Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wissen
Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

28. März 2011

Sinnloses macht Sinn: Affen lausen, Menschen sprechen

 Von Margit Mertens
Genuss zu zweit.  Foto: dpa/dpaweb

Sinnfreies Gerede ist wichtig für zwischenmenschliche Beziehungen und ersetzt die Fellpflege der Primaten: Es soll die Atmosphäre weichspülen.

Drucken per Mail

"Wie isset?" „Joot." "Hauptsach!" „Un sons?“ „Un selbs?“ Wenn der Rheinländer auf die Frage „Wie isset?“ „Joot“ sagt, dann antwortet der Niederrheiner: „Wie sollet sein?“ Kabarett wie bei Hanns-Dieter Hüsch? Wissenschaftler nennen derlei Austausch von Floskeln „Putzgespräche“ – und schreiben ihnen soziale Bedeutung zu.

Ums Putzen geht es dabei nicht: Die Dialoge dienen der Sozialpflege. Denn neben der Vermittlung von Information erfüllt Sprache zwischenmenschliche Aufgaben – auch ohne tieferen Sinn. „Das Gespräch gehört zu den bandstiftenden Ritualen“, betont der Hamburger Neurologe und Psychiater Jan Wojnar.

„Diese Form der Kommunikation bedeutet, ähnlich einem gegenseitigen Lausen nur eine freundliche Geste dem Anderen gegenüber und vermittelt keine sachlichen Informationen.“ Sinnfreie Dialoge rückten etwa bei einer Demenz in den Vordergrund, erläutert der auf die Kommunikation mit Dementen spezialisierte Arzt. „Sie sind Bestandteil aller Begrüßungsrituale.“

US-Verhaltensforscher Desmond Morris prägte Mitte der 70er den Begriff „Grooming Talk“ − Fellpflege-Geplauder − als er die verschiedenen Phasen menschlicher Begrüßungsszenen analysierte. Er unterscheidet die „zur Schau gestellte Bemühung“ des Aufwandes, der für das Treffen geleistet wurde, den „Fernkontakt“ mit Zeichen des Wiedererkennens wie das Winken, den „Nahkontakt“ mit Küsschen, Handschlag oder Umarmung und in der Endphase das „Pflegeschauspiel“, das „Ähnlichkeiten mit den sozialen Pflegehandlungen bei Affen hat“.

„Natürlich zupfen wir uns nicht die Läuse aus dem Fell, sondern zelebrieren eine Art „Pflegegeplauder“: belanglose Bemerkungen, die für sich kaum etwas besagen, mit denen wir aber unsere Freude zum Ausdruck bringen. Genaue Bedeutung und Intelligenzgrad der Fragen sind praktisch irrelevant.“ Hinzu kämen Gesten, um das persönliche Wohlbefinden des Anderen zu erhöhen, wie aus dem Mantel helfen, Überreichen eines Gastgeschenkes oder Anbieten eines Getränkes.

Werden wir einem Fremden vorgestellt, entfällt der Fernkontakt, da wir ja keinen alten Freund wiedererkennen. „Wir bieten jedoch − fast immer in Form eines Händeschüttelns − einen Nahkontakt an, wir lächeln dem neuen Bekannten zu und offerieren ihm Pflegehandlungen in der Form freundlichen Geplauders und sorgender Teilnahme“, hat Morris beobachtet. Etwa mit Fragen wie „Haben Sie gut hergefunden?“ „Soll ich Ihnen ein Wasser bringen?“

„Wir behandeln ihn in der Tat so, als sei er bereits unser Freund“, sagt Morris. „Auf diese Weise schließen wir ihn in unseren Bekanntenkreis ein und nehmen eine soziale Beziehung zu ihm auf.“

„Als eine Spezies der Primaten haben wir ein bemerkenswert reichhaltiges Repertoire an Begrüßungs- und Abschiedsgesten“, stellt Morris fest. „Andere Primaten kennen einige einfache Grußrituale, aber wir übertreffen sie alle bei weitem, und wir kennen auch Abschiedsrituale, die jenen völlig zu fehlen scheinen.“

Für diese Entwicklung gebe es einen Grund, sagt der Verhaltensforscher: Die meisten Primaten leben in ziemlich geschlossenen Gruppen, aus denen sich nur gelegentlich ein Mitglied entfernt. Für Abschiedszeremonien haben diese Primaten also keinen Anlass.

