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Sprachförderung bei Kindern: Viel Engagement, wenig Effekt

Sprachförderung in der Kita zeigt kaum Wirkung, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Zwar wurde viel Geld in die Hand genommen, doch es gibt meist immer noch zu wenig und nicht hinreichend geschultes Personal in Kitas.

Sprachförderung in der Kita zeigt kaum Wirkung, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Foto: Getty Images

Gut gemeint, aber schlecht umgesetzt: Das ist die Kernbotschaft einer Untersuchung, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung am Donnerstag veröffentlich hat. Die Wissenschaftler stellen zwar nicht die Sprachförderung per se infrage, rütteln mit ihrem Diskussionspapier jedoch an einem Prestigeobjekt der deutschen Bundesländer. Diese haben seit dem Pisa-Schock vor zehn Jahren zwar mit einer Fülle von Programmen das Deutschlernen in den Kindertagesstätten gefördert.

Doch gemessen an den Investitionen und dem Aufwand, ist das Ergebnis laut den Experten enttäuschend gering. Die Forscher sprechen von „politischem Aktionismus“. Der könnte nicht nur die Hauptzielgruppe, nämlich Kinder aus Migrantenfamilien, sondern auch deutsche Muttersprachler teuer zu stehen kommen. Denn mittlerweile benötige ebenso „jedes zehnte Kind mit deutscher Muttersprache“ eine Förderung, sagt Tanja Kiziak vom Berlin-Institut.

Evaluationen von Förderprogrammen wie „Sag' mal was“ in Baden-Württemberg hatten bereits vor drei Jahren ergeben, dass die Kinder einer Fördergruppe weder besser noch schlechter abschnitten als die Mädchen und Jungen einer Kontrollgruppe ohne zusätzliche Förderung.

Anstoß zur Neubewertung der Sprachförderung

Das Berlin-Institut kam nun zu ähnlichen Ergebnissen. Mit seinem Diskussions-Papier, das den Stand der aktuellen Forschung und verschiedene Evaluationen zusammenfasst, wollen die Experten den Anstoß zu einer Neubewertung der Sprachförderung geben. „In Ermangelung einschlägiger Programme wurden Ansätze ausgedehnt, die schlecht zu den Herausforderungen passen“, heißt es in dem Papier.

Hinzu komme, dass Verlage und andere kommerzielle Anbieter seither versuchten, aus dem Bedarf Profit zu schlagen – mit dem Ergebnis, dass Kindertagesstätten und ihre Träger völlig verunsichert sind, welche Maßnahmen sinnvoll sind und welche nicht. „Wir sagen nicht, dass Sprachförderung in der Kita nichts bringt“, warnt Kiziak vor falschen Schlussfolgerungen: „Aber die Rahmenbedingungen müssen stimmen.“

Sprache als Schlüssel

Etwa 18 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland können laut Studien nicht richtig lesen. Sechs Prozent der Schulabgänger schafften im Jahr 2010 keinen Abschluss, darunter überdurchschnittlich viele Jugendliche aus Migrantenfamilien.
Die frühe Sprachförderung gilt seit dem Pisa-Schock vor zehn Jahren als Allheilmittel für diese Probleme. Mittlerweile gibt es mehr Förderprogramme als Bundesländer. Anstatt sich auf gemeinsame Standards zu einigen, kocht jedes Land seine eigene Buchstabensuppe.
In das Programm „Frühe Chancen“ investiert der Bund von 2011 bis 2014 etwa 400 Millionen Euro. Länderübergreifend war auch das FörMig-Modellprogramm (Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund), das bis 2009 in zehn Bundesländern lief.

Zu wenig geschultes Personal in Kitas

Doch genau das tun sie nicht. Zwar haben Bund und Länder viel Geld in die Hand genommen, um Förderprogramme und sogenannte Sprachstandserhebungen vor dem Schuleintritt anzustoßen. Doch in den meisten Kitas gibt es nach wie vor zu wenig und nicht hinreichend geschultes Personal.

„Deutsch als Zweitsprache ist nicht zum Nulltarif zu haben“, sagt die Mannheimer Sprachwissenschaftlerin Rosemarie Tracy, die gerade in einer Pilotstudie die Sprach- und Förderkompetenz von Fachkräften in den Kitas untersucht. Ergebnisse wie die des Berlin-Instituts oder der Evaluation aus Baden-Württemberg überraschten zwar die Öffentlichkeit, doch nicht die Experten.

„Eine Sprachförderung in der Kita kann nicht gelingen, wenn daran bis zu zwölf Kinder teilnehmen. Das ist verlorene Zeit“, kritisiert Tracy. Erfolgreich sei die Sprachförderung nur, wenn Kinder in ihrem Alltag selbst viel Deutsch sprächen und auch in der Kita „ein komplexes Deutsch“ hören könnten – also nicht nur Sätze wie „Alle Schuhe anziehen“ oder „Augen zu, Mund auf“.

Hinzu komme, dass die geförderten Kinder mehr Ausfallstunden hätten als geplant und die Evaluations-Ergebnisse auch dadurch verzerrt würden. Und die Forscherin macht auf eine weitere Grundannahme aufmerksam, die ihrer Ansicht nach korrigiert werden müsste: zu hohe Erwartungen an die Lerngeschwindigkeit von Migrantenkindern. „Wenn deutschsprachige Kinder in der Schule eine Fremdsprache lernen, dann erwarten wir doch auch nicht, dass sie nach zwei Jahren parlieren wie ein Engländer oder Franzose“, sagt Tracy.

Debatte über Mehrsprachigkeit

Auf falsche Erwartungen und Annahmen weist auch das Berlin-Institut in seinem Papier hin. Dazu gehört unter anderem die negative Bewertung von Muttersprachen wie Türkisch oder Arabisch. „Kinder, die zweisprachig türkisch-deutsch aufwachsen, bekommen dafür oft weniger Anerkennung als Kinder, die neben Deutsch noch Englisch, Französisch oder Spanisch beherrschten“, schreibt das Berliner Autorenteam. Überhaupt sei die Debatte darüber, ob Mehrsprachigkeit gut oder schlecht sei, ein typisch deutsches Phänomen: „Weltweit ist Mehrsprachigkeit die Regel, nicht die Ausnahme.“

Einig ist sich das Berlin-Institut auch mit anderen Experten, dass es wenig bringt, wenn Eltern zu Hause deutsch mit ihren Kindern sprechen, obwohl sie die Sprache selbst nicht gut beherrschen. Das sei nur empfehlenswert, wenn sie „die Sprache annähernd auf muttersprachlichem Niveau“ beherrschten, heißt es in dem Diskussionspapier: „Versuchen sie es dennoch, besteht die Gefahr, dass das Kind weder die deutsche noch die Erstsprache der Eltern richtig lernt.“

Wenn die Familien selbst es nicht können, bleibt nur die Förderung durch den Staat. Die Forscher fordern deshalb, die Rahmenbedingungen in den Kitas schnell zu ändern. Dazu gehören neben deutlich mehr Personal, gezielten Fortbildungen für Erzieherinnen sowie einem Förderprogramm mit geprüften Standards auch eine Forderung nach sozial gemischten Gruppen, auf die weder Bund noch Länder eine Antwort parat haben: Gerade in Großstädten bleiben Migrantenkinder unter sich, weil Eltern mit hohem Bildungsstand ihre Kinder in andere Einrichtungen schicken.

Autor:  Katja Irle
Datum:  20 | 1 | 2012
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