In der niederländischen Stadt Nijmegen laufen die Fäden des neu gegründeten Language Archive zusammen. Als Direktor am dort angesiedelten Max-Planck-Institut für Psycholinguistik ist Wolfgang Klein auch Herr über die Sprachdaten. Der Germanist und Sprachwissenschaftler leitet das Institut seit 1980.
Herr Professor Klein, auch in diesem Jahr sterben wieder zahlreiche Sprachen. Wie viele davon können Sie noch archivieren?
Leider nur sehr wenige. Um eine Sprache verlässlich zu dokumentieren, muss man eine Weile unter der Bevölkerung leben, man muss die Sprache selber lernen und die Ton- und Bildaufnahmen so aufbereiten, dass sie hinterher wirklich nutzbar sind. Dafür braucht man Zeit und eine Menge Geld – begrenzte Ressourcen also.
Heißt das, die meisten Sprachen werden ohne großen Nachhall verschwinden?
Ja. Manche werden ein paar Spuren hinterlassen. So wie das Etruskische: Es starb vor zweitausend Jahren aus, aber einige wenige Texte – insgesamt enthalten sie vielleicht zweitausend Wörter und sie sind nur teilweise gedeutet – sind erhalten. Auch leben einige Wörter im Lateinischen fort. Ähnlich wird es bei einigen der heute bedrohten Sprachen sein.
Welche Sprachen setzen sich dort durch, wo ehemals alte Sprachen dominierten?
Die der wirtschaftlich, kulturell und militärisch Stärkeren.
Was bedeutet es für die Welt, wenn eine Sprache verschwindet?
Dasselbe, wie wenn andere Spuren einer Kultur zerfallen – die Pyramiden in Ägypten, die Kalenderschnüre der Maya, die Gräber der Ming.
Was hat die Welt von Ihrer Dokumentation, die ja irgendwann eine Sammlung toter Sprachen ist?
Einen wirtschaftlichen Nutzen gibt es nicht. Aber Sprachen sind ein wesentlicher Teil unseres kulturellen Erbes. Und wenn man verstehen will, wie das Sprachvermögen, diese einzigartige Fähigkeit, mit der die Natur den Menschen begabt hat und auf der jede Gesellschaft beruht, tatsächlich funktioniert, dann muss man ein weites Spektrum von Sprachen studieren.
Alle gefährdeten Sprachen können Sie nicht dokumentieren. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Sprachen für das Language Archive aus?
Das hängt hauptsächlich davon ab, ob man jemanden findet, der bereit ist, lange Zeit in einer oft nicht besonders gemütlichen Weltgegend zu leben. Außerdem muss man diese Person finanzieren können.
Was passiert mit den gesammelten Daten?
Die Feldforscher schicken sie an mein Institut. Bei uns werden sie mit allerlei Werkzeugen per Internet nutzbar gemacht. Das ist für viele Disziplinen interessant.
Wer nutzt das Archiv zum Beispiel?
Natürlich Sprachwissenschaftler, aber auch Ethnologen und Anthropologen.
Viele Sprachen sind bedroht, andere breiten sich immer weiter aus. Hat das mit besonderen Eigenschaften zu tun, etwa im Fall des Englischen?
Nein, sprachlich ist das nicht zu begründen. Der Siegeszug des Englischen hat schlichtweg politische und wirtschaftliche Gründe und erklärt sich aus einer langjährigen angloamerikanischen Dominanz. Das Deutsche, das Japanische, das Spanische und andere Kultursprachen mit einem umfassenden Wortschatz sind ebenso gut als Weltsprachen geeignet. Wer weiß, vielleicht ist ja in hundert Jahren Mandarin die Weltsprache Nummer eins.
In der Wissenschaft war das Deutsche vor hundert Jahren die wichtigste Sprache. Ist es damit endgültig vorbei?
Ich fürchte, ja. Deutsch verschwindet immer mehr als Sprache der Wissenschaft. Dieser Bereich wird heute sprachlich von Englisch dominiert, wenn auch meistens von schlechtem Englisch. Das ist schade für das Deutsche.
Inwiefern?
Unsere Sprache besitzt einen gigantischen Wortschatz. Mit mehreren Millionen Wörtern bietet sie uns ganz wunderbare Ausdrucksmöglichkeiten.
Wie sehen Sie die Zukunft des Deutschen?
Ich bin da pessimistisch. Das Deutsche wird nicht verschwinden, aber es wird international an Bedeutung verlieren.
Was schlagen Sie vor?
Wir müssen erreichen, dass es wieder lohnend erscheint, Deutsch zu lernen. Die Mühe, eine Sprache zu erlernen, nimmt man nur auf sich, wenn man darin einen Nutzen für sich sieht.
Welchen Sprachen gehört die Zukunft?
Englisch, Spanisch, Russisch, Mandarin. Und ich hoffe, noch vielen, vielen anderen.
Das Gespräch führte Lilo Berg.
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