Die Arbeit galt als eine der aufsehenerregendsten Studien des Jahres 2008. Ihre Verfasser, ein Team um Thomas Skutella, hatten im Oktober in der Fachzeitschrift Nature berichtet, dass es gelungen sei, aus menschlichem Hodengewebe Stammzellen zu isolieren. Die Zellen, so schrieben die Forscher des Zentrums für Regenerationsbiologie und Regenerative Medizin (ZRM) des Universitätsklinikums Tübingen, hätten viele Gemeinsamkeiten mit Embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) und könnten sich ebenso wie diese in zahlreiche, ganz unterschiedliche Zelltypen verwandeln.
Sie seien also pluripotent. Begeisterte Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Endlich schien es möglich geworden zu sein, sowohl auf die ethisch umstrittenen ES-Zellen als auch auf die fast ebenso vielseitigen iPS-Zellen zu verzichten - zumindest im Hinblick auf mögliche Therapien für Männer.
Sämtlichen Stammzellen ist es gemein, dass aus ihnen unterschiedliche Zelltypen hervorgehen können.
Embryonale Stammzellen (ES-Zellen), die aus wenige Tage alten Embryonen gewonnen werden, sind am vielseitigsten. Sie gelten als pluripotent, weil sie sich in alle der mehr als 200 Zelltypen des Körpers verwandeln können.
Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) sind den ES-Zellen sehr ähnlich und haben wahrscheinlich auch ein nahezu identisches Entwicklungspotenzial. Sie kommen nicht natürlicherweise im Körper vor, lassen sich aber im Reagenzglas aus ausgereiften Zellen herstellen, wenn diese durch bestimmte Gene oder Proteine künstlich verjüngt werden.
Adulte Stammzellen sind in vielen Geweben und Organen enthalten, unter anderem im Knochenmark, im Gehirn und in der Nabelschnur. Anders als ES-Zellen können sie sich nicht in alle, sondern nur in eine begrenzte Zahl von Zelltypen entwickeln.
Viele Wissenschaftler hoffen darauf, dass sich eines Tages auch im Gewebe erwachsener Menschen, insbesondere in Hoden oder Eierstöcken, Stammzellen werden finden lassen, die ähnlich vielseitig wie ES- oder iPS-Zellen sind.
Menschliche iPS-Zellen, die erstmals im Jahr 2007 von einem japanischen Team um Shinya Yamanaka von der Universität Kyoto aus Bindegewebszellen hergestellt worden waren, gelten als ethisch saubere Alternative zu den ES-Zellen. Für einen Einsatz beim Menschen sind sie wegen ihres Krebsrisikos derzeit aber noch nicht geeignet.
Im März 2009 meldeten Skutella und Kollegen den nächsten Erfolg: Erste Untersuchungen deuteten darauf hin, so hieß es in einer Pressemitteilung des ZRM, "dass mit den Zellen so unterschiedliche Krankheiten wie Diabetes oder degenerative Defekte im Bewegungsapparat und im Gehirn therapiert werden könnten".
Eine wachsende Anzahl an Wissenschaftlern stellt allerdings nicht nur dieses Versprechen inzwischen in Frage - die Forscher bezweifeln sogar, dass die Stammzellen der Tübinger überhaupt existieren. Ein Team um Hans Schöler vom Max-Plack-Institut (MPI) für molekulare Biomedizin in Münster und Martin Zenke vom Helmholtz-Institut für Biomedizinische Technik in Aachen hat seine Zweifel in Nature jetzt öffentlich gemacht: Bei den vermeintlichen Stammzellen handele es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um schlichte Bindegewebszellen, schreiben die Forscher.
"Um eines klar zu stellen: Es wäre wunderbar gewesen, wenn es sich bei den Tübinger Zellen tatsächlich um pluripotente Stammzellen gehandelt hätte", sagte Schöler der Frankfurter Rundschau. "Genau wie nach Professor Yamanakas Befunden hätten wir inzwischen hochrangige Arbeiten auf diesem Gebiet publizieren können." Und so wie er Yamanaka stets für dessen Leistung rühme, hätte er es auch im Fall von Skutella getan. "Stattdessen haben wir und andere Arbeitsgruppen viel Zeit und Geld unnötig verschwendet, um zu dem vorliegenden traurigen Ergebnis zu gelangen."
Lug und Trug
Angenommen, Schöler und die anderen Zweifler behielten recht: Es wäre es nicht das erste Mal, dass auf dem Gebiet der Stammzellforschung, wo viel Ruhm und Geld locken, wissentlich oder unwissentlich Schindluder betrieben wird. Der Weltöffentlichkeit bekannt wurde der Fälschungsskandal um den Südkoreaner Woo-Suk Hwang, der im Jahr 2004 behauptet hatte, als erster menschliche Embryonen - inklusive der begehrten ES-Zellen - geklont zu haben.
Im Dezember 2005 stellte sich heraus, dass alle seiner in der Zeitschrift Science zu dem Thema veröffentlichten Studien manipuliert worden waren.
Bereits im Jahr 2002 hatte eine Forschergruppe um Catherine Verfaillie von der University of Minnesota verkündet, dass sie im Knochenmark erwachsener Menschen Stammzellen mit dem Entwicklungspotenzial von ES-Zellen gefunden habe. Auch wenn bis heute kaum ein Wissenschaftler Verfaillie Fälschungsabsichten unterstellt hat, ist es bisher keinem anderen Team gelungen, ihre ebenfalls in Nature publizierten Ergebnisse zu reproduzieren.
Nun also Tübingen. Bereits kurz nach der Publikation hatte Schöler bei seinem Kollegen Skutella angefragt, ob dieser ihm einen Teil seiner Zellen für eigene Untersuchungen abtreten könne. Eine ganz und gar gängige Praxis: Wissenschaftler, die in renommierten Fachzeitschriften wie Nature publizieren, sind zu solch einem Schritt sogar explizit verpflichtet. Trotzdem tat sich lange Zeit nichts.
"Nachdem ich die Zellen nicht von Professor Skutella erhalten hatte, habe ich ihn mehrfach gebeten, dass ich eine Person nach Tübingen schicke oder er eine Person nach Münster, um das Verfahren aus der Nähe zu betrachten", sagt Schöler. Er habe Skutella auch bei zukünftigen Arbeiten eine Koautorenschaft angeboten.
"Doch sogar meine Bitte, seine Zellen in Tübingen anzusehen, hat er abgelehnt", kritisiert der Münsteraner. Der Zellbiologe Albrecht Müller von der Universität Würzburg pflichtet Schöler bei: "Das Vorgehen, so hochrangig publizierte Zellen nicht an ein interessiertes Labor zur Verfügung zu stellen, halte ich für untragbar."
Angesprochen auf derartige Vorwürfe, bleibt Skutella eigenartig wortkarg. Er verweist auf seine ebenfalls in Nature veröffentlichte Stellungnahme - in der er unter anderem angibt, derzeit noch mit der Auswahl und Vervielfältigung seiner Zellen beschäftigt zu sein. Sobald er ausreichend Material zusammen habe, wolle er es gerne mit anderen Forschern teilen, schreibt er. Unbeantwortet bleibt die Frage, warum die Vermehrung seiner Zellen so viel Zeit in Anspruch nimmt.
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