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12. November 2010

Schwangerschaft: Klüger, weil Mama getrunken hat?

 Von Birgitta vom Lehn
Kann mäßiger Alkohlgenuss in der Schwangerschaft unschädlich, gar förderlich zur Kindesentwicklung sein? Experten bezweifeln das. Foto: dpa

Britische Forscher finden heraus: Leichter Alkoholgenuss in der Schwangerschaft schadet dem Kind nicht. Doch die Studie bringt andersdenkende Experten auf die Barrikaden: Sie raten dennoch zu Abstinenz.

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Schwere Schäden

Alkohol gehört zu den potenziell giftig wirkenden Stoffen, die die Plazentaschranke, die den Blutkreislauf der Mutter und jenen des Kindes trennt, durchdringen können, so dass das Ungeborene in kurzer Zeit über die Nabelschnur den gleichen Alkoholpegel erreicht wie seine Mutter. Die Mutter baut den Alkohol jedoch zehnmal schneller ab als der Embryo oder Fötus. Ein Embryo hat keine und ein Fötus nur geringe eigene Möglichkeiten zum Abbau von Alkohol, da die dafür notwendigen Enzyme nur sehr begrenzt und teils erst Wochen nach der Geburt vorhanden sind.

Studien zufolge trinken zwölf bis 15 Prozent der Schwangeren mindestens einmal pro Monat Alkohol. Nach Schätzungen von Experten der Berliner Charité kommen wegen Alkoholkonsums ihrer Mütter jährlich zwischen 4000 und 10.000 Kinder mit teils schweren körperlichen und geistigen Schäden zur Welt. bvl

Trinkt die Mama in spe ein oder zwei kleine Gläschen Wein à zehn Milliliter pro Woche, dann trinkt das Baby im Bauch zwar mit, es schadet ihm aber nicht. Zu diesem Ergebnis kommen britische Forscher des University College in London in einer Studie an mehr als 11 000 Fünfjährigen. Die im Journal of Epidemiology and Community Health veröffentlichte Untersuchung bestätigt damit Zwischenergebnisse von vor zwei Jahren. Damals hatten die Forscher bereits verkündet, bei Dreijährigen seien keine nachteiligen Auswirkungen bezüglich Verhaltensentwicklung und geistigen Kapazitäten erkennbar. Mit ihrem Fazit gießen die Wissenschaftler nun erneut Öl ins Feuer einer seit Jahren unter Fachleuten umstrittenen Frage, ob Alkohol in der Schwangerschaft das Kind im Mutterbauch gefährdet oder nicht. Je nach Nationalität fällt die Antwort unterschiedlich aus. Während in einigen Ländern wie den USA, Frankreich und Deutschland Abstinenz gepredigt wird, gelten in Großbritannien ein bis zwei Drinks ein- bis zweimal wöchentlich als relativ sicher. Insofern bestätigt die neue Studie nur die nationale Haltung.

In Australien galten bis November 2007 zwei Drinks pro Tag und unter sieben pro Woche als unbedenklich. Inzwischen lautet die offizielle Empfehlung dort jedoch auch „no drinking is the safest option“, also völlige Alkoholabstinenz.

Die britischen Wissenschaftler hatten für ihre Studie die schwangeren Probandinnen in verschiedene Gruppen einsortiert: in solche, die nie trinken; die nur in der Schwangerschaft nicht trinken; die nur wenig trinken („light“); die mäßig trinken („moderate“); die häufig trinken („heavy“ / „binge“). Als ihre Kinder fünf Jahre alt waren, besuchten die Wissenschaftler die Familien und befragten sie nach eventuellen kognitiven und emotionalen Defiziten der Kinder. Ergebnis: Die Mädchen und Jungen derjenigen Mütter, die in der Schwangerschaft ein wenig getrunken hatten („light drinkers“), also etwa ein bis zweimal je zehn Milliliter Wein, zeigten insgesamt sogar weniger Probleme als diejenigen, deren Mütter komplett auf Alkohol verzichtet hatten (bei Jungen 6,6 versus 9,6 Prozent, bei Mädchen 4,3 versus 6,2 Prozent). Hyperaktivität kam bei ihnen ebenfalls seltener vor (bei Jungen 10,1 versus 13,4 Prozent, bei Mädchen 5,5 versus 7,7 Prozent). Außerdem schnitten die Kinder der „Light“-Trinkerinnen in kognitiven Tests etwas besser ab: Sie verfügten über einen höheren Wortschatz, besaßen ein besseres Bildgedächtnis und waren fitter im Basteln.

Kein Freifahrtschein

Britische Gesundheitsexperten warnen allerdings davor, die neue Studie als Freifahrtschein für Alkoholgenuss in der Schwangerschaft zu betrachten. Es bestehe die Gefahr, dass Schwangere mit einer kleinen Menge Alkohol anfangen und dann doch mehr trinken als sie eigentlich dürften. So zeigen Erfahrungen in Ländern mit einer eher liberalen Empfehlung, dass Schwangere dann auch mehr konsumieren als empfohlen.

