Vor 100 Jahren malte Heinrich Zille sie, Kinder aus Berliner Mietskasernen mit ihren verbogenen O-Beinen. "Englische Krankheit" wurde die Rachitis damals genannt, weil es im lichtarmen Großbritannien noch mehr Betroffene gab.
Die durch fehlenden Sonnenschein auf der Haut verursachte schwere Vitamin-D-Unterversorgung führt zu einer Entkalkung der Knochen und zu Störungen des Knochenwachstums. Heute ist Rachitis bei Kindern zumindest in den Industrienationen kaum noch anzutreffen.
Vor Jahrtausenden litten bereits die Neandertaler an Knochenerweichung oder Rachitis. Ausgelöst wurde das offenbar durch die zunehmende Dunkelheit während der Eiszeit, so dass die dunkel pigmentierte Haut der Neandertaler nicht mehr genügend Vitamin D bilden konnte. Die Krankheit der feinen Leute wurde Rachitis im 17. Jahrhundert, als sich die Reichen nicht mehr der Sonne aussetzten. Kinderarbeit in Bergwerken und Fabrikhallen verbreitete ab 1850 die Krankheit massenhaft.
Da Muttermilch nur geringe Mengen des Vitamins enthält, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin für alle Säuglinge die tägliche Gabe einer Vitamin-D-Tablette mit 400 bis 500 Internationalen Einheiten (IE). Die Prophylaxe gilt von der ersten Lebenswoche an bis zum Ende des ersten Lebensjahres, möglichst auch noch im zweiten Lebenswinter. Damit sind die Kleinkinder bestens mit Vitamin D versorgt, doch für einen Großteil der übrigen Bevölkerung gilt dies nicht.
Vitamin D wird auch das Sonnenvitamin genannt, da es vom Körper selbst in der Haut durch Sonneneinstrahlung gebildet wird. Die UV-B-Strahlen der Sonne wandeln eine Vorstufe in das eigentliche Vitamin um. Dieses wiederum wird in Leber und Niere weiter zu dem Hormon Calcitriol umgebaut, das auf vielfältige Weise in unseren Stoffwechsel eingreift.
In den letzten Jahren wurden Rezeptoren für Calcitriol in fast allen Geweben des Körpers gefunden. Außer durch Sonneneinstrahlung kann Vitamin D auch mit der Nahrung aufgenommen werden, was allerdings nicht so einfach ist, denn lediglich fetter Fisch wie Hering, Aal und Lachs enthalten nennenswerte Mengen des Stoffs. Früher bekamen viele Kinder deshalb täglich einen Löffel Lebertran eingeflößt. Allein die Erinnerung an den Geschmack lässt noch heute so manchen schaudern.
Die Ernährungswissenschaftlerin Birte Hintzpeter vom Robert-Koch-Institut konnte nun zeigen, dass gut die Hälfte der Bevölkerung nicht optimal mit Vitamin D versorgt ist. Sie bestimmte die Menge des 25-Hydroxyvitamin-D im Blut, welches in der Leber aus Vitamin D gebildet wird. Ein Wert von 50 nmol/l (Nanomol pro Liter) wird als ausreichend angesehen. Doch rund 57 Prozent der Erwachsenen und etwa 63 Prozent der Kinder und Jugendlichen lagen darunter.
"Es handelt sich dabei um einen milden Vitamin-D-Mangel", so die Expertin. Allerdings verschlechtert sich das Bild im Winter, wenn die UV-B-Strahlung in Mittel- und Nordeuropa generell zu gering ist, um die Vitaminbildung in der Haut anzuregen. Schlimmer sieht es bei älteren Personen aus: Bettlägerige oder sehr gebrechliche Menschen haben deutlich zu geringe Mengen des Sonnenvitamins im Körper. Auch die noch mobilen, in Privathaushalten lebenden Senioren sind zum Teil sehr schlecht damit versorgt, wie die Untersuchung von Hintzpeter belegt.
Die Ursachen sind klar: Einmal verliert die ältere Haut ihre Fähigkeit, Vitamin D zu bilden und zum anderen halten sich alte Leute nicht mehr genug im Freien auf. Auch dunkelhäutige Menschen, die in unseren Breitengraden leben, können meist nicht genug Vitamin D produzieren, da sie dazu eine 6-fach höhere Sonneneinstrahlung im Vergleich zu hellhäutigen Europäern benötigen. Ebenso haben muslimische Frauen, die sich verschleiern, deutlich zu niedrige Vitamin-D-Spiegel im Blut.
