Tabus fallen langsam, niemals mit einem Paukenschlag. Das gilt für kaum ein aktuelles Thema so sehr wie für den sexuellen Missbrauch und andere Formen von Gewalt in Schulen, Heimen und kirchlichen Einrichtungen. Die ungeschriebenen Gesetze der Tabuisierung („Beschädige kein Heiligtum!“) schützten sowohl die Kirchen als auch die Reformpädagogik mit ihrem Nimbus aus Vorreiter-Pädagogik und Unfehlbarkeit. Es waren die Missbrauchsopfer der Odenwaldschule, die dieses Denkmal vom Sockel stießen. Jetzt macht sich die Erziehungswissenschaft daran, die Scherben aufzukehren.
Der Marburger Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger hat keine General-Abrechnung mit der Reformpädagogik verfasst, wie es etwa der taz-Bildungsjournalist Christian Füller kenntnisreich für die Odenwaldschule getan hat („Sündenfall – wie die Reformschule ihre Ideale missbrauchte“, 2011). Aber auch Hafeneger kratzt am massiv beschädigten Denkmal und fordert einen klaren Blick auf die angeblichen Erfolge der Bewegung, die auch „eine Pädagogik der schönen Rede“ sei. Seine These lautet: Weniger die Reformpädagogik und einzelne Schulversuche haben nachhaltige Veränderungen in der Schullandschaft bewirkt, als vielmehr „reale Entwicklungen und Herausforderungen in Ökonomie und Gesellschaft“.
Doch Hafenegers Thema ist nicht nur die Reformpädagogik. Vielmehr ordnet er das Tabu der sexuellen, psychischen und körperlichen Gewalt in allen pädagogischen Einrichtungen in einen historischen Kontext ein. Damit erklärt er vieles und beleuchtet gleichzeitig die Schwachstellen der professionelle Pädagogik. Außerdem bekennt der Wissenschaftler sich – und das ist nicht typisch für seine Zunft – zu den blinden Flecken der pädagogischen Forschung. Mit den Worten des Kieler Erziehungswissenschaftlers Uwe Sielert („Zur Bedeutung des aktuellen Diskurses über sexuelle Gewalt in pädagogischen Institutionen für die Erziehung“, 2011) räumt Hafeneger ein: „Mit dem sexuellen Missbrauch in schulischen und außerschulischen Institutionen hat ein heißes Thema die Erziehungswissenschaften kalt erwischt.“
Hafeneger beschreibt in seiner Analyse die Gewalt gegen Schutzbefohlene als historisches Muster. Das ist hilfreich, denn um die Auswirkungen einer Schwarzen Pädagogik bis heute verstehen zu können, muss man sich die Jahrhunderte alte Maxime einer Strafpädagogik vergegenwärtigen, die bis weit in die Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkte. Sie besagte, schreibt Hafeneger, dass ein Kind „geschlagen geprügelt und mit einer als notwendig erachteten Härte und strategischer Gefühlskälte erzogen werden müsse“. Die leitende pädagogische Idee, den Willen des Kindes zu brechen, entfaltete ihre verheerende Wirkung bis heute.
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