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30. Dezember 2015

Silvester-Böller: Hochsaison für Handchirurgen

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Gleich wird es zwischen und krachen - dann ist der Böller hoffentlich nicht mehr in der Hand.  Foto: Getty

Alljährlich verletzten sich in Deutschland Tausende Menschen schwer an Silvesterkrachern. Das beschert Rettungsdiensten, Notaufnahmen und Handchirurgen rund um den Jahreswechsel jede Menge Arbeit.

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Es wird auch 2015 überall im Land wieder kräftig knallen, zischen und krachen am letzten Tag des Jahres – Böller gehören für viele Menschen an Silvester einfach dazu. Am 29. Dezember hat in Deutschland der Verkauf wieder begonnen – und damit in den Krankenhäusern „die Hochsaison der Handchirurgen“, wie die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) in einer Pressemitteilung schreibt. Die Mediziner warnen darin vor einem sorglosen Umgang mit Feuerwerkskörpern, denn es drohten schwere, nicht wieder gut zu machende Verletzungen: „Auch wenn die wiederherstellende Chirurgie heute mit Replantationen von Gliedmaßen und Extremitäten schon viel leisten kann, bleiben nach Böller-Verletzungen oft Funktionseinschränkungen zurück“, heißt es.

Zwar gibt es keine bundesweiten Statistiken über Böller-Verletzungen an Silvester. Doch die Mediziner der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie wissen aus ihrer Erfahrung zu berichten: Eine „durchschnittliche Silvesternacht an einem Großstadt-Krankenhaus sehe oft so aus: „60 Teilverletzungen wie zum Beispiel abgetrennte Finger oder Fingerglieder und fünf bis zehn schwere Verletzungen wie zum Beispiel eine zerstörte Hand“. Die meisten Verletzten seien junge Männer im Alter bis zu 25 Jahren, die zweite Haupt-Risikogruppe sind ebenfalls Männer, diesmal im mittleren Alter zwischen 50 und 60.

„Bei beiden Gruppen ist oft Alkohol mit im Spiel“, erklärt Andreas Eisenschenk von der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie in der DGOU und Chefarzt der Abteilung für Hand-, Replantations- und Mikrochirurgie am Unfallkrankenhaus Berlin: „Je mehr Alkohol man im Blut hat, desto leichtsinniger wird man.“ Die meisten großen Handverletzungen würden durch selbst gebastelte sogenannte Polen-Böller verursacht: „Wenn Böller in der Nähe des Kopfes explodieren, kann es aber auch zu Trommelfellzerstörungen kommen –und wenn sie sich in der Hosentasche entzünden, zu Genitalverletzungen“, erklärt Eisenschenk. Auch die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie warnt regelmäßig vor bleibenden Hörschäden wie Schwerhörigkeit und Tinnitus durch ein von Krachern verursachtes Knalltrauma.

Ab 22 Uhr wird es richtig ernst in den Kliniken

Für die Chirurgen werde es an Silvester stets ab etwa 22 Uhr „richtig ernst“, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie: „Die OP-Teams sind meist doppelt besetzt.“ Das hat nicht allein mit der Menge der eingelieferten Patienten zu tun, sondern auch mit der Komplexität der notwendigen Eingriffe: „Um Sehnen, Gefäße, Nerven und Knochen zu rekonstruieren, sind oft vier- bis zehnstündige Operationen notwendig, häufig auch noch weitere Folgeeingriffe“, erklärt Eisenschenk. Ein großes Problem bei Böller-Verletzungen sei es, „dass Explosionen keine glatten Schnittwunden verursachen, sondern zerfetze Ränder. Das machen das Nähen der Wunde „schwierig bis unmöglich“: „Wenn ein Körperteil verletzt war, wird immer eine Einschränkung bleiben, in Gefühl oder Funktion“, veranschaulicht der Arzt: „Wenn die Funktion da ist, aber nicht das Gefühl, ist die Hand funktionslos. Umgekehrt, wenn das Gefühl da ist, aber nicht die Funktion, dann ist die Hand blind.“

Doch was tun, wenn es trotzdem passiert ist und sich jemand durch einen Böller schwer verletzt hat? Ein abgetrennter Finger etwa kann nach Auskunft der Experten noch acht bis zehn Stunden lang wieder angenäht werden – auch, wenn er nicht gekühlt wurde. Andreas Eisenschenk empfiehlt deshalb: „Bevor man etwas falsch macht, die Gliedmaßen lieber ungekühlt transportieren. Denn wenn sie mit Eiswasser in Kontakt kommen, quellen sie auf und dann ist ein Wiederannähen nicht mehr möglich.“

Doch auch wenn es gelingt, einen abgetrennten Finger wieder anzunähen, ist meist nicht mehr alles so, wie es vorher war: So seien etwa mehr als 95 Prozent der replantierten Körperteile „äußerst kälteempfindlich“ und können bei großer Kälte Schmerzen verursachen erklärt Eisenschenk. Deshalb sei die Replantation nicht unbedingt bei jedem Menschen angezeigt: Für einen Musiker beispielsweise könne sie sinnvoll sein, bei einem Handwerker, der auch im Winter viel im Freien arbeite, hingegen nicht.

Gefahr mit Neujahr nicht gebannt

Mit Neujahr ist die Gefahr durch Böller indes längst nicht gebannt. In den folgenden Tagen werden dann hauptsächlich Kinder eingeliefert, die sich beim Sammeln von Blindgängern verletzt haben. Meist seien diese Verletzungen aber nicht sehr schwer, zudem seien die Körper von Kinder noch besonders „regenerationsfähig“, erklären die Experten der DGOU: „Bei Kindern und jungen Erwachsenen im Alter bis zu 25 Jahren ist die Wahrscheinlichkeit, dass verletzte Nervenverbindungen wieder voll funktionstüchtig werden, noch sehr hoch.“ Bei 35- bis 40-jährigen Patienten“ sei die Wahrscheinlichkeit schon merklich geringer, ab 50 Jahren nehme sie „deutlich ab“.

Um Verletzungen durch Böller und Raketen zu vermeiden, geben die Ärzte einige grundlegende Tipps: So sollte man am besten nur solche Feuerwerkskörper verwenden, die nicht in der Hand gezündet werden müssen. Außerdem sollten Vorräte nicht am Körper – etwa in Manteltaschen gelagert werden, sondern verschlossen und in „sicherem Abstand“.

Raketen und Kracher, die beim ersten Versuch nicht explodiert seien, sollten auf keinen Fall noch einmal gezündet werden und seien außerdem sofort zu entsorgen, mahnen die Experte. Das schütze vor allem Kinder und Jugendliche davor, am Neujahrstag Blindgänger zu sammeln und nachzuzünden. Für sie sollte Feuerwerk jeglicher Art grundsätzlich tabu sein. Auch wer schon ein bisschen zu viel getrunken hat, sollte lieber die Finger von Feuerwerk lassen. Grundsätzlich dürften diese Produkte nur im Fachhandel gekauft und niemals manipuliert oder selbst gebastelt werden.

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