Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wissen
Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

11. November 2010

Schulformen: Ganztagsschüler bleiben seltener sitzen

 Von Jeannette Goddar
Ganztagsangebote in Schulen haben bei Schülern Erfolg.  Foto:  dpa

Vier Jahre lang hat ein Team um den Bildungsforscher Eckhard Klieme Schüler mit und ohne Ganztagsangebote beobachtet, nun zogen die Wissenschaftler Bilanz: Die Schulform leistet viel – wenn die Qualität stimmt.

Drucken per Mail

Auf kaum eine neue Schulform richten sich so große Hoffnungen: Die Ganztagsschule soll Kinder, vor allem Schwächere, zu besseren Noten führen. Sie soll aber auch gute Schüler anziehen, mehr Bewegung und Kultur in die jungen Leben bringen und am besten noch das soziale Klima verbessern. Nun stellt sich heraus: Sie kann all das – wenn sie gut gemacht ist.

Nachdem ein Team um den Bildungsforscher Eckhard Klieme 5000 Schüler mit und ohne Ganztagsangebote über vier Jahre von der fünften bis zur neunten Klasse beobachtet und weitere 50000 Schüler, Eltern, Lehrer und anderes Personal befragt hat, zogen die Wissenschaftler gestern in Berlin eine überwiegend positive Bilanz.

Vor allem schulisch lässt sich der Erfolg nicht übersehen: Nur 2,4 Prozent der ganztags aktiven Schüler bleiben in der Sekundarstufe 1 sitzen – bei ihren Altersgenossen sind es 8,4 Prozent. In der voll gebundenen Ganztagsschule, also jener, bei der die Schüler nicht gehen können, wann sie wollen, wiederholen gar nur 1,4 Prozent. Analog dazu verbessern sich zudem die Noten beim Ganztagsschul-Besuch.

Auch unter sozialen Gesichtspunkten hat das Team der „Steg“-Studie (Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen) Gutes zu vermelden: Während „problematisches“ Verhalten zwischen elf und 15 Jahren allgemein steigt, nimmt es an den Ganztagsschulen sogar leicht ab. Auch zu Hause kommen Schüler und Eltern offenbar besser zurecht.

All das gilt aber nur unter Voraussetzungen, die nicht immer gegeben sind: „Wenn auf dem Türschild ,Ganztag’ steht, reicht das nicht“, so Thomas Rauschenbach, Leiter des Deutschen Jugendinstituts in München. Gefordert seien „qualitätvolle Angebote“ bei gleichzeitiger Differenzierung des Unterrichts. Schulen, die alle Schüler nach demselben Schema F unterrichten, senken dagegen das Notenniveau von der 5. bis zur 9. Klasse systematisch ab – ganztags wie halbtags. Und: Für alle positiven Effekte muss der Ganztagsbesuch regelmäßig an mehr als drei Tagen in der Woche stattfinden.

Förderung als Pflicht

Die Qualität verbessern ließe sich vor allem bei den Förderchancen, die das „Mehr“ an Zeit bietet. So nahmen vier von fünf Ganztags-Grundschülern 2009 an Freizeit-Angeboten teil, aber nicht einmal jeder zweite an Hausaufgabenbetreuung und weniger als jeder dritte an „fachbezogenen Förderangeboten“. An weiterführenden Schulen schrumpft der Förderanteil noch. Klieme empfahl, mehr Schüler zur Teilnahme an Förderstunden zu verpflichten.

Wie Ganztagsschulen verbreitet sind und welche Länder bessere oder weniger gute Konzepte verfolgen, haben die Forscher nicht untersucht. Laut Klieme, dem Leiter des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt, sind die Unterschiede allerdings nicht ausschlaggebend: „Die Frage, wo eine Ganztagsschule steht, ist nicht entscheidend. Wichtig ist, wie sie arbeitet.“

Über die Schüler fanden die Forscher heraus: Kinder aus Zuwandererfamilien sind unterrepräsentiert; 2009 besuchten 70 Prozent ohne und 60 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund eine Ganztags-Grundschule. Die Tendenz sei steigend.

In jedem Fall gelte: Der Bedarf sei nicht gedeckt: „Zu sagen: Es reicht! wäre ein falsches Signal“, so Klieme. Das Vier-Milliarden-Euro-Programm des Bundesbildungsministeriums, das die Studie in Auftrag gab, lief 2009 aus.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung.

Gesundheitsgefahr

Pflanzengift in Kräutertee nachgewiesen

Als gesundheitlich bedenklich wurden bei einer Laboranalyse vier von sechs Pfefferminz- und Kräutertees eingestuft.

Bei einer Laboranalyse im Auftrag des NDR wurden in einer Stichprobe in vier von sechs Pfefferminz- und Kräutertees sogenannte Pyrrolizidinalkaloide entdeckt. Diese sollen krebserregend sein und auch Leberschäden verursachen.  Mehr...

Nordsee und Ostsee

Plastikmüll in Speisefischen

Auch der Kabeljau gehört zu den belasteten Arten.

Wissenschaftler finden in Speisefischen aus der Nord- und Ostsee Reste von Plastikmüll. Für Fischkonsumenten hat das nach Angaben des Studienleiters "wahrscheinlich keinerlei Auswirkungen". Mehr...

Videonachrichten Wissen
Schutz der Ozonschicht
Das Nasa-Satellitenfoto dokumentiert die Größe des Ozonlochs über der Arktis im Winter 1999/2000. Je dunkler das Blau, desto dünner die Ozonschicht.

Was ist Ozon? Wofür ist Ozon wichtig? Und wie groß ist derzeit das Ozonloch? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt es hier.

Anzeige

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Quiz

Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.