Der Baum sieht ziemlich mitgenommen aus. In langen Streifen hat ihm jemand die Rinde abgeschält, Bisse und Kratzer ziehen sich den Stamm hinauf. Alfonso Hartasánchez von der spanischen Naturschutzorganisation Fapas muss keine Sekunde darüber nachdenken, was das zu bedeuten hat. "Bärenspuren", sagt er zufrieden.
Im Kantabrischen Gebirge in der nordspanischen Region Asturien finden sich immer wieder die Visitenkarten von Europas größtem Raubtier. Mal haben sich rundliche Tatzen in den matschigen Waldboden gedrückt, mal hängt ein braunes Haarbüschel an der rauen Borke eines Stamms. Irgendwo in diesen engen Tälern, hinter Regenvorhängen und Nebelwänden, zwischen schroffen Felsen und im Wind flüsternden Bäumen spielt sich der Alltag der Braunbären ab. Doch sie entziehen sich den Blicken wie Phantome.
Für Biologen und Naturschützer sind Kamerafallen wichtige Werkzeuge, mit denen sie die Größe von Tierbeständen überwachen und das Verhalten einzelner Arten dokumentieren können. Die Apparate werden gut versteckt an Stellen im Gelände angebracht, die von den jeweiligen Tieren häufig genutzt werden. Eine Lichtschranke oder ein Bewegungsmelder löst dann den Verschluss aus.
Die Technik hat dabei in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Die früher üblichen Analog-Kameras mussten sehr häufig kontrolliert werden, da mitunter schon nach wenigen Tagen der Film voll war. Digitalkameras früherer Generationen hatten dagegen den Nachteil, dass sie nur verzögert auslösten. Auf den Bildern war dann oft nur noch eine Schwanzspitze oder ein Hinterbein zu sehen.
Heutige Digitalkameras dagegen reagieren schnell genug, um gute Fotos zu liefern. Bei Nachtaufnahmen arbeiten manche Modelle mit Blitz, andere mit unsichtbarem Infrarot. Letztere haben den Vorteil, dass man damit auch Wilderer ablichten kann, ohne dass diese es bemerken.
Damit aber wollen sich die Fapas-Mitarbeiter nicht zufrieden geben. Mit Unterstützung der deutschen Naturschutzorganisation Euronatur und der Lufthansa heften sie sich den Bären an die Tatzen, um mehr über das Leben und die Anzahl der Tiere herauszufinden. "Spuren verraten dabei schon eine ganze Menge", sagt Gabriel Schwaderer von Euronatur. Die angekratzte und zerbissene Baumrinde etwa ist ein gutes Zeichen. Denn sie zeigt, dass es in der Region im nächsten Jahr Bärennachwuchs geben könnte.
"Solche Markierungen dienen vor allem der Kommunikation zwischen den Geschlechtern", erläutert Gabriel Schwaderer. Mit dieser Bärenversion einer Kontaktanzeige bekunden Männchen und Weibchen ihre Anwesenheit und ihr Paarungsinteresse.
Vielleicht können die Naturschützer demnächst sogar dokumentieren, wer diese Annonce aufgegeben hat. Denn an einem Baumstamm in der Nähe hängt eine von rund 40 gut getarnten Digitalkameras, die sie an Wildwechseln und anderen strategisch günstigen Stellen des Bärenlebensraums installiert haben. Ein Bewegungsmelder löst jedes Mal den Verschluss aus, wenn ein größeres Tier daran vorbei läuft.
In den vier Tagen seit Alfonsos letztem Besuch hat der Apparat immerhin 13 Bilder geschossen. Ein Bär ist zwar nicht dabei, dafür aber etliche Füchse und ein ziemlich zerrupft aussehender Wolf, der offenbar an Räude leidet. "Solche Informationen über den Gesundheitszustand eines Tieres kann keine Spurenanalyse liefern", sagt der Experte. Doch auch über das Verhalten der vierbeinigen Fotomodelle haben die mit Datum und Uhrzeit abgespeicherten Bilder auf den Fapas-Computern einiges zu erzählen. Zum Beispiel, dass die spanischen Braunbären keineswegs nur nachts aktiv sind. Wenn sie an ihrem Kratzbaum ungestört bleiben, nutzen sie ihn durchaus auch um zehn Uhr morgens.
Bilder aus der Bärenkinderstube
Die spannendsten Fotos aber zeigen Bärenmütter mit ihrem spielenden und balgenden Nachwuchs. In ihrer Winterhöhle bringen die Weibchen im Januar bis zu drei meerschweinchengroße Babys zur Welt. Im März oder April verlassen Mutter und Kinder diese Unterkunft, durchstreifen aber zunächst nur ein sehr kleines Gebiet in der Nähe. Das macht es Bärenforschern relativ leicht, die Spuren und Fotos aus diesem Gebiet einem bestimmten Tier zuzuordnen.
Bei den sehr mobilen Männchen ist die Sache dagegen viel schwieriger. "Da kann man oft nicht sicher sein, ob zwei Bilder das gleiche Tier zeigen oder zwei verschiedene", sagt Gabriel Schwaderer. Wer Bären zählen will, sollte sich also auf die Weibchen mit Jungtieren konzentrieren. Aus deren Anzahl kann man dann auf den Gesamtbestand schließen.
Da Wilderer die nordspanischen Bären im 20. Jahrhundert fast ausgerottet hatten, kamen bei diesen Kalkulationen jahrelang nur sehr ernüchternde Ergebnisse heraus. Inzwischen aber trotten wieder 140 bis 160 der zotteligen Raubtiere durchs Kantabrische Gebirge. "Das sind fast doppelt so viele wie vor 15 Jahren", freut sich Gabriel Schwaderer. Während der sehr kleine Bestand im Osten des Gebirges nach wie vor bei etwa 20 bis 25 Exemplaren vor sich hin dümpelt, haben sich die Bären im Westen kräftig vermehrt.
Besonders stolz sind die Fapas-Mitarbeiter auf die Entwicklung im Valle de Trubia. Als sie dort 2004 mit einem Schutzprojekt begannen, hatte das wildromantische Tal mit seinen steilen Hängen und kleinen Dörfern keine einzige Bärenmutter vorzuweisen. Aus dem vergangenen Jahr dagegen gibt es schon Fotos und Spuren von vier Weibchen mit Jungen. Genetische Analysen von Haarproben verraten zudem, dass inzwischen mindestens 26 verschiedene Bären im Valle de Trubia unterwegs sind.
Seit Fapas-Ranger und die spanische Umweltpolizei Seprona gemeinsam auf Anti-Wilderer-Patrouille gehen, müssen die Tiere dort kaum noch Gewehrkugeln fürchten. Doch der Bären-Boom im Tal hat noch eine weitere Ursache. Die Naturschützer haben den zottigen Feinschmeckern nämlich ein unwiderstehliches Angebot gemacht: Es gibt Kirschen, Äpfel und andere Leckerbissen frei Haus. "Seit Jahrhunderten haben sich die Braunbären in dieser Region auf den Obstwiesen und Maisfeldern ihrer menschlichen Nachbarn bedient", sagt der Gründer von Fapas, Alfonsos Bruder Roberto Hartasánchez. Doch seit immer mehr Bauern ihre Felder aufgeben und aus dem rauen Gebirge in die Stadt ziehen, müssen die Tiere vielerorts auf diesen reich gedeckten Tisch verzichten.
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