Lange Zeit hat man Vitamin D lediglich mit dem Kalzium-Stoffwechsel in Verbindung gebracht. Bei ausreichender Menge des Vitamins wird das Kalzium aus der Nahrung optimal aufgenommen und anschließend in die Knochen eingebaut. Ein stabiles und belastbares Knochengerüst ist die Folge.
Bei geringem Vitamin-D-Angebot nimmt der Körper zu wenig Kalzium auf und das ständige Gleichgewicht zwischen Knochenabbau und Knochenaufbau wird in Richtung Abbau verschoben. Über längere Zeit hinweg kann das zu instabilen Knochen und schließlich zu Osteoporose führen.
In letzter Zeit hat die aktuelle medizinische Forschung neue Ergebnisse präsentiert, die die Bedeutung des Vitamins in einem anderen, viel größeren Licht erscheinen lässt. Nicht nur die Knochen, auch die Muskeln werden bei einem guten Vitamin-D-Angebot gestärkt. Gerade ältere Personen profitieren davon, indem das Sturzrisiko sinkt. Der Präventivmediziner Armin Zittermann vom Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen sieht darüber hinaus noch weitere Auswirkungen: "Es mehren sich die Hinweise, dass eine defizitäre Vitamin-D-Versorgung bei Personen mittleren und höheren Alters mit einer erhöhten Sterblichkeit einhergeht."
Neuere Studien weisen darauf hin, dass selbst ein geringfügiger Vitamin-D-Mangel langfristig zu verschiedenen chronischen Erkrankungen führen könnte wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes vom Typ I und Allergien. Auch das Risiko, an Darmkrebs oder Brustkrebs zu erkranken, scheint bei einer schlechten Versorgung mit dem Sonnenvitamin zu steigen. Darüber hinaus wird die Multiple Sklerose mit Vitamin-D-Mangel in Verbindung gebracht.
Auch wenn die letzten Beweise noch fehlen, Vitamin D scheint lange Zeit unterschätzt worden zu sein. Das meint auch Birte Hintzpeter: "Nach derzeitigen Erkenntnissen sollte der Vitamin-D-Spiegel höher liegen als früher gedacht und gemessen daran, sind die Werte in der deutschen Bevölkerung generell zu niedrig - vor allem im Winter."
Sie plädiert dafür, in der wärmeren Jahreszeit verstärkt die Sonne zu nutzen, damit der Körper selbst sein benötigtes Vitamin D herstellen kann. Da das Vitamin nicht sofort verbraucht oder abgebaut wird, sondern in der Regel für einige Monate im Organismus gespeichert werden kann, ist es möglich, sich sozusagen einen Vorrat für die dunkleren Zeiten anlegen. Dazu genügt es, sich täglich etwa 15 bis 20 Minuten im Freien aufzuhalten, wobei Gesicht und Arme unbedeckt sein sollten. Eine genaue Zeitangabe ist nicht möglich, da die Strahlungsintensität von der Wetterlage, dem Breitengrad und der Tageszeit abhängt. Ebenso ist der Hauttyp zu berücksichtigen. Eine Sonnenschutzcreme mit höherem Lichtschutzfaktor beeinträchtigt die Vitamin-Produktion, weil zu viele UV-B-Strahlen abgeblockt werden. So lässt beispielsweise eine Creme mit dem Lichtschutzfaktor 20 nur rund fünf Prozent der Sonnenstrahlung durch. Auf keinen Fall jedoch sollte man einen Sonnenbrand riskieren.
Wer sich nicht genügend im Freien aufhalten kann oder mag, wie beispielsweise viele Jugendliche, Berufstätige oder auch Senioren, weist im Vergleich wesentlich schlechtere Vitamin-D-Werte auf. Deshalb empfehlen andere Wissenschaftler, Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin D einzunehmen. "Bei Säuglingen funktioniert das doch auch hervorragend. Warum sollte man das nicht ebenfalls bei Kindern und Erwachsenen machen", fragt etwa Armin Zittermann.
Er verweist auf Studien, in denen eine Vitamin-D-Ergänzung bei verschiedenen Erkrankungen durchweg positive Ergebnisse erzielt hat: So ließ sich bei Hochdruckpatienten der Blutdruck senken, Diabetiker hatten einen verbesserten Blutglukose-Spiegel und Patienten mit rheumatoider Arthritis weniger Schmerzen.
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