Erst als der Mensch der Frühzeit sich zum Jäger entwickelte, der männliche Jagdtrupp sich regelmäßig entfernte und später mit der für alle überlebenswichtigen Beute heimkehrte, entstanden Begrüßungs- und Abschiedszeremonien. „Die Bedeutung von Erfolg oder Misserfolg bei der Jagd bewirkte, dass dies keineswegs alltägliche, sondern lebenswichtige Augenblicke im Gemeinschaftsleben der Urstämme waren“, erläutert Morris.

„Es ist daher kein Wunder, dass wir heute eine Spezies mit einem so großen Grußrepertoire sind.“ Wahrscheinlich entstanden diese Grußrituale lange vor der Sprache. Bis heute jedenfalls sind Worte bei diesen Putzgesprächen Nebensache.

Christine Plahl, Psychologin an der Fachhochschule München, geht davon aus, dass Sprache aus diesen „sozialen Zärtlichkeiten“ entstanden ist. „Um sich vor Angriffen durch Raubtiere zu schützen, leben Menschenaffen in größeren Gruppen zusammen. Beim Lausen und Kraulen entspannen sich die Mitglieder der Sippe; so entstehen vertrauensvolle Beziehungen und die Tiere binden sich aneinander“, erklärt Plahl.

Je weiter sich die Primaten entwickelten, also je größer und komplexer ihre Großhirnrinde wurde, desto größer wurden die Gruppen. „Das Entscheidende ist nun, dass das Funktionieren einer Gemeinschaft davon abhängt, wie viel Zeit in das soziale Lausen der Mitglieder investiert wird. In größeren Gemeinschaften müssen im gleichen Zeitraum entsprechend mehr Tiere gelaust und gekrault werden als in kleineren Gruppen, um den Zusammenhalt zu bewahren.“

Gruppengröße ist begrenzt

Affen bewältigen das noch in Gruppen von bis zu 80 Mitgliedern – allerdings verbrächten sie auch bis zu einem Fünftel ihrer wachen Zeit damit, das Fell ihrer Artgenossen zu pflegen. Laut dem Evolutionsbiologen Robin Dunbar von der Universität Oxford gibt es einen statistischen Zusammenhang zwischen der Größe der Großhirnrinde und der Größe der Sippe. „Bei Menschen liegt die Größe bei etwa 150 Mitgliedern, was der durchschnittlichen Anzahl von Menschen entspricht, die wir persönlich kennen“, erläutert Plahl. Die Zahl 150 für Individuen in einer Gemeinschaft wird auch „Dunbar’s number“ genannt.

Allerdings ist eine solche Gemeinschaft zu groß, um die notwendigen sozialen, Vertrauen schaffenden Handlungen durch Kraulen leisten zu können. Die Entwicklung der Sprache − statt Lausen und Kraulen − hat es ermöglicht, auch in größeren Gruppen sozialen Zusammenhalt zu pflegen. „Mit Hilfe der Sprache können wir uns gleichzeitig einer ganzen Reihe von Personen mitteilen – sogar nebenbei, während wir mit etwas ganz anderem beschäftigt sind“, erklärt Plahl.

Aber: „Wir nutzen die Sprache nur teilweise zum Übermitteln von Informationen. Etwa zwei Drittel unserer Gespräche sind sozialen Themen gewidmet: Am Anfang der menschlichen Gemeinschaften standen Tratsch und Klatsch.“ Dunbar vermutet, dass Tratsch im weitesten Sinne die menschliche Gesellschaft, wie wir sie heute kennen, erst ermöglichte.

Laut Plahl unterhalten wir uns in mehr als 60 Prozent unserer Gespräche über Leute, die nicht anwesend sind.„Wir können es auch wissenschaftlicher ausdrücken: Klatsch und Tratsch bieten reichhaltige Gelegenheiten für soziales und kulturelles Lernen. Durch den sozialen Austausch mit anderen können wir von den Erfahrungen anderer profitieren und somit Dinge lernen, die wir sonst selbst schmerzlich erfahren müssten. Offensichtlich spielen sie eine nicht zu unterschätzende Rolle für das Leben in Gemeinschaft“, betont Plahl.

