Spätestens wenn die Schamhaare sprießen, fangen Jugendliche an, sich mit ihrem Körper zu beschäftigen. Fiebern aufgeregt dem ersten Kuss entgegen und fragen sich, wie es ist, wenn man zum ersten Mal verliebt ist. Über all das offen zu reden, ist in dem Alter immer schwierig.
Doch bis tief in die 60er Jahre und darüber hinaus war es in den meisten Familien verpönt, unbefangen über Sex zu plaudern. Erst recht in der Schule. Das jedoch änderte sich schlagartig, als Schüler vor 40 Jahren zum ersten Mal einen Sexualkunde-Atlas in die Hand bekamen.
In den Lehrplänen aller Bundesländer ist Sexualerziehung verankert, oft schon in der Grundschule. Dabei geht der Trend weg vom nüchternen Sexualkundeunterricht hin zur offenen Aufklärung.
Das Thema Homosexualität steht mittlerweile in allen Lehrplänen. Unterschiede gibt es aber zwischen den Ländern, etwa bei der Frage, wie Familienorientierung, Selbstbefriedigung oder Lust gewertet werden.
Erstmalig verständigte sich die Kultusministerkonferenz 1968 auf länderübergreifende Empfehlungen zur Sexualerziehung.
In Ostdeutschland gehörte das Thema im Fach Biologie, allerdings unter dem sprechenden Titel "Fortpflanzung", seit 1947 zum Lehrplan.
Ein endgültiger Durchbruch war das Urteil des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe, 1977, das befand, der Erziehungsauftrag der Schule sei dem Recht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder gleichgestellt. Fortan war außerdem das Thema "Verhütung" in allen Ländern verbindlicher Unterrichtsstoff.
Auf einer Internetseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung informieren Jugendliche Gleichaltrige über Sexualität und beantworten Fragen: www.loveline.de
Während es heute Aufklärungsbücher schon für Kindergartenkinder gibt, betrat die Gesundheitsministerin damals völliges Neuland. Als Käte Strobel (SPD) am 10. Juni 1969 den neuen Sexualkundlichen Atlas vorstellte, verletzte sie das Moralgefühl vieler zutiefst. In der Sexualaufklärung sahen die Kritiker eine intime Familienangelegenheit, die nichts im Unterricht verloren hatte.
Dabei richtete sich die Empörung gar nicht gegen etwaige sinnlich-obszöne Darstellungen im Sexualkunde-Atlas. Es war schon ein kleines Kunststück Strobels, ein Aufklärungsbuch heraus zu bringen, in dem kein einziges Foto einer weiblichen Brust abgebildet ist. Das einzige Foto, auf dem ein Penis zu sehen ist, zeigt ein ekliges Syphilis-Geschwür. Daneben steht: "Die wichtigste vorbeugende Maßnahme" gegen die Geschlechtskrankheit sei, Sex mit Unbekannten zu meiden.
Der menschliche Körper in popfarbene Schemata gepresst
Während die Erläuterungen zu Geschlechtsorganen und dem Eireifungsvorgang auf 48 Seiten betont nüchtern gehalten sind, würde die Farbauswahl sogar Andy Warhol Ehre machen. Der menschliche Körper ist in popfarbene Schemata gepresst: Die Vorsteherdrüse leuchtet in knalligem Waldgrün, die Eierstöcke in warmem Lila. Hamburger Grundschüler veranlasste das denn auch zur Nachfrage: "Sind die Organe im Körper wirklich so gelb und grün?" Die Zeitung Die Welt spottete dann auch, der Atlas lese sich wie die Bedienungsanleitung für Kühlschränke.
Symptomatisch, dass der streng wissenschaftlich gehaltene Atlas kein Wort über Küsse oder zärtliche Berührungen verliert. Die Fragen und Nöte Jugendlicher kommen da zu kurz. Das Minenfeld Sexualität abseits der rein körperlichen Vorgänge und alle damit verbundenen Peinlichkeiten werden umschifft. Für Heranwachsende, die unsicher sind, wie sie mit dem anderen Geschlecht umgehen sollen, war der Atlas bestimmt keine große Hilfe.
Wie unsicher Schüler beim Thema Sexualität sind, hat auch Regine Lindner erlebt, als sie 1969 an einer Dortmunder Gesamtschule unterrichtete. Das Gekicher war groß, berichtet sie, als sich damals ein Junge zwei Orangen unter seinen Pullover steckte und vor der johlenden Klasse posierte. Statt den Jungen zu maßregeln, konterte die Lehrerin mit Humor: "Das, was du da hast, habe ich in echt, toll oder?" Und genau das ist es ja, was Sexualkunde so interessant macht. Sie hat, jenseits der Biologie, ungeheuer viel mit einem selbst zu tun. Doch das zu thematisieren, war vor 40 Jahren ein Riesentabu.
"Für das schöne und normale Gefühl verliebt zu sein, gab es gar keine Sprache", sagt Lindner. Und oft auch keinen Ort: Als sie Mitte der 60er ihr Abi an einem Mädchengymnasium machte, wartete ihr Freund nach Schulschluss nicht am Tor, sondern versteckt in einer Parallelstraße auf sie.
Der Atlas wirkt aus heutiger Sicht altbacken - Lindner wollte ihr Exemplar deshalb schon zum Altpapiermüll geben, bevor es doch noch als Ausstellungstück in der Frankfurter Fachhochschule Verwendung fand. Und dennoch löste das streng wie ein Biologiebuch gestaltete Werk 1969 eine Welle von Protest aus. Viele Eltern, die Kirchen und die CDU empörten sich: Sittliche Werte seien völlig ausgeklammert und die Sexualität rein biologistisch abgehandelt, kritisierten sie.
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