Die Sprechstunden der Psychotherapeuten sind voll. Von ihnen erwarten die Menschen einen Ausweg aus jeder Lebenskrise. Eine große Täuschung, sagt Manfred Lütz, der selbst Therapeut ist. Er rät: Statt auf die Couch sollten wir lieber ab und zu mal aus der Rolle fallen.
Herr Lütz, in Ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass wir in künstlichen Welten leben und dabei Gefahr laufen, das wahre Leben zu verpassen. Kann ein Psychotherapeut uns da raus holen?
Nein, da geht man lieber zu einem alten Mütterchen in die Eifel.
Oma kann das besser als Sie?
Ich kann psychische Krankheiten behandeln – die meisten sogar sehr gut. Aber die Leute denken heute, sie müssten bei jeder Lebenskrise zum Therapeuten laufen. Da geht es aber um existenzielle Probleme: Liebt man jemanden oder nicht? Handelt man moralisch? Was ist der Sinn des Lebens? Da ist es viel besser, mit jemanden zu sprechen, der das eigentliche Leben kennt.
Das gilt nicht für einen Therapeuten?
Therapeuten sind Leute, die gut in der Schule waren, anschließend sehr, sehr viele Bücher gelesen haben und dann in kleinen, hässlichen Räumen mit gestörten Menschen ihre Zeit verbracht haben. Wir können einen Waschzwang therapieren, das ist auch sehr nützlich. Ein Waschzwang kann die Hölle auf Erden sein. Aber wir sind nicht allkompetent. Ein Therapeut hat nicht mehr Lebenserfahrung als ein guter Freund oder eben ein altes Mütterchen, das schon einige Krisen durchlebt hat. Auch wenn er das vielleicht nie zugeben würde.
Ist eine Lebenskrise denn weniger schlimm als eine Depression?
Keineswegs. Existenzielle Krisen können erheblich belastender sein als eine psychische Störung. Wenn eine Frau von ihrem Partner verlassen wird, dann kann sie das in tiefe Verzweiflung stürzen. Doch das ist nicht krank, sondern völlig normal – es sei denn, der Mann war ein wirklich schlimmer Kotzbrocken.
Vielleicht gibt es aber auch nicht immer einen guten Freund, der die Zeit und die Geduld aufbringt, zuzuhören.
Ja, weil die existenziellen Bindungen fehlen. Weil die Menschen so viel Zeit in künstlichen Welten verbringen, dass sie vergessen, ihre Beziehungen zu Partner, Kindern, Familie und Freunden zu pflegen. Damit verpassen sie das wahre Leben.
Welche künstlichen Welten beklagen Sie?
Ich klage gar nicht. Denn wir alle leben unvermeidlich in ganz vielen dieser Welten. Insofern betrifft dies alle – vom Taxifahrer bis zum Bankdirektor. Wir leben in der Finanzwelt, der Medienwelt, der Wissenschaftswelt. Die sind alle sehr nützlich. Wir spielen in diesen Kulissen tagtäglich unsere Rollen, aber wir dürfen sie nicht mit dem echten existenziellen Leben verwechseln. Sie sagen uns nichts Wichtiges über Wahrheiten, den Sinn des Lebens, die Liebe.
Sie sind aber doch selbst Wissenschaftler. Es ist doch wahr, was wissenschaftlich erwiesen ist, oder etwa nicht?
Die Wissenschaft kann keine Wahrheiten erkennen, sondern bloß falsifizierbare Phänomene. Auch der Physiknobelpreisträger liebt seine Frau. Er kann das nicht physikalisch beweisen, aber er ist sich dessen gewiss. Und das ist mehr als Wissen.
Ein Hirnforscher könnte es vielleicht anhand der Chemie in seinem Kopf beweisen.