Putzgespräche sind wichtig für Funktion und Erhalt menschlicher Gemeinschaften, etwa, wenn sie bei der Partnersuche helfen. Smalltalk spielt eine entscheidende Rolle beim Flirt, haben Forscher bei Beobachtungen in Bars, Discos oder Cocktailbars festgestellt. Der Flirt hat folgende Choreographie: Nach Blickkontakt, Lächeln, einer veränderten Körperhandlung und Annäherung beginnt das Paar miteinander zu sprechen.

Dabei kommt es beim Eröffnungssatz erstaunlicherweise nicht auf Originalität an. Je harmloser der Einstieg, desto größer der Erfolg, stellte die Sozialforscherin Kate Fox aus Oxford fest. Der erste Satz habe nur die Funktion, den Kontakt herzustellen, an der Reaktion ließe sich dann ablesen, ob der Andere an einem Gespräch interessiert ist.

Stimme moduliert

Typisch für diese belanglose Unterhaltung ist die Stimmmelodie, haben die Flirtforscher beobachtet. Die Stimmen werden höher und weicher, ein Singsang, mit dem auch Kindern und Pflegebedürftigen Wärme und Zuneigung vermittelt wird. In diesem Putzgespräch kommt es nicht darauf an, was gesagt wird sondern wie man es sagt. Es soll die Atmosphäre weichspülen. Ein sanftes, einschmeichelndes “Hallo„ mit Anheben der Augenbrauen verrät dabei eine andere Botschaft als ein knappes „Tag“ ohne Blickkontakt. Auch unangemessen häufiges Lachen deutet auf Flirten hin. Dann folgen die nächsten Stufen im menschlichen Balztanz: vermeintlich zufällige Berührungen und ein harmonischer Gleichtakt der Bewegungen.

Wojnar empfiehlt, die Sprachmelodie dieser sozialen Kommunikation, wie sie aus Begrüßungsritualen, dem Flirt, dem Sprechen mit kleinen Kindern bekannt ist, für den Umgang mit Demenzkranken. Auch hier ist es meist nicht wichtig, was sondern wie etwas gesagt wird. „Eine ähnliche Funktion wie Putzgespräche erfüllt auch der Klatsch“, sagt Wojnar. „Dieses Phänomen ist so alt wie die menschliche Sprache und in allen Kulturen anzutreffen.“

Der Arzt zitiert den antiken Satiriker Lukian: „Ich weiß nicht, wie es kommt, dass wir alle, ohne Ausnahme, eine heimliche Freude an Dingen haben, die ins Ohr geflüstert werden“.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung.

Gesundheitsgefahr

Pflanzengift in Kräutertee nachgewiesen

Als gesundheitlich bedenklich wurden bei einer Laboranalyse vier von sechs Pfefferminz- und Kräutertees eingestuft.

Bei einer Laboranalyse im Auftrag des NDR wurden in einer Stichprobe in vier von sechs Pfefferminz- und Kräutertees sogenannte Pyrrolizidinalkaloide entdeckt. Diese sollen krebserregend sein und auch Leberschäden verursachen.  Mehr...

Nordsee und Ostsee

Plastikmüll in Speisefischen

Auch der Kabeljau gehört zu den belasteten Arten.

Wissenschaftler finden in Speisefischen aus der Nord- und Ostsee Reste von Plastikmüll. Für Fischkonsumenten hat das nach Angaben des Studienleiters "wahrscheinlich keinerlei Auswirkungen". Mehr...

Videonachrichten Wissen
Schutz der Ozonschicht
Das Nasa-Satellitenfoto dokumentiert die Größe des Ozonlochs über der Arktis im Winter 1999/2000. Je dunkler das Blau, desto dünner die Ozonschicht.

Was ist Ozon? Wofür ist Ozon wichtig? Und wie groß ist derzeit das Ozonloch? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt es hier.

Anzeige

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Quiz

Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.