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18. September 2014

Stammzellenforschung: „Der geklonte Mensch muss tabu bleiben“

 Von Michael Hesse
Das Klonen eines Schafs gelang schon 1996. Dolly starb im Jahr 2003.  Foto: dpa

Können nun bald schon Menschen zu Fortpflanzungszwecken geklont werden? Der deutsche Ethikrat sieht angesichts des rasanten Fortschritts in der Stammzellforschung Klärungsbedarf.

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Im US-Bundesstaat Oregon haben Forscher vor wenigen Monaten menschliche embryonale Stammzellen mit derselben Methode erzeugt, mit der das Klonschaf Dolly hergestellt worden ist. Im Prinzip haben sie also einen Menschen geklont. Die wissenschaftliche Zunft auch in Deutschland zeigte sich überrascht vom rasanten Fortschritt einer Technologie, die Teil der ethischen Problemzone der Stammzellforschung ist. Können nun bald schon Menschen zu Fortpflanzungszwecken geklont werden? Bestätigt fühlen können sich Warner, die immer schon sagten: Alles, was in der Stammzellforschung gemacht werden kann, wird gemacht – und am Ende steht das Klonen von Menschen.

Auch der Deutsche Ethikrat, der Bundestag und Bundesregierung in moralisch schwierigen Fragen berät, erkennt Handlungsbedarf. Er sieht Schwachstellen in der deutschen Gesetzgebung, die einer Klärung bedürfen, wenn man Einfluss auf die Entwicklungen hierzulande haben will, erklärt das Gremium in einer aktuellen Stellungnahme. „Die Möglichkeit des Klonierens von Menschen rückt mehr und mehr in den Bereich der technischen Vorstellbarkeit“, sagt die Vorsitzende des Ethikrates, Christiane Woopen (51). „Hieraus ergeben sich prinzipielle ethische Fragen, die nach der Auffassung des Ethikrates einer Klärung bedürfen.“

Gescheitert bei den Vereinten Nationen

Es sei besser, rechtzeitig nachzudenken und Prozesse des Nachdenkens und der Regulierung anzustoßen, als zu warten, bis es unmittelbar vor der Tür stehe, findet Woopen. Für Deutschland sieht der Ethikrat zwar zurzeit keinen unmittelbaren gesetzgeberischen Handlungsbedarf in Bezug auf das reproduktive Klonen von Menschen. Anders sieht es aber auf globaler Ebene aus. Der technische Fortschritt sei so weit vorangeschritten, dass der Ethikrat erneut ein internationales Verbot des Klonierens zu Fortpflanzungszwecken vereinbaren will, sagt Woopen. Ein solcher Versuch war jedoch bereits vor einigen Jahren bei den Vereinten Nationen gescheitert.

Aber nicht allein die Möglichkeit, dass nun bald Menschen zu Fortpflanzungszwecken geklont werden könnten, motivierte das Experten-Gremium zu einer Stellungnahme. Besonders die Möglichkeit, Körperzellen des Menschen wie Haut- oder Gewebezellen technisch so zu manipulieren, dass sich aus ihnen alle Zellstrukturen des Menschen entwickeln lassen, ist ethisch und rechtlich problematischer als zunächst angenommen. Die von dem Japaner und hierfür mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Shinya Yamanaka entwickelten sogenannten induzierten Stammzellen (iPS-Zellen) werden nicht vollständig genug von dem deutschen Stammzell- und Embryonenschutzgesetz abgedeckt. Die beiden Gesetze konzentrieren sich auf solche Zellen, die direkt von Embryonen gewonnen werden, sogenannte embryonale Stammzellen (ES-Zellen). Aus ihnen können sich im Prinzip alle Zellen entwickeln und sogar neue menschliche Embryonen. Weil sich die Zellen nicht nur in alle Zell- und Gewebearten, sondern auch zu Embryonen entwickeln können, nennt man sie totipotent.

Doch schon Nobelpreisträger Yamanaka warnte vor dem enormen Potenzial der von ihm entdeckten iPS-Zellen, da man aus ihnen auch Embryonen herstellen könnte. Rechtlich geregelt ist dieser Fall in Deutschland nicht. Auch aus diesem Grund stößt der Ethikrat erneut eine Debatte darüber an, was man unter dem Begriff der Totipotenz verstehen sollte. Der Rat wünscht daher präzisere und einheitliche rechtliche Bestimmungen für zentrale Begriffe Embryo und Totipotenz.

Öffentliche Diskussion gefordert

So gut wie nicht geregelt im rechtlichen Sinne ist indes ein anderer Bereich: Da man aus den iPS-Zellen auch menschliche Keimzellen herstellen kann, könnte rein theoretisch aus den Gewebezellen von ein und demselben Menschen Ei- und Samenzellen gewonnen werden. Würden diese miteinander verschmolzen und der Embryo in die Gebärmutter einer Frau eingepflanzt, läge in den Augen des Ethikrates ein einem Inzest vergleichbarer Vorgang vor. Überdies könnten auch gleichgeschlechtliche Paare Kinder erzeugen lassen, die mit beiden Elternteilen genetisch identisch sind.

Der Ethikrat fordert daher eine öffentliche Diskussion zum Verhältnis der Generationen zueinander sowie zur Bedeutung von Natürlichkeit und Künstlichkeit am Anfang des menschlichen Lebens. „Bislang war die ganze Menschheitsgeschichte davon geprägt, dass sich zwei verschiedengeschlechtliche Menschen fortpflanzen und damit ein Kind zwei biologische Elternteile hat“, sagt Woopen. “ Das durch technische Eingriffe über den Haufen zu werfen, wäre ein tiefer Eingriff in die Selbstvergewisserung des Menschen“, glaubt sie.

Das Experten-Gremium wolle deshalb für eine Debatte anstoßen, damit sich die Gesellschaft eine Meinung zu diesen Entwicklungen bilden kann. „Es geht darum“, sagt die Leiterin der Forschungsstelle Ethik der Uniklinik Köln, „welche Einstellung Eltern zu ihren Kindern haben, welche Unverfügbarkeit wir uns gegenseitig zubilligen. Wie weit wollen wir uns von der natürlichen Fortpflanzung entfernen?“

Wissenschaftler haben immer wieder darauf hingewiesen, dass die Forschung so rasantem Tempo verlaufe, dass die Gesetze kaum noch den Entwicklungsstand abdecken können. Deshalb schlägt Woopen nun vor, „dass man eine vernünftige Aufteilung zwischen gesetzlicher Regelung von Rahmenbedingungen und untergesetzlicher Konkretisierung finden sollte.“ Konkret meint sie, dass man mit Verordnungen oder Richtlinien wesentlich schneller etwa auf Entwicklungen in der Stammzellforschung reagieren könne. „Es ist nicht praktikabel hochdetaillierte Gesetze zu formulieren, die man dann alle zwei Jahre überarbeiten muss.“

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