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Schulpolitik: Nachhilfe bei Tchibo

Was unsere Schulen erst noch lernen müssen. Ein Gastbeitrag von Klaus Hurrelmann, Professor für Sozialwissenschaften an der Universität in Bielefeld.

75 Euro pro Woche für Nachhilfe. Viele Eltern zahlen das.
75 Euro pro Woche für Nachhilfe. Viele Eltern zahlen das.
Foto: Boeckheler

In Deutschland gibt es schätzungsweise 4000 kommerzielle Einrichtungen, die gezielte Angebote zur Nachhilfe unterbreiten. Nachhilfe ist ein richtig florierender Markt, der in den vergangenen Jahren ständig expandierte.

Aus den Shell-Jugendstudien geht hervor, dass der Anteil von Schülern, die Nachhilfeunterricht erhalten, von 18 Prozent im Jahre 2002 auf 21 Prozent im Jahr 2006 kräftig gestiegen ist. Am Ende eines Schuljahres summiert sich der Anteil von Schülern, die Nachhilfe erhalten haben, in manchen Schulklassen auf 40 Prozent.

Besonders nachgefragt werden Mathematik und die Fremdsprachen, in jüngster Zeit aber auch andere Fächer und außerdem immer mehr "soft skills", also Arbeits- und Zeitmanagement, Umgang mit Texten und Medien und so weiter. Alles, was im Schulalltag nicht so gut zum Zuge kommt.

Die schulische Nachhilfe ist ein umkämpfter Markt. In Zeiten von Pisa-Schocks sind Eltern mehr als bereit, bis zu 75 Euro pro Woche zu zahlen, damit ihr Sprössling nicht sitzen bleibt und einen angemessenen Schulabschluss schafft. Eigentlich kann man froh sein, dass sich der Schwarzmarkt allmählich ausdünnt.

Viele Eltern schaffen es, die Beträge steuerlich geltend zu machen. Eine neue Form von Schulgeld und Bildungsgebühren hat sich hier breit gemacht. Von einer reinen Steuerfinanzierung des Schulsystems kann man lange nicht mehr reden.

Zu den beiden großen Ketten, die seriöse Nachhilfe anbieten, gehören der Schülerkreis und die Studienhilfe, beide mit Sitz in Bochum. Sie sind jeweils großen Bildungskonzernen angegliedert. Die beiden Großen haben jeweils etwa 1000 Filialen, die über weite Strecken im Franchise-System betrieben werden.

Jüngst hat sich der Studienkreis einen neuen Clou ausgedacht. Er bietet zum Schnäppchen-Einsteigerpreis über die Kaffeehauskette Tchibo Schnupperkurse in Nachhilfe an. Eine sehr einfallsreiche Form, um Eltern die Hemmschwelle für die Buchung eines Kurses für ihr Kind zu nehmen. Sicherlich kann man es einem kommerziellen Anbieter nicht übel nehmen, auf diese Weise neue Klientel für die Nachhilfe zu erschließen.

Ein fader Geschmack bleibt aber. Was ist das für ein Schulsystem, bei dem Eltern auf eigenes Konto, meist klammheimlich hinter dem Rücken von Lehren, oft auch vor Verwandtschaft und Nachbarschaft geheim gehalten, ihren Kindern Spezialkurse in individueller Leistungsförderung buchen?

Warum schaffen es die Schulen nicht, einen so guten Unterricht und ein so intensives Verhältnis zu den Eltern aufzubauen, dass diese Vertrauen in die Leistungen der Lehrkräfte haben?

Wo bleibt das vielbeschworene Angebot für die individuelle Leistungsförderung im täglichen Unterricht? Man wünschte sich den Schulen den Einfallsreichtum, der die Manager von Studienkreis und Tchibo auszeichnet. Die Schulen könnten selbst ein Café eröffnen, das für Schüler und Eltern attraktiv ist. Die Schulen könnten eigene Lernzentren einrichten, in denen einfühlsame Angebote unterbreitet werden und nebenbei über pädagogische Fragen und Arbeitsschwerpunkte der Schulen geredet wird.

Einzelne Schulen haben hier Großes geleistet und sind sehr erfolgreich. Da hat kommerzielle Nachhilfe keinen Stich mehr. Einigen Lehrerkollegien gelingt die individuelle Förderung der Schüler heute vorzüglich, durchaus auch mit ungewöhnlichen Modellen, die von den Kommerziellen abgeguckt sind. Aber sie stellen eine sehr kleine Minderheit dar.

Auch nach dem Pisa-Schock gehen die Reformen im deutschen Schulsystem zu langsam voran. Viele Eltern werden völlig zu Recht immer unruhiger. Da ist es eben nicht verwunderlich, dass Privatinitiativen, auch solche mit kommerziellem Hintergrund, in die Bresche springen.

Autor:  KLAUS HURRELMANN
Datum:  13 | 10 | 2008
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