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16. März 2016

Rassismus: „Eltern müssen aktiv eingreifen“

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Oft entstehen Vorurteile schon im Kindergarten. Erzieher und Eltern sind daher gefragt.  Foto: dpa

Die Soziologin Nkechi Madubuko fordert im Interview mit der FR, Kinder schon früh gegen Rassismus zu stärken. "Ich glaube, eine vorurteilsfreie Welt wird es nie geben", sagt Madubuko. Eltern könnten jedoch eine Vorurteilssensibilität vorleben.

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Frau Madubuko, mit Ihrem Buch wollen Sie Eltern ermutigen, Kinder mit Rassismuserfahrungen zu stärken. Welche Kinder sind denn besonders betroffen?
Potenziell von Rassismus betroffen sind natürlich Kinder, die eine Migrationsgeschichte haben, aus einem anderen Kulturkreis kommen oder eine nicht-christliche Religion haben. In Deutschland hat fast jedes dritte Kind unter zehn Jahren eine Migrationsgeschichte. Das sind also relativ viele Kinder, die potenziell von Rassismus betroffen sind, natürlich unterschiedlich stark.

Machen schon kleine Kinder Ausgrenzungserfahrungen?
Ja. Kinder nehmen schon sehr früh wahr, ob das, wofür sie stehen, wertgeschätzt wird. Schon ab dem zweiten Lebensjahr bilden sich Vorurteile, wenn Kinder anfangen sich zu definieren und sagen, ich bin ein Junge oder ein Mädchen. Genauso beginnen auch Vorstellungen, die etwa mit einer Hautfarbe verbunden sind, sich zu festigen. Wenn das pädagogische Personal oder die Eltern nicht eine Richtschnur vorgeben, werden Vorurteile schon im Kindergarten gelebt. In meinem Buch habe ich dafür einige Beispiele, etwa die Geschichte eines schwarzen Jungen. In seinem Kindergarten gab es die Tradition, dass sich jedes Kind nach dem Abschluss eines Spiels etwas aus der Süßigkeitentüte nehmen darf. Als dieser Junge in die Tüte griff, riefen die anderen Kinder: Nein, er soll nicht in die Tüte greifen, wir wollen uns keine Krankheit aus Afrika holen. Die Erzieherin hat nicht eingegriffen, er durfte dann tatsächlich keine Süßigkeit haben.

Was möchten Sie den Eltern mit Ihrem Buch vermitteln?
Ich glaube, eine vorurteilsfreie Welt wird es nie geben. Aber was es geben kann, ist Vorurteilssensibilität, die man im Elternhaus vorleben kann. Ich möchte Eltern Mut machen, sich dafür einzusetzen, dass ihr Kind diskriminierungsfrei aufwächst und dass sie ein im Grundgesetz verankertes Recht darauf haben. Sie müssen keine Scheu davor haben, etwas einzufordern, was selbstverständlich sein sollte. Es steht dem Kind zu! Wenn jemand sagt, ich möchte keine rassistischen Sprüche hören, dann fordert er ein Grundrecht ein, das hat mit Überempfindlichkeit nichts zu tun.

Zur Person

Nkechi Madubuko, 43, ist promovierte Soziologin und Kulturjournalistin aus Marburg. Sie arbeitet seit 20 Jahren als freie Moderatorin im Bereich Migration, Antidiskriminierung und interkulturelle Öffnung. In ihrer Promotion untersuchte Madubuko den „Akkulturationsstress von Migranten“. Ihr Praxisratgeber „Empowerment als Erziehungsaufgabe“ erscheint aktuell im Unrast Verlag. Das Buch richtet sich an Eltern und bündelt Wissen aus der interkulturellen Psychologie, Familientherapie, Kinderpsychologie und Erfahrungen von Jugendgruppenleitern. (msa)

Sie sehen laut Buchtitel „Empowerment als Erziehungsaufgabe“. Was genau ist damit gemeint?
Empowerment kommt aus der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung in Amerika. Es ist eine Form von Selbstermächtigung, Selbststärkung. Das Selbstkonzept eines Menschen hängt ganz stark davon ab, was für Erfahrungen er mit seiner Umwelt macht. Wenn ein Kind regelhaft Ablehnung, Rassismus, Stereotypisierung erlebt, wird das Selbstkonzept geschwächt, es entwickelt Scham und Selbstzweifel und verliert die Möglichkeit, sich frei zu entfalten. Es wird wenig thematisiert, zu welchen körperlichen und psychischen Störungen Rassismus führen kann, wie viele Menschen depressiv, hoffnungslos oder traumatisiert sind von der permanenten Erfahrung, beschimpft und ausgegrenzt zu werden. Das geht an keinem spurlos vorbei.

