde wieder auf. Für mich ging es von da an stetig bergab. Ich war wieder sehr depressiv und ich konnte meinen Alltag nicht mehr bewältigen. Ich habe dann meine Schule abgebrochen, bin wieder zurück zu meinen Eltern gezogen. Ich habe mich vollkommen von der Welt abgeschottet, und es hat eineinhalb Jahre gedauert, bis ich nicht mehr jede Nacht geweint habe."
Drei von vier Missbrauchsopfern in der Therapie sind traumatisiert, hat Christiane Eichenberg, Psychologin an der Uni Köln und Autorin einer aktuellen Studie zum Thema (PPmP, Band 59, S.337-344, 2009) herausgefunden. Symptome seien: emotionaler Rückzug, Misstrauen, Depression, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Selbstmordgedanken, Angst. "Bei 60 Prozent der von ihr 77 im Internet Befragten verstärkten sich die Beschwerden, wegen derer sie in Therapie gegangen waren, bei 60 Prozent kamen neue Symptome hinzu." Eichenberg empfiehlt, schon frühzeitig auf Warnsignale zu reagieren.
Eine Grenzüberschreitung sei es schon, wenn der Therapeut von seinem Privatleben berichte, "Termine in die Abendstunden legt, häufig anruft, Stunden überzieht, die Patientin bittet, auf die Kinder aufzupassen, mit ihr ins Restaurant geht".
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