Es gibt einige Hirnforscher die glauben, die Psyche des Menschen, das seien bloß Moleküle. Da gibt es dann auch einen Ort, wo geliebt wird. Irgendwo in der Amygdala. Man kann so restlos alle psychischen Phänomene beschreiben. Aber das ist nur eine von vielen mehr oder weniger nützlichen Perspektiven. Die ganze farbige Fülle des Seelischen auf ein paar Neurotransmitter zu reduzieren, das ist naiv und unwissenschaftlich.
Auch Psychologen vermitteln häufig den Eindruck, sie verfügten über Wahrheiten über den Menschen.
Das hat zur Folge, dass die Leute denken, sie bräuchten für jede Lebenslage einen Experten oder Psycho-Guru, der den ultimativen Ratschlag für sie hat. Sie halten sich gar nicht mehr kompetent genug für sich selbst. Aber jeder Mensch ist anders und hat individuelle Kräfte, die er aktivieren kann, um sein Leben zu bewältigen. Dieses Vertrauen in sich selbst geht verloren.
Gehen deshalb so viele in die Burnout-Klinik?
Burnout gibt es als Krankheit gar nicht. In der internationalen Klassifikation psychischer Störungen durch die Weltgesundheitsorganisation kommt es überhaupt nicht vor. Es ist eine Z-Kategorie. Das sind keine wirklichen Krankheiten, sondern allgemeine Lebensprobleme.
Aber ist die Arbeitswelt nicht tatsächlich belastender geworden. E-Mails, Smartphones, Erreichbarkeit rund um die Uhr?
Im Dreißigjährigen Krieg waren die Leute rund um die Uhr für die Schweden erreichbar. Das war viel unangenehmer.
Trotzdem scheinen ja viele Menschen mit dem Leben nicht mehr klar zu kommen.
Unter Burnout fallen heute sowohl schwere Depressionen als auch Dinge wie: Chef mobbt Angestellten. Doch wenn einen der Boss so stresst, das man nicht mehr schlafen kann, ist es auch keine Lösung, sich in eine Burnout-Klinik zu begeben, Schlaftabletten zu schlucken und ein bisschen Entspannungstraining zu machen. Bevor einem der Chef das ganze unwiederbringliche Leben ruiniert, muss man Konsequenzen ziehen. Man muss kündigen.
Nicht immer ist der Chef an allem Schuld, oder?
Nein. Auch der selbstgemachte Druck, Dinge leisten zu wollen, die man nicht leisten kann, macht unglücklich. Beruflich lassen sich viele so weit befördern, bis sie auf einem Posten landen, für den sie völlig inkompetent sind. Ein Versicherungsvertreter, der einen hervorragenden Kundenkontakt hat, wird zum Abteilungsleiter in der Zentrale befördert. Da hat er keinen Kundenkontakt mehr und muss Leistungsfähigkeit beweisen, die er vielleicht nicht hat. Er bekommt ein höheres Gehalt, ist aber ein unglücklicher Mensch.
Und wo findet man nun das wahre Leben?
Im Wald zum Beispiel. Eine halbe Stunde Spazierengehen – aber nicht aus Gesundheitsgründen oder mit einem Buch „Mein Wald gehört mir“ unter dem Arm. Einfach mal aussteigen aus diesen ganzen Rollen, die wir die Woche über spielen. Riechen, schmecken, genießen, man selbst sein.
Das Gespräch führte Alice Ahlers.
1. Eigenes Handeln hinterfragen
Stress zu vermeiden, das ist natürlich leichter gesagt als getan. „Es sind ja oft die eigenen Glaubenssätze, die man meist schon als Kind mitbekommen hat, die einen zur Leistung anleiten“, gibt Psychologin Claudia Schmeink zu bedenken. Sie rät dazu, die „Antreiber“ des eigenen Handelns zu erkunden und zu hinterfragen. „Warum glaube ich, das eine oder andere schaffen zu müssen? Wie wichtig ist es mir wirklich und warum?“
Foto: dpa
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