Eine Jugendhilfeeinrichtung der evangelischen Diakonie im Landkreis Potsdam in den 90er Jahren: Abends fährt vor dem Haus ein Auto vor. Jungen aus dem Heim steigen ein. Sie werden erst am nächsten Morgen zurückgebracht. Ein Mitarbeiter und ein Mann von außerhalb organisieren das schmutzige Geschäft. Die missbrauchten Minderjährigen schweigen - aus Scham.
"Sie haben die Jungs einfach an Kunden verkauft", sagt der heutige Vorstand des Diakonieverbunds Schweicheln, Rainer Kröger. Der perfide Machtmissbrauch an Schutzbefohlenen macht den Diplompädagogen noch heute fassungslos. Die Mitarbeiter von damals waren zwar längst verurteilt, als er 1999 die Leitung des Diakonieverbunds übernahm.
Exakte Angaben darüber, wie viele Kinder und Jugendliche in Deutschland sexuell missbraucht werden, gibt es nicht. Die Dunkelziffer gilt in diesem Bereich als sehr hoch. Schätzungen zufolge wird jedoch jedes vierte Mädchen und jeder achte Junge bis zum 18. Lebensjahr einmal Opfer sexueller Gewalt.
Wie viele Minderjährige durch Priester, Sozialarbeiter, Heimleiter, Lehrer oder andere Autoritätspersonen missbraucht werden, ist empirisch ebenfalls kaum zu fassen. Zwar wird sexueller Missbrauch in Institutionen häufiger bei der Polizei angezeigt als Missbrauch innerhalb der Familie. Beide Fälle vermischen sich jedoch in der Statistik.
Die Bundeskriminalstatistik weist für das Jahr 2008 ganze 1615 Fälle von sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen "unter Ausnutzung einer Amtsstellung" bei Minderjährigen aus - bei mehr als 56000 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung insgesamt. (ki )
Doch auf die soziale Einrichtung hatte sich wie Mehltau etwas gelegt, das Kröger als "Nebel aus Mitwissen, Verdrängen und Tabuisierung" beschreibt: "Kein Missbrauch fällt plötzlich vom Himmel. Es gibt immer eine Geschichte dahinter."
Da war die Mitarbeiterin, die hinter der Gardine die Ankunft des Autos beobachtet hatte - und schwieg. Und da waren Reste einer "schwarzen Pädagogik", die sich trotz juristischer Aufarbeitung des Falls hielten. Beim Gespräch mit den Mitarbeitern über Grenzverletzungen in der Einrichtung sei die Debatte plötzlich explodiert, erinnert sich Kröger. Die ganze alte Geschichte kam wieder hoch, und mit ihr die Schuldzuweisungen und gegenseitigen Vorwürfe.
Die Macht und deren Missbrauch hat viele Gesichter. Eine der hässlichsten Fratzen ist die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen in jenen Institutionen, die sie eigentlich schützen müssten: in Heimen, Kindergärten, Pfadfindergruppen, Sportvereinen - oder eben in katholischen Schulen. Letztere scheinen zurzeit die Liste der Verfehlungen anzuführen.
Doch die Fixierung auf die katholische Kirche blendet aus, dass Missbrauch überall dort auftreten kann, wo Macht und falsch verstandene Autorität auf das Vertrauen und die Ohnmacht von Schutzbefohlenen treffen. Für besonders gefährdet hält Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Ulm, Kinder und Jugendliche in Heimen.
Dabei muss man nicht bis in die 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückgehen, wo in vielen Einrichtungen systematisch geschlagen und missbraucht wurde. Auch heute noch gelten viele Heime als wenig transparente Institutionen. Laut Fegert, der über den sexuellen Missbrauch in Institutionen forscht, sind Heimkinder beispielsweise einer größeren Gefahr ausgesetzt, durch Gleichaltrige oder ältere Jugendliche in der Einrichtung missbraucht zu werden - viele von diesen "Tätern" wiederum sind bereits mit eigenen Missbrauchserfahrungen in die Einrichtung gekommen. Ein Teufelskreis.
Untersuchungen zeigten zudem, dass der Zugang zu therapeutischen Maßnahmen für Heimkinder verglichen mit anderen Gleichaltrigen erschwert sei, sagt Fegert. "Die Hemmschwelle, zum Heimpsychologen zu gehen, ist enorm hoch für die Opfer. Viele befürchten, dass Täter und Heimleitung unter einer Decke stecken."
Wie weit das gehen kann, schildert der Psychotherapeut am Beispiel einer Klinik, bei der ein "charismatischer Leiter" nicht nur für sich, sondern auch für seine Mitarbeiter über Jahre hinweg die Wahrnehmung von Grenzen verschoben hatte. "Er ordnete beispielsweise an, dass die Kinder nackt baden müssen und beim Pinkeln gefilmt werden. Das Personal hat das mitgemacht - eingebaut in eine Ideologie, die der Missbraucher nach und nach aufgebaut hatte", sagt Fegert.
Wenn er als externer Fachmann Institutionen nach Missbrauchsfällen berät, dann drängt er vor allem auf eines: schonungsloses Aufarbeiten. "Es muss geklärt werden, wer wann falsch - oder auch richtig - reagiert hat. Wo Chancen vertan wurden", sagt Fegert. Institutionen müssten "bewusst durchlöchert werden - etwa durch intelligente Beschwerdesysteme". In seiner Klinik hat der Mediziner deshalb auf jeder Station Telefone installiert, die zu den Jugendämtern und Patientensprechern freigeschaltet sind.
Doch trotz jahrzehntelanger Aufklärungsarbeit und der seit den 70er Jahren geführten Debatte über sexuellen Missbrauch reagieren viele Institutionen immer noch hilflos und falsch. Sie ahnen oder wissen zwar, doch handeln sie nicht im Sinne der Opfer. Mitarbeiter schauen weg, Leitungen wollen den Ruf ihrer Einrichtung retten, anstatt Strukturen in Frage zu stellen. "Es darf nicht nur darum gehen, was strafrechtlich relevant ist", fordert Ursula Enders von "Zartbitter" in Köln, einer Beratungsstelle für Opfer von sexuellem Missbrauch. Auch sie empfiehlt Hilfe von außen - und zwar sofort, wenn ein Missbrauchsverdacht aufkommt.
Ansonsten geschieht meist das, was nicht nur die Opfer, sondern auch die Institution selbst zerstören kann: Das Mitarbeiter-Team spaltet sich in Pro und Kontra. Die einen trauen dem vermeintlichen Täter die Tat nicht zu und schützen ihn, die anderen behaupten, es immer schon geahnt zu haben. Beides hilft nicht weiter - vor allem den betroffenen Kindern und Jugendlichen nicht. Ganz wichtig sei, das Opfer anonym zu halten, sagt Enders: "Unsere Erfahrung zeigt: Sobald ein Kind oder ein Jugendlicher als Opfer geoutet wird, zieht es seine Vorwürfe zurück."
Der Diakonieverbund Schweicheln bei Potsdam nimmt für sich in Anspruch, aus den Missbrauchsfällen der Vergangenheit gelernt zu haben. Was eine Grenzverletzung ist und was nicht, definiert die Einrichtung selbst, nicht jeder Einzelne. Und wenn es zu Übergriffen komme, werde sehr rigoros gehandelt, beteuert Kröger: "Vor allem muss immer klar sein, auf welcher Seite wir stehen, nämlich auf der der Opfer."
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