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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

25. August 2012

Sprachforschung: Auf der Suche nach der Ursprache

 Von Alice Ahlers
Ein moderner Turm zu Babel in Buenos Aires  Foto: afp/JUAN MABROMATA

Laut einer Studie sollen die ersten Sprecher des Indogermanischen, zu dem auch das Deutsche gehört, in Anatolien gelebt haben.

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Der Turmbau zu Babel ist eine einfache Geschichte. Die Bibel berichtet, dass alle Menschen einmal in einer gemeinsamen Sprache geredet haben. Weil sie sich aber anmaßten, einen Turm bis zum Himmel bauen zu wollen, strafte sie Gott, indem er sie durch verschiedene Sprachen trennte. Für das Deutsche gibt es eine ähnliche Geschichte, die aber komplizierter ist.

Irgendwann soll es eine Ursprache gegeben haben, deren Sprecher sich trennten und von Indien bis nach Island verstreuten. Sie entwickelten Dialekte, die zu den verschiedenen indogermanischen Sprachen wurden, die wir heute in Europa kennen. Doch wo lebten diese ersten Sprecher? Und wer waren sie?

Auf der Suche nach Antworten haben die Forscher um Remco Bouckaert von der University of Auckland in Neuseeland jetzt ein neues Verfahren genutzt, mit dem bisher Genetiker die Verwandtschaftsverhältnisse bei Arten untersuchen. Sie fütterten ein Computerprogramm mit Wörtern aus 103 gegenwärtigen und vergangenen Sprachen, die einen gemeinsamen Ursprung haben. Das gilt zum Beispiel für das Wort Mutter. Es lässt sich sowohl im Englischen (mother), Spanischen (madre) oder Persischen (madar), aber auch in Latein (mater) oder Altgriechisch (metér) auf dieselbe Wurzel zurückführen. Die neue Methode kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Die Ur-Indogermanen lebten in Anatolien, berichten die Forscher im Fachmagazin Science.

Das Ur-Indogermanische ist ein Konstrukt, denn schriftliche Zeugnisse gibt es nicht. Forscher müssen es rekonstruieren. Wer etwa das Spanische mit dem Französischen vergleicht, erkennt leicht, dass diese Sprachen miteinander verwandt sein müssen. Er könnte aber auch auf Merkmale der Sprache schließen, aus der sich beide entwickelt haben, ohne Latein zu kennen.

Die Anatolien-Theorie ist nicht neu. Sie ist eine von zwei Modellen zur indogermanischen Ursprache, um die sich die Sprachwissenschaftler schon länger streiten. Demnach lebten die Sprecher des Ur-Indogermanischen in der heutigen Türkei nördlich des Mittelmeeres. Dort soll vor 8 000 Jahren die Landwirtschaft entstanden sein. Die Menschen begannen, Weizen und Gerste anzubauen sowie Schafe und Ziegen zu halten. Diese Getreidearten waren ursprünglich in Europa nicht heimisch. Sie müssen später eingeführt worden sein. Forscher können heute verschiedene Stadien der Züchtung bis zu ihrer ursprünglichen Form zurückverfolgen. Dabei landen sie im Nahen Osten – unter anderem in Anatolien.

Landwirtschaft bringt Dominanz

Durch die Landwirtschaft konnten ehemalige Jäger und Sammler ihre Felder dauerhaft bewirtschaften und mehr Menschen ernähren. Sie wurden sesshaft und vermehrten sich stärker als andere Gruppen. Dadurch setzte sich auch ihre Sprache in der Region durch. Zogen ihre Nachfahren weiter, um sich an einem anderen Ort niederzulassen, mussten sie über einen Vorteil verfügen, der sie so überlegen machte, dass sich ihre Sprache gegen die Mundart der einheimischen Bevölkerung durchsetzte. Ansonsten hätten sie sich auf lange Sicht assimiliert und die Sprache der Alteingesessenen übernommen. Nur die Landwirtschaft könne diese Dominanz hervorgebrachte haben, meinen die Vertreter der Anatolien-These. So habe die Sprache der Bauern die der Einheimischen ersetzt und konnte sich weiter verbreiten.

Der Populationsgenetiker Luigi Luca Cavalli-Sforza, der an der Stanford University in Kalifornien lehrte, hat dazu sogar eine Rechnung aufgestellt: Er nimmt an, dass jeder Bauernsohn einer Generation im Durchschnitt 35 Kilometer von seinem Elternhaus wegwanderte, bevor er seinen eigenen Hof gründete. Unter diesen Voraussetzungen hätte sich die Landwirtschaft mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von einem Kilometer pro Jahr wie eine Welle ausgebreitet, so der Forscher. Von Anatolien aus soll die Ursprache auf den Balkan gekommen und zur Vorgängersprache von Griechisch geworden sein. Nordeuropa habe sie anderthalb Jahrtausende nach ihren Anfängen erreicht.

