Iwant to hear the scream of the butterfly", sang Jim Morrison vor Jahrzehnten. Bisher ist es noch niemandem gelungen, die Schreie von Schmetterlingen wahrzunehmen. Doch was wäre, wenn man immer dann Geräusche hören würde, wenn man sieht, wie sich ein Schmetterling im Schwebeflug vorwärts bewegt, oder wie ein Käfer einen Sandhügel hinaufkrabbelt, oder wie ein Kastanienblatt durch die Luft segelt?
Tatsächlich gibt es Menschen, die mit der Fähigkeit auf die Welt gekommen sind, alles, was sich direkt vor ihren Augen bewegt, gleichzeitig zu hören. Auf dieses merkwürdige Phänomen, bei dem es sich um eine bisher unbekannte Form der Synästhesie handelt, sind kürzlich Melissa Saenz und Christof Koch, Neurowissenschaftler vom Caltech Institute of Technology in Pasadena, gestoßen. Sie berichten über ihre Entdeckung im Fachjournal Current Biology (Bd. 18).
Alles begann mit einem puren Zufall. Melissa Saenz war gerade dabei, ein Experiment zu überwachen. Zu diesem Experiment gehörte eine Computeranimation, bei der Punkte auf dem Bildschirm hin- und herflitzten. Als ein Student, der gerade vorbeigekommen war, das Tanzen der Punkte beobachtete, fragte er plötzlich: "Hört ihr auch was, wenn ihr auf den Monitor blickt?"
Das machte Saenz stutzig. Die Animation war nämlich völlig stumm, und außerdem waren die Lautsprecher abgeschaltet. Bald darauf stellte sich heraus, dass es dieser Student als die selbstverständlichste Sache der Welt empfindet, dass er bewegliche Objekte immer nur in Begleitung von Geräuschen oder Klängen wahrnimmt. Daraufhin beschlossen Saenz und Koch, sich auf die Suche nach weiteren Synästhetikern solcher Art zu machen, und sie wurden fündig.
Von mehreren hundert Versuchspersonen, die mit springenden Punkten und Lichtblitzen auf dem Bildschirm konfrontiert wurden, gaben drei an, kratzende, polternde, schwirrende oder blubbernde Geräusche hören zu können. Zum Abschluss ihrer Untersuchung ließen Saenz und Koch Synästhetiker und Nicht-Synästhetiker gegeneinander antreten.
Den beiden Gruppen wurden hundert Paare von Morsezeichen ähnelnden Klang- und Bildmustern präsentiert. Die Probanden hatten die Aufgabe zu entscheiden, ob sie es mit identischen oder voneinander verschiedenen Mustern zu tun hatten. Das eindeutige Ergebnis: Beim Erkennen der Tonfolgen erreichten beide Gruppen eine Trefferquote von 85 Prozent. Doch bei der Identifikation der grafischen Muster erwiesen sich die Synästhetiker als weit überlegen. Während sie wiederum eine Trefferquote von 85 Prozent erzielten, brachten es die Nicht-Synästhetiker bloß auf eine Zufallsquote von kläglichen 55 Prozent.
Saenz und Koch glauben, dass die Zahl derjenigen, die über dieses besondere synästhetische Talent verfügen, überraschend hoch sein könnte, doch dass viele es entweder nicht bemerkten, oder es vor anderen und vor sich selbst verbürgen. Eine waghalsige Annahme. Es könnte allerdings sein, dass es sich bei dieser Fähigkeit um ein uraltes Erbe der Evolution handelt, das sich bis heute erhalten hat, weil es für den Überlebenskampf nützlich ist - etwa wenn es darum geht, giftige Spinnen, Skorpione oder Schlangen rechtzeitig zu bemerken. Im übrigen kann man selbst leicht feststellen, ob man ein Hör-Seher ist: Es genügt, sich irgendeinen Film bei ausgeschaltetem Ton anzusehen.
Können diese Synästhetiker tatsächlich Geräusche und Klänge hören, für die gewöhnliche Sterbliche taub sind, oder bilden sie sich das nur ein? "Das hängt davon ab, was man unter Geräusch oder Klang versteht", erklärt Saenz. "Meint man damit Wahrnehmungserlebnisse im Geist, dann existieren sie ohne jeden Zweifel. Doch wenn damit gemeint ist, dass es zu einer realen Übertragung von Schallwellen in der Luft kommt, dann sind die wahrgenommenen Geräusche und Klänge irreal."
Es gibt Menschen, die jedes Mal, wenn sie bestimmte Töne hören, sofort bestimmte Farben sehen. Es gibt auch Menschen, die Farben wahrnehmen, sobald sie schwarze Zahlen oder Buchstaben erblicken. Das funktioniert allerdings nicht bei römischen Zahlen, und es kommt so gut wie nie vor, dass Farben die Wahrnehmung von Zahlen hervorrufen. Schließlich gibt es noch Menschen, die auf Klänge mit Geschmacksempfindungen und auf die Namen der Wochentage und Monate mit Farbempfindungen reagieren.
Die Synästhesie war lange ein rätselhaftes Phänomen. Der Neurologe Vilayanur Ramachandran von der University of California in San Diego fand vor einigen Jahren heraus, wie sie überhaupt zustande kommt: Bestimmte Gehirnareale, die direkt nebeneinander liegen, sonst aber völlig voneinander abgeschottet sind, sind bei Synästhetikern kreuzweise miteinander verbunden, so dass eine Vermischung verschiedenartiger Nervensignale entsteht. Ramachandran stellte darüber hinaus fest, dass es überraschend viele Synästhetiker gibt - auf 200 Menschen kommt einer - und dass ihr prozentualer Anteil nirgendwo so hoch liegt wie bei Künstlern.
Kürzlich hat Ramachandran experimentell nachgewiesen, dass alle Menschen mehr oder weniger synästhetisch begabt sind. In dem Experiment wurden Probanden mit einem welligen, amöbenartigen und einem gezackten, an eine Glasscherbe erinnernden Gebilde konfrontiert, und sie sollten sich vorstellen, dass es sich hierbei um die beiden ersten Buchstaben des Mars-Alphabets handeln würde. Danach sollten sie entscheiden, welche Figur "Booba" und welche "Kiki" heißen könnte. Das Ergebnis war eindeutig. Zwischen 95 und 98 Prozent der Befragten erklärten, dass sie die gezackte Form Kiki und die wellige Booba nennen würden.
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