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Qualitätsoffensive: "Brauchen keine Ausbildung aus dem Kochbuch"

Berlind und der Bund wollen in Bildung investieren. Gute Hochschullehre lässt sich nicht mit Anfängern stemmen, sagt Experte Reinhard Kreckel. Außerdem sollten Uni-Mitarbeiter autonomer handeln dürfen.

Neue Konzepte könnten frischen Wind in die Uni bringen.
Neue Konzepte könnten frischen Wind in die Uni bringen.
Foto: Bilderberg

Herr Kreckel, Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) möchte endlich die Lehre pushen. Mit hochschuldidaktischen Kompetenzzentren und einem Wettbewerb um die besten Lehrkonzepte. Eine gute Idee?

Ich finde es erst mal gut, dass ehrlich konstatiert wird: Die ganze Bologna-Reform ist nicht zu bewältigen , wenn man nicht stärker in die Lehre investiert. Das ist bislang versäumt worden. Wenn jetzt eine entsprechende Bundesinitiative kommt, kann ich das nur begrüßen. Das Ganze hat aber auch einen Pferdefuß.

Reinhard Kreckel leitet seit 2001 das Institut für Hochschulforschung.
Reinhard Kreckel leitet seit 2001 das Institut für Hochschulforschung.
Foto: privat

Nämlich?

Der Wettbewerb zwischen den Hochschulen hat sich in der letzten Zeit als wirksames Mobilisierungsinstrument erwiesen. Was aber am Ende dabei herauskommt, was es also Hochschullehrern und Studenten letztlich bringt, ist erst nach Jahr und Tag zu besichtigen.

Macht es Sinn, auf tolle hochschuldidaktische Konzepte zu hoffen? Zumal doch vielen klar scheint: Ohne mehr Geld für mehr Personal lässt sich die Lehre ohnehin nicht verbessern.

Ich habe nichts gegen Hochschuldidaktik. Aber auf eine bessere Didaktik hat man bereits bei der letzten großen Hochschulreform in den 70er Jahren gesetzt. Den allergrößten Erfolg brachte das nicht. Wir müssen abwarten, wie gut die Ausschreibung sein wird.

Und was halten Sie von der Idee, Juniorprofessoren stärker in die Lehre einzubinden?

Der Begriff ist vielleicht etwas missverständlich gewählt. Was die Ministerin anspricht, sind Nachwuchswissenschaftler, die mit Mentoren eine Art Kinderstube in der Lehre betreiben und sich daneben noch ein bisschen um die Forschung kümmern sollen. Das könnte schon etwas frischen Wind bringen. Aber bislang gibt es für diese Idee noch kein wirklich ausgearbeitetes Konzept.

Nachwuchsforscher stecken aber doch in einer sensiblen Phase und müssen sich bewähren. Sie weniger forschen zu lassen, wäre doch kontraproduktiv.

Da kommen wir zum eigentlichen Kernpunkt: Schavan betont ja zu Recht, dass jetzt keine Karrieresackgassen entstehen sollen. Tatsächlich ist es bislang aber so: Festbestallte Professoren stellen zurzeit nur etwa 17 Prozent des hauptberuflichen wissenschaftlichen Personals an deutschen Universitäten. Der überwiegende Teil lehrt und forscht also nicht selbstständig und hat meist nur eine befristete Beschäftigung. Dabei handelt es sich vor allem um den Nachwuchs. Das ist ein großes Problem: Wir haben heute sehr viel mehr Studierende als früher und brauchen entsprechend mehr kompetentes Personal, das sie auch betreut. Das kann man nicht nur mit Anfängern machen.

Was wäre denn aus Ihrer Sicht eine Alternative?

Wir brauchen einfach mehr Leute, die voll einsatzfähig sind und sich nicht mehr als Qualifikanten verdient machen müssen. Da gebe es zwei Varianten: Einmal die vom Wissenschaftsrat und jetzt auch von der Bundesbildungsministerin angeregte Lehrprofessur. Mit ihr bliebe es beim guten alten Professor, der für alles zuständig ist, und einigen neuen Kollegen, die ihm den Rücken freihalten und ausschließlich lehren sollen. Aber wenn die Studenten tatsächlich ein wissenschaftliches Studium bekommen sollen und nicht nur eine Ausbildung aus dem Kochbuch, müssen ihre Dozenten auch forschungsnah arbeiten.

Wie sollte das exakt aussehen?

Bei zu vielen Haushaltsstellen handelt es sich um unselbstständige Assistentenpositionen mit strenger Befristung. Ich könnte mir daher eher vorstellen, endlich neue Personalkategorien zu schaffen: Man könnte Stellen für Nachwuchsprofessoren ausschreiben, verbunden mit einem Tenure Track-Verfahren, also der Chance, dass diese ab einem bestimmten Zeitpunkt entfristet werden. Diese Professoren würden dann Forschung und Lehre abdecken wie bei einer Vollprofessur, auf die sie sich dann später bewerben können. Ziel sollte es sein, Lehr- und Forschungsaufgaben auf deutlich mehr qualifizierten Schultern zu verteilen. Der Bund könnte jetzt im Rahmen seiner Lehrinitiative für eine gewisse Zeit in die Dozentenebene unter dem Professor investieren und ein paar Tausend dieser Stellen fördern. Zug um Zug könnte man die unteren Mittelbaustellen reduzieren...

...und sich so dem internationalen Standard anzunähern?

Deutschland ist international gesehen schon ein ziemlicher Ausreißer. Schauen wir zum Beispiel in die USA: Dort sind von den festbestallten Wissenschaftlern an Forschungsunis etwas über die Hälfte full professors oder associate professors, was bei uns einer W3- oder W2-Professur entspricht. Ein weiteres Viertel sind assistant professors, die zunächst eine Stelle auf Probe bekommen. Wenn die Betreffenden eine strenge Evaluierung überstehen, wird die Stelle nach ein paar Jahren entfristet. In Großbritannien, Frankreich, Skandinavien oder Osteuropa ist das ähnlich. In Deutschland fehlt so etwas.

Interview: Yvonne Globert

Datum:  12 | 3 | 2010
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