Warum reicht es nicht aus, wenn Eltern ihrem Kind mit ihrer Liebe den Rücken stärken?
Jedes Elternteil möchte, dass sein Kind alle Möglichkeiten hat. Rassismuserfahrungen aber mindern diese Möglichkeiten. Man möchte sein Kind beschützen, kann es aber nicht. Aber Eltern können ihrem Kind das Rüstzeug mitgeben, damit es diesen Situationen nicht ausgeliefert ist. Wenn man nicht möchte, dass das eigene Kind sich schutzlos und minderwertig fühlt, muss man aktiv eingreifen und dem Kind Mut machen, sich selbst zu positionieren.

In Ihrem Buch benennen Sie innere und äußere Schutzräumen, die man einem Kind schaffen sollte. Was ist damit gemeint?
Ziel des inneren Schutzraumes ist es, das Kind innerlich zu stärken. Kleinkindern etwa kann man ein Umfeld schaffen, in dem sie sich spiegeln können. Durch interkulturelle Bücher, Puppen und Spielzeug, das ihre Herkunft und Vielfalt reflektiert. Geschichten, in denen eine Hauptperson auch mal muslimisch oder schwarz ist. Dazu gehört auch, Wissen über die eigene Kultur oder Religion zu vermitteln. Wenn jemand sagt, Afrikaner seien primitiv, muss man als afrikanischstämmiges Kind einen Gegenentwurf dazu haben. Und den liefern die Eltern. Sie sollten ihrem Kind auch aufmerksam zuhören und Rassismus nicht tabuisieren, sondern thematisieren, wenn er aufkommt.

Wie kann man das tun, ohne dem Kind Angst zu machen?
Indem man dem Kind altersgerecht vermittelt, dass es Vorurteile gibt, dass es sie aber nicht auf sich übertragen soll. Das ist ganz wichtig, um Diskriminierungserfahrungen zu verarbeiten. Gewisse Leute denken das über Menschen wie uns, aber die kennen uns eigentlich gar nicht. Und es sind nicht alle Menschen rassistisch. Es ist wichtig, da auch zu differenzieren. Denn die Verall-gemeinerung ist ja das Problem, unter dem man selber leidet.

Was sind äußere Schutzräume?
Im äußeren Schutzraum geht es um das soziale Umfeld. Es ist ein vorurteilssensibler Raum, in dem die Kinder so akzeptiert sind, wie sie sind. Wo sie nicht Aisha mit dem Kopftuch sind, sondern einfach Mensch sein können, ohne stereotypisiert zu werden. Ich stelle in meinem Buch beispielhaft vier Jugendgruppen vor, für Sinti und Roma, jüdische, muslimische und afrodeutsche Jugendliche, die jeweils erzählen, welchen Stereotypen sie ausgesetzt sind und wie es ihnen hilft, sich auszutauschen über Identitätsfragen, die im Jugendalter verstärkt aufkommen – wo gehöre ich hin, kann ich deutsch und muslimisch sein, wie gehe ich mit Rassismus um?

Welche Handlungsoptionen hat ein Kind?
Ich unterscheide da nach Alter und Persönlichkeit. Im Kindergarten ist ein Kind verbal noch gar nicht in der Lage, sich adäquat zu verteidigen. Da müssen Eltern sehr eng in Beziehung bleiben zu den Erzieherinnen und selber beobachten, inwieweit das Kind sich wohlfühlt. Ältere Kinder so ab sechs Jahren sind schon in der Lage, sich verbal zu verteidigen. Dann kann man gemeinsam überlegen, was sie antworten können, wenn ein blöder Spruch kommt. Das kann man üben, damit das Kind, wenn der Moment kommt, nicht sprachlos ist. Bei introvertierten Kindern kann es eine bessere Lösung sein, Briefe zu schreiben oder die Verursacher anzusprechen, ohne dass das Kind dabei ist.

Sie sind selbst als schwarze Frau in Deutschland aufgewachsen und heute Mutter von drei Kindern. Hat sich seit Ihrer Kindheit etwas verbessert?
Ich glaube, dass Rassismus etwa in den 60er Jahren noch deutlich krasser war. Ich selber bin aber relativ geschützt aufgewachsen. Ich habe erst im Zuge meiner Promotion, als ich lange biografische Interviews mit Migranten geführt habe, richtig gemerkt, was für ein Spektrum an verbalen und physischen Attacken es gibt. Mein Glück war, dass ich eine starke Mutter gehabt habe, die sofort auf die Barrikaden gegangen ist, wenn sich Diskriminierung auch nur angedeutet hat. Deshalb weiß ich, wie wichtig es ist, dass Eltern ihre Kinder stärken.

Interview: Marie-Sophie Adeoso

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