Starker Alkoholgenuss während der Schwangerschaft schädigt nämlich in jedem Fall das Kind, das beweist auch diese Studie: Jene Fünfjährigen, deren Mütter starke Trinkerinnen waren („heavy“), schnitten erwartungsgemäß am schlechtesten ab, sowohl hinsichtlich emotionaler wie auch kognitiver Fähigkeiten.

.„Es besteht kein Zweifel, dass schwerer Alkoholgenuss einen negativen Einfluss hat“, sagt Studienautor Dieter Wolke, Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Warwick, und weist auf das gefürchtete Fötale Alkoholsyndrom (FAS) hin. Dabei handelt es sich um die vorgeburtlich entstandene Schädigung eines Kindes durch Alkohol. „Wenn möglich sollten Mütter während der Schwangerschaft keinen Alkohol trinken. Starkes Trinken sollte auf jeden Fall vermieden werden.“

Die Stiftung für das behinderte Kind setzt für ihre „Mein-Kind-will-keinen-Alkohol“-Kampagne seit Jahren auf vollständige Abstinenz: „In Abhängigkeit von Reifestadium und Alkoholmenge wirkt sich so der Alkoholkonsum der Schwangeren nachhaltig schädigend auf die körperlich-organische, kognitive und soziale Entwicklung des Ungeborenen aus.“ Für ihre Plakataktion gewann die Stiftung prominente Mütter wie Bettina Wulff („Kein Gläschen in Ehren!“) und Silvana Koch-Mehrin („Die Verantwortung für Ihr Kind beginnt schon vor der Geburt!“).

Zweifel an der Studie

Dass selbst Frauenärzte Alkoholkonsum in der Schwangerschaft tolerieren, findet Stiftungsvorsitzender Joachim Dudenhausen, der bis zu seiner Emeritierung Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Berliner Charité war, „völlig inakzeptabel, denn es gibt keine Toleranz eines Embryos gegenüber den Giftstoffen Alkohol und Nikotin“.

Dudenhausen steht der britischen Studie aus zwei Gründen skeptisch gegenüber. „Erstens wissen wir nicht, welche Alkoholmenge schädlich ist.“ Vermutlich gebe es Unterschiede, die den Zeitpunkt betreffen: So könnte es sein, dass Alkohol zu Beginn der Schwangerschaft zwar weniger schädlich ist für das Gehirn, aber stärker für die Formung des Gesichts oder anderer Körperteile.

„Zweitens bezweifle ich die wissenschaftliche Exaktheit der Studie. Denn: Wie aussagekräftig ist es, wenn Frauen rückwirkend über ihren Alkoholgenuss während der Schwangerschaft berichten sollen?“

Dudenhausen plant nun eine Studie, die das Trinkverhalten Schwangerer aufgrund von Haaranalysen zum Geburtstermin nachweisen kann. „Anhand der gewachsenen Haare kann man dann sehr genau erkennen, wie viel Alkohol die Frauen genossen haben.“ Von exakten Daten verspricht sich der Mediziner einheitlichere Empfehlungen. „Solange wir keine stichfesten Daten haben, wird es auch unter Experten keine einheitliche Meinung geben.“

Wie groß die Differenzen sind, macht das Stichwort „Gesellschaftstrinkerinnen“ klar: Für Dudenhausen zählen genau diese Frauen zur Problemgruppe und „nicht die Schwangere mit Dauerfahne“, von denen es ohnehin nur verschwindend wenige gebe.

Sein Kollege Klaus Vetter, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), hat hingegen nichts gegen das „gepflegte Trinken“ einzuwenden. „Ansonsten müsste das FAS-Syndrom ja in Ländern wie Italien und Frankreich, wo das Glas Wein zur täglichen Tischkultur einfach dazu gehört, stark verbreitet sein.“ Vetter findet deshalb die Alkohol-Abstinenz-Kampagne für Schwangere „sehr einseitig“, sie „grenzt aus“. Das Problem sei nur, dass die jüngste Studie „das falsche Signal an die falschen Leute“ senden könnte.

Vetter: „Ich ziehe aus der Studie den Schluss: Der gebremste, zivilisierte Genuss von Alkohol schadet dem Kind nicht.“ Nur dürfe man daraus nicht den umgekehrten Schluss ziehen: „Wenn etwas nicht schadet, muss man es noch lange nicht machen. Und ob es nützt, ist nicht bewiesen.“ Dazu bedürfe es vor allem einer gründlichen sozioökonomischen Analyse. Denn es stehe zu vermuten, dass diejenigen Probandinnen, die Alkohol in Maßen genossen hatten und deren Kinder bessere kognitive und emotionale Ergebnisse aufwiesen, vorwiegend der bildungsbürgerlichen Schicht entstammten und schon dadurch im Vorteil waren.

Für „absoluten Schwachsinn“ hält Thomas Dimpfl, Direktor der Frauenklinik des Klinikums Kassel, das Fazit der britischen Forscher. „Wir wissen alle, dass Alkohol schädlich ist und wir wissen auch sehr genau, dass es keine genau zu definierende Schwelle gibt, sprich wie viel schadet nicht.“

Daher sei die Empfehlung für die Schwangerschaft „ganz klar“: jegliches potenziell Gefährliche vermeiden. Dimpfl: „Es gibt für alles ein Studie, aber man darf meines Erachtens auch den gesunden Menschenverstand nicht ausschalten.“

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