Aktuell: Terror | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wissen
Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

09. April 2014

Selektiver Mutismus: Erstarren im Schweigen

 Von 
Mutistische Kinder haben extreme Angst vor ungewohnten Situationen.  Foto: Imago/Symbolbild

Der „Selektive Mutismus“ ist eine wenig bekannte, aber nicht seltene Sprachstörung. In Deutschland sind Schätzungen zufolge zwischen 6000 und 10.000 Kinder betroffen, davon mehr Mädchen als Jungen.

Drucken per Mail

Der erste Tag im Kindergarten gerät zum Fiasko. Sophie redet nicht, auch auf jedes noch so freundliche Zureden der Erzieherin verweigert sie jede Kontaktaufnahme. „Ach, die ist nur ein bisschen schüchtern, sie fremdelt noch“, beruhigen sich die Eltern. Doch die Situation bessert sich auch nach Wochen nicht. Sophie spricht kein Wort, nicht mit der Erzieherin, auch nicht mit den meisten Altersgenossen. Nur mit wenigen Kindern unterhält sie sich, im Flüsterton. Alleine mit Schüchternheit, einem introvertierten Wesen oder gar Bockigkeit lässt sich das Verhalten nicht erklären. Die Dreijährige kann in dieser Situation schlicht nicht sprechen, sie empfindet sie als so bedrohlich, dass sie wie ohnmächtig wird, auch ihr ganzer Körper scheint einzufrieren.

Sophie leidet unter „Selektivem Mutismus“; mutus bedeutet stumm, selektiv bezieht sich darauf, dass das Problem nur in bestimmten Situationen auftaucht. Es handelt sich dabei um eine Sprachstörung, die den meisten Menschen wohl unbekannt, aber gar nicht so selten ist: In Deutschland sind Schätzungen zufolge zwischen 6000 und 10 000 Kinder betroffen, davon mehr Mädchen als Jungen. Unbehandelt nehmen sie ihre Schwierigkeiten mit ins Jugend- und Erwachsenenalter, wo sich Sozialphobie, Depressionen und Zwänge hinzugesellen können, warnt die Mutismus Selbsthilfe Deutschland.

Hohe Dunkelziffer

Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer weit über den bekannten Fällen liegt, da selbst Mediziner die Störung oft nicht als behandlungsbedürftig ansehen, sagt Michaela Roth, Sprachtherapeutin aus Offenbach, die selbst mehrere Kinder mit Selektivem Mutismus behandelt. Dieser wird zudem häufig mit Autismus verwechselt, doch zwischen beiden gibt es entscheidende Unterschiede, erklärt Psychologe Joachim Kutscher von der Leibniz Universität Hannover in einem Fachbeitrag für den mit dem Thema beschäftigten Verein „StillLeben“.

So sei Autismus eine „tiefgreifende Störung auf der Wahrnehmungsebene“, Mutismus hingegen eine Störung „auf der Ebene der sozial-emotionalen Kommunikation“. Anders als Autisten können mutistische Menschen Emotionen zeigen und enge Beziehungen eingehen. „Oft haben diese Mädchen und Jungen sogar ein sehr inniges Verhältnis zu ihren Eltern“, erklärt Michaela Roth. Das Problem dieser Kinder ist es, dass sie ungewohnte Situationen wie Kindergarten, Schule, Besuche bei anderen Menschen oder auch den Einkauf im Supermarkt als extrem beängstigend erleben – und deshalb dort niemals sprechen, auch nicht nach längerer vermeintlicher „Eingewöhnungszeit“.

Das sei kein bewusster und freiwilliger Entschluss, sagt die Sprachtherapeutin, vielmehr bestimme die jeweilige Situation, ob Sprechangst aufkomme und diese dann so heftig werde, dass sie zu einer Art Erstarrung führe. In vertrauter Umgebung und mit nahestehenden Menschen reden mutistische Kinder hingegen ganz normal, sie können dort sogar regelrechte „Quasselstrippen“ sein; der Verein „StillLeben“ führt auf seiner Internetseite als Grund dafür „Nachholbedarf“ an.

