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Stipendienprogramm: Marode Finanzsäule

Das geplante Stipendienprogramm taugt schon jetzt nicht als soziales Fördermodell. Von Yvonne Globert

Ob Geld nach dem Leistungsprinzip das beste Verteilungsmodell ist, bezweifeln vor allem die Studenten selbst.
Ob Geld nach dem Leistungsprinzip das beste Verteilungsmodell ist, bezweifeln vor allem die Studenten selbst.
Foto: ddp

Letztlich könnte es zügig laufen: Geht es nach Annette Schavan (CDU), ist das von ihr geplante nationale Stipendienprogramm bis Sommer beschlossene Sache. Schnell zur Hand und effizient soll das Modell sein, mit dem die Bundesbildungsministerin neben dem Bafög eine zweite große Säule zur Studienfinanzierung aufbauen will: Schon zum kommenden Wintersemester könnten die ersten Studenten mit 300 Euro im Monat rechnen.

Im besten Fall will die Regierung dabei gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Erstens: Die Privatwirtschaft soll sich endlich stärker an der Ausbildung künftiger Mitarbeiter beteiligen. Zweitens: Die staatliche Ko-Finanzierung soll für einen bundesweiten Ausgleich sorgen unter jenen Hochschulen, denen es aufgrund ihrer wirtschaftsnahen Lage nicht weiter schwerfällt, Stipendien zu akquirieren, und jenen, in deren Umfeld das Geld keineswegs locker sitzt.

Neue Geldquelle

300 Euro pro Monat könnten Studenten künftig bekommen, wenn das nationale Stipendienprogramm von Bundestag und Bundesrat abgenickt wird. Je 150 Millionen Euro pro Jahr sollen Bund und Länder dafür bereitstellen. Weitere 300 Millionen sollen aus privater Hand hinzukommen; aus der Wirtschaft, aber auch von Stiftungen und Alumni. Die Bundesregierung möchte die Quote der Stipendiaten so von zwei auf acht Prozent steigern. Das entspräche 160000 Studierenden. Chancen hat, wer herausragende Leistungen nachweist.

Kritiker bemängeln, das Stipendium fördere vor allem Kinder aus bessergestellten Familien. yg

Damit - drittens - deutlich wird, dass es beim Stipendienmodell wie beim Bafög nicht zuletzt ums Soziale geht, stellte die Regierung in ihrer Antwort auf eine "Kleine Anfrage" der Grünen bereits im November klar: Selbstverständlich sollen die neuen Stipendien insbesondere "Kindern einkommensschwächerer Familien zugute kommen". Dieser Fokus wäre durchaus richtig gesetzt: Noch immer liegt Deutschland mit seiner Studienanfängerquote weit unter dem OECD-Durchschnitt. Ob sie sich steigern lässt, ist nicht zuletzt eine finanzielle Frage: Nicht einmal jeder zweite Abiturient aus ärmeren Verhältnissen mag nach einer aktuellen Studie des Allensbach-Instituts ein Studium aufnehmen.

Dass nun aber ausgerechnet Stipendien die Angst vor einer finanziellen Überforderung im Studium nehmen können, bezweifeln Experten. Schließlich tauchten finanzschwache Studenten auch bislang nicht sonderlich unter den Begünstigten auf: Zwei Drittel derjenigen, die bislang ein Stipendium erhielten, stammen aus gut situierten Akademikerhaushalten. Die größte Gruppe unter den Stipendiaten bilden also jene, die auf das Geld gar nicht angewiesen sind. Auch das neue Programm, das den Anteil der Stipendiaten von derzeit zwei auf acht Prozent erhöhen will, wird daran wohl nichts ändern. Denn die Hochschulen, die förderwürdige Kandidaten allein auswählen sollen, sind dazu angehalten, Geld in erster Linie nach Leistung zu vergeben. Sozialkriterien müssen sie bei der Kandidatenauswahl nicht berücksichtigen.

Unis machen es sich einfach

Ein Blick nach NRW, das bereits zum aktuellen Wintersemester ein landesweites Stipendienprogramm eingeführt hat und nun Modell stehen soll, zeigt dabei: Die Hochschulen machen es sich bislang lieber einfach. Ein Beispiel geben etwa die Förderrichtlinien der fünf Hochschulen in Ostwestfalen-Lippe, die sich zu einem Verbund zusammengeschlossen haben. Ob ein Kandidat aus einem bildungsfernen und ärmeren Elternhaus stammt, bleibt bei der Förderung völlig unberücksichtigt.

"Es ist nicht leicht, soziale Kriterien zu bestimmen", räumt auch der Pressesprecher der Uni Köln, Patrick Honecker, ein. Zumindest dann, wenn es darum geht, Leistung und sozialen Hintergrund gleichermaßen zu berücksichtigen. "Über ein solches Stipendienprogramm lässt sich die Anfängerquote bei den Studierenden, die sich immer mehr Gedanken über die Finanzierung machen, sicher nicht steigern", bilanziert der Bildungsforscher Christoph Heine von der Hochschul-Informations-GmbH (His) und liegt damit ganz auf Linie des Deutschen Studentenwerks. Das drängt schon lange auf eine Erhöhung der Bafög-Sätze und der elterlichen Freibeträge, die Schavan nun um zwei beziehungsweise drei Prozent anheben will. "Mit dem Geld, das jetzt investiert wird, hätte man nun einige Prozentpunkte mehr rausschlagen können", so Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde.

Einen weiteren Unterschied zum Stipendienprogramm sieht er in der Rechtssicherheit: Wer auf Bafög nachweislich angewiesen ist, bekommt es. Ob die Wirtschaft, die die Stipendien zur Hälfte mitfinanziert, dazu immer bereit ist, bleibt offen. Sehr voreilig geht die Bundesregierung davon aus, dass das Beispiel NRW als Blaupause taugt. Erste Unternehmen konnten die Hochschulen dort zwar schon als Geldgeber gewinnen. Bislang erhalten aber lediglich 0,3 Prozent der Studierenden ein Stipendium; geplant sind zehn. Mehr als die Hälfte ging dabei an Mathematiker sowie Natur- und Ingenieurwissenschaftler in spe. Geisteswissenschaftler gingen eher leer aus.

Noch ärgerlicher würde es, wenn Hochschulen auf die Idee kämen, Stipendien über eigene Stiftungen zu finanzieren, die sich aus Studiengebühren speisen. Auch dies wäre aus rechtlicher Sicht möglich.

In anderen Ländern ist man längst nicht soweit, sich über derartige Verzerrungen den Kopf zu zerbrechen. Es bleibt bei der Frage nach Partnern. In einem Land wie Mecklenburg-Vorpommern etwa ist die Auswahl da nicht groß. "Wir gehen schon jetzt davon aus, dass wir das nötige Geld aus der Wirtschaft nie zusammenbekommen werden", sagt ein Sprecher, der lieber nicht genannt werden möchte. Wie auch, wenn der größte Arbeitgeber in der strukturschwachen Region die Hochschule selbst ist.

Autor:  Yvonne Globert
Datum:  26 | 2 | 2010
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