Beherzt ins Wasser zu springen, ist die größte Herausforderung. Wenn Claudia Borno Schwimmkurse gibt, dann gehen ihre Schülerinnen oft zum ersten Mal in ihrem Leben in ein Wasserbecken. Sie unterrichtet muslimische Mädchen und Frauen bis 60 Jahren. "Für viele ist das ein ganz neues, tolles Körpergefühl", sagt die Aachenerin. Das Schwimmen sei wie ein "Selbstbewusstseinskurs".
Borno wurde von der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) ausgebildet. Bundesweit einmalig haben 20 Frauen und Mädchen mit ausländischen Wurzeln in Bad Hennef die Eignung zur Schwimm-Ausbilderin für Muslime erworben. "Wenn es uns gelingt, ein landesweites Lehrangebot für diesen Personenkreis anzubieten, werden in Zukunft weniger Menschen ertrinken", sagte NRW-Sportminister Ingo Wolf (FDP).
Tatsächlich hat eine Studie der Universität Bielefeld gezeigt, dass jeder vierte muslimische Grundschüler nicht schwimmen kann. Bei den deutschen waren es nur jeder sechste, für die Verfasser gleichwohl eine alarmierende Zahl. Die größten Hindernisse für das Wasserplantschen: In einigen islamischen Auslegungen muss sich die nackte Frau vor dem Mann verhüllen, damit er nicht auf sündige Gedanken kommt. So sollen muslimische Mädchen und Frauen nicht gemeinsam mit Jungen und Männern in die Badehalle gehen und das Becken darf auch nicht von außen einsehbar sein.
Auf diese Wünsche geht Claudia Borno ein. Während ihrer Kurse ist das städtische Schwimmbad für Musliminnen reserviert. Sie ist selbst als junge Frau zum Islam konvertiert und konnte seitdem nicht mehr in öffentlichen Anlagen schwimmen. "Es ist toll, die freudestrahlenden Gesichter zu sehen, wenn die Frauen ihre Schwimmzüge machen", sagt Borno.
So soll auch das DLRG-Projekt funktionieren: Die Kinder sollen in der Freizeit Spaß am Schwimmen haben. "Das funktioniert am besten über Mundpropaganda", sagt Dirk Zamiaria von der DLRG. Moscheen oder Sportvereine sollen auf das Angebot hinweisen. Die zwanzig Kursleiterinnen gewöhnen sich dabei spielerisch an das Wasser. "Wer nie schwimmen gelernt hat, für den ist der Druck- und Kältereiz ein Schock", sagt Zamiaria. Die Neulinge sollen erst einmal untertauchen, unter Wasser die Augen öffnen und ausatmen können. "Schwimmen ist eines der liebsten Hobbies von Kindern", sagt Zamiaria. Es sei außerdem Voraussetzung für viele weitere Sportarten wie Surfen, Segeln oder Kanufahren.
Das kann auch Christa Kleindienst-Cachay bestätigen. Die Sportwissenschaftlerin an der Universität Bielefeld plädiert aber dafür, zunächst zu versuchen, die Eltern der muslimischen Mädchen von einer Teilnahme am Sportunterricht zu überzeugen. "Wenn ihnen das verboten wird, empfinden sie das häufig als Ausgrenzung", sagt Kleindienst-Cachay. Sie hat in Interviews mit Bielefelder Schülerinnen erfahren, dass in vielen Fällen schon ein geringes Entgegenkommen die skeptischen Familien überzeugen kann.
"Wenn das Kind zum Beispiel einen langarmigen Schwimmanzug anziehen kann, erledigen sich viele Sorgen", so die Forscherin. Laut ihrer Studie nimmt die große Mehrzahl der türkischen Mädchen ohnehin am gemischten Schwimmunterricht teil, in Bielefelds Schulen waren nur acht von ihnen abwesend. "So groß wie das Problem häufig dargestellt wird, ist es nicht." Wenn aber die Gespräche zwischen Eltern und Lehrern nicht fruchten, sollte es auch ihrer Ansicht nach ein spezielles Angebot geben. "Schwimmen ist die einzige Sportart, bei der man sein Körpergewicht nicht spürt, das ist eine wichtige Erfahrung."
Und eine offenbar attraktive. Für den Schwimmkurs von Layla Kamil Abdulsalams Verein stehen 200 Mädchen und Frauen auf der Warteliste. "Das ist für alle ein Kick fürs Selbstbewusstsein", sagt die 20-Jährige aus Bonn. Die Frauen hätten lange Zeit auf so ein Angebot gewartet, so die Lehramtsstudentin. Sie glaubt, die Kurse würden die Integration fördern. "Die Alternative ist, dass wir gar nicht schwimmen."
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