Zwar wurde die Störung bereits 1780 erstmals beschrieben, doch die genauen Ursachen sind bis heute nicht geklärt. Eine genetische Veranlagung zur sozialen Ängstlichkeit wird vermutet, erklärt Sprachtherapeutin Roth, in den meisten Fällen sei ein Elternteil ebenfalls sehr schüchtern oder habe in der Kindheit unter ähnlichen Problemen gelitten. Aber auch Umweltfaktoren können mitwirken. So seien überdurchschnittlich viele Kinder aus Migrantenfamilien betroffen, erzählt Michaela Roth – was sich mit der Annahme trifft, dass eine zweisprachige Erziehung einen Risikofaktor darstellen kann.

Mutisten sind sehr feinfühlig, normal intelligent, viele sogar hochbegabt, in der Schule kompensieren sie nach Angaben von „StillLeben“ die mangelnde mündliche Beteiligung oft mit guten schriftlichen Leistungen. Insgesamt, so Michaela Roth, neigten Mutisten zu vorsichtigem Verhalten, auch ihre gesamte Motorik könne davon betroffen sein.

Frühe Diagnose wichtig

Wichtig sei es, die Störung früh zu diagnostizieren und dann schnell zu behandeln, erklärt die Therapeutin, „damit die gravierenden psychosozialen Konsequenzen das Kind nicht in eine soziale Isolation zwingen“. Denn spätestens im Jugendalter könne sich die Außenseiterrolle manifestiert haben und sich dazu schwere Probleme in der Schule und später im Beruf gesellen.

Früher kümmerten sich vor allem Psychotherapeuten oder Psychiater um mutistische Kinder, seit 20 Jahren spielt auch die Sprachtherapie eine zunehmend wichtige Rolle. Ziel ist es immer, die Angst vor dem Sprechen in kleinen Schritten zu überwinden. Entscheidend dabei sei eine behutsame Kontaktaufnahme, der Verzicht auf laute Geräusche, als hilfreich erweise es sich häufig auch, die Kommunikation zunächst über Handpuppen zu führen, sagt Michaela Roth aus eigener Erfahrung.

Mehr dazu

Immer, so lauten die so genannten „Stuttgarter Rahmenempfehlungen zur Mutismus-Therapie, müssten zudem auch die Eltern in eine Therapie einbezogen werden. Denn sie können ungewollt die Sprachstörung aufrechterhalten, indem sie – gut gemeint – die Rolle als Sprachrohr übernehmen oder Rededruck ausüben. Auch sei eine enge Kooperation mit dem „institutionellen Umfeld“ der Betroffenen nötig – etwa mit dem Personal von Kindergärten oder Schulen.

Frühzeitig erkannt und therapiert lassen sich die Probleme oft gut in den Griff bekommen, sagt Michaela Roth, auch wenn es dauern kann und viele Betroffenen in ihrem Leben wohl keine Plaudertaschen mehr werden. Dabei könnten besorgte Eltern auch darauf setzen, dass es, wie die Therapeutin sagt, bei allen zu überwindenden Barrieren doch einen „angeborenen Wunsch zu Kommunikation gibt“.

Infos: www.mutismus.de oder www.selektiver-mutismus.de

[ Wie wollen wir wohnen? Die neue FR-Serie - jetzt digital oder gedruckt vier Wochen lang ab 19,50 Euro lesen. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung.

Gesundheitsgefahr

Pflanzengift in Kräutertee nachgewiesen

Als gesundheitlich bedenklich wurden bei einer Laboranalyse vier von sechs Pfefferminz- und Kräutertees eingestuft.

Bei einer Laboranalyse im Auftrag des NDR wurden in einer Stichprobe in vier von sechs Pfefferminz- und Kräutertees sogenannte Pyrrolizidinalkaloide entdeckt. Diese sollen krebserregend sein und auch Leberschäden verursachen.  Mehr...

Nordsee und Ostsee

Plastikmüll in Speisefischen

Auch der Kabeljau gehört zu den belasteten Arten.

Wissenschaftler finden in Speisefischen aus der Nord- und Ostsee Reste von Plastikmüll. Für Fischkonsumenten hat das nach Angaben des Studienleiters "wahrscheinlich keinerlei Auswirkungen". Mehr...

Videonachrichten Wissen
Schutz der Ozonschicht
Das Nasa-Satellitenfoto dokumentiert die Größe des Ozonlochs über der Arktis im Winter 1999/2000. Je dunkler das Blau, desto dünner die Ozonschicht.

Was ist Ozon? Wofür ist Ozon wichtig? Und wie groß ist derzeit das Ozonloch? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt es hier.

Anzeige

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Quiz

Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.