Die Theorie, die auch die neue Studie erhärtet, hat viele Gegner. „Der alte Wortschatz spricht eindeutig gegen die anatolische Herkunft der Ursprache“, kritisiert Roland Schuhmann, Indogermanist an der Friedrich Schiller Universität Jena. Man habe beispielsweise nur wenige alte Begriffe gefunden, die mit dem Meer oder der Schifffahrt zu tun haben. „Das würde man aber von Menschen, die am Meer lebten, erwarten.“ Maritimes Vokabular sei erst später in den Einzelsprachen gebildet worden. Auch Begriffe des Ackerbaus gehörten nicht zum alten Erbe, dafür aber Wörter aus der Reitkultur. „Typisch indogermanisch sind auch Begriffe wie Rad, Geschirr, Joch“, sagt Schuhmann.

Pferd als Entwicklungshelfer

Das stützt die zweite Theorie zur Ursprache, die auf die Archäologin Marija Gimbutas zurückgeht. Sie verortet den Ursprung unserer Sprachfamilie in der heutigen Ukraine, wo sie deutlich später entstanden sein könnte. Dort lebten vor etwa 6000 Jahren die Angehörigen der Kurgan-Kultur. Sie sollen die ersten gewesen sein, die das Pferd als Reittier nutzten. In ihren Gräbern fanden Archäologen Streitwagen als Beigaben. Außerdem hinterließen sie Äxte, die sie womöglich als Waffe benutzten. In mehreren Schüben hätten sie große Teile Europas und des westlichen Asiens besiedelt und damit auch ihre Sprache mitgebracht haben.

„Nur mit dem Pferd konnten Menschen so schnell große Distanzen überwinden, militärisch im Vorteil sein und Herrschafts-Dynastien gründen“, sagt Schuhmann. Das könne dazu geführt haben, dass Einheimische in der Umgebung ihre Sprache übernahmen, weil die Neueinwanderer sozial höher gestellten waren.

Der Populationsgenetiker Luigi Cavalli-Sforza hat auf der Basis von DNA-Analysen die Besiedlungsgeschichte Europas nachgezeichnet. Dafür untersuchte er zunächst das Erbgut heutiger Menschen, um den Grad der Verwandtschaft zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen zu ermitteln. Der Forscher ging davon aus, dass genetisch verwandte Völker sich auch einer Sprachgruppe zuordnen lassen. Als die Völker über die Kontinente wanderten und Fremde auf Einheimische trafen, vermischten sich nicht nur ihre Gene, sondern auch ihre Sprachen.

Sofa kam aus dem Arabischen

Cavalli-Sforza kam zu dem Schluss, dass sich Anatolien- und Kurgan-Theorie nicht widersprechen. Demnach brachten zunächst Bauern aus dem Nahen Osten ein altertümliches Indogermanisch nach Europa. In einer weiteren Welle kam die Sprache auch aus dem Gebiet der Kurgankultur.

Seine Methode ist allerdings umstritten. „Sprache und Genetik haben einfach nichts miteinander zu tun“, sagt Roland Schuhmann. „Afrikaner sprechen schließlich auch Französisch, obwohl sie genetisch keine Europäer sind.“ Auch Latein habe sich über Europa verbreitet, weil die Menschen die Sprache der sozial höher gestellten Römer annahmen. „Spanier und Franzosen haben sich deshalb aber nicht mit den Römern vermischt.“

Auch das neue Computer-Verfahren stößt bei Sprachwissenschaftlern auf Kritik, – unter anderem weil sich die neuseeländischen Wissenschaftler nur auf lexikalische Wörter konzentriert und dabei andere Strukturen der Sprache ignoriert haben. Scheinbar verwandte Wörter, mit denen sie den Computer fütterten, könnten sich nur deshalb ähnlich sein, weil sie später aus einer anderen Sprache übernommen wurden. So kennt das Deutsche zum Beispiel das Wort Sofa aus dem Arabischen, stammt deswegen aber nicht von der semitischen Sprachfamilie ab, zu der Arabisch gehört. Ob es sich bei sprachlichen Merkmalen um eine Entlehnung handelt, kann der Computer nicht erkennen. „Gerade der Wortschatz ist Entlehnung am stärksten ausgesetzt“, sagt Wolfgang Hock, Professor für historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. „Die Methode unterscheidet auch nicht, welche sprachlichen Einheiten alt oder neu sind. Sie gewichtet alle gleich“, so Hock weiter.

So wird wohl auch die neue Studie den alten Streit nicht lösen können. Die Geschichte unserer Ursprache ist eben nicht so einfach wie der Turmbau zu Babel.

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