Die sechs Urlauber aus Bayern waren noch nicht lange in dem fremden Land als es in den Jeep und hinein in den Wüstensand ging. Ein Abenteuer-Urlaub sollte es werden. Bis die vermummten Männer die Kolonne mit den Jeeps in der algerischen Wüsten plötzlich stoppten - und das wahre Abenteuer auf Leben und Tod begann. „Ungefähr 30 Terroristen stoppten uns und hielten uns ihre Kalaschnikows ins Gesicht“, erinnert sich einer der Urlauber im Nachhinein. „Das erste Auto wollte fliehen. Da feuerten die Banditen auf das Fahrzeug. Wir zählten später zehn Einschusslöcher. Die Beifahrerin erlitt einen Steckschuss.“ Die Geiselnehmer hätten stets betont, dass sie ihre Geiseln nicht erschießen wollten - berichten die Geiseln.
Das Massaker von München
Ein Bild, das um die Welt ging: Ein vermummter Geiselnehmer steht auf dem Balkon des israelischen Mannschaftsquartiers. Acht Mitglieder der palästinischen Terrororganisation "Schwarzer September" klettern in den Morgenstunden des 5. September 1972 über den Zaun des Olympischen Dorfes in München. Nachdem die Terroristen in das Appartement eindrangen, verwundeten sie einen der israelischen Sportler schwer. Ein weitere wurde bei einem Fluchtversuch angeschossen. Beide starben.
Foto: dpaAbgemagert, aber körperlich unversehrt kehrten die 17 Menschen am 14. Mai 2003 in ihre Heimat zurück. Psychologische Hilfe stand zur Verfügung, doch nicht alle nahmen sie in Anspruch. Das Interesse der Medien und die zahlreichen Interviews vor Fernsehkameras machte es ihnen nicht leichter, intensiv über das Erlebte nachzudenken und es zu verarbeiten. Vielleicht variieren die Schilderungen deshalb. Dennoch sagte die überwiegende Zahl der Geiseln im Nachhinein, sie hätten ein gutes Verhältnis zu ihren Kidnappern gehabt. „Je länger wir mit ihnen zusammen waren, desto mehr vertrauten wir ihnen auch.“ Die gleichen Kidnapper, die mit Tötungsabsicht auf das fliehende Fahrzeug schossen, in der eine Frau aus der gleichen Reisegruppe hätte sterben können. Wie ist so etwas möglich?
Stockholm-Syndrom nennen es die Psychologen, wenn Opfer sich mit den Tätern solidarisieren oder gar identifizieren. Wenn in Ausnahmesituationen, die jedwede Konvention sprengen, eine Art Schicksalsgemeinschaft mit einer Gefühlsbindung aus Dominanz und Ergebenheit entsteht. Wenn sich psychologische Verhaltensmuster und sogar moralische Vorstellungen umkehren. Benannt ist das Phänomen nach einem Banküberfall in der schwedischen Hauptstadt, bei dem die Geiseln am Ende mehr Angst vor der Polizei als vor den Gangstern hatten. Doch so einfach ist es nicht.
Auch nach der Befreiung des entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit vor rund einem Jahr war schnell die Rede von einer starken Annäherungen zu seinen Geiselnehmern. Rudolf Egg, Kriminalpsychologe und Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden glaubt nicht, dass es zwischen dem 24 Jahre alten Israeli und seinen Geiselnehmern von der radikalislamischen Hamas zu einer Verbrüderung kam, wie es das Stockholm-Syndrom beschreibt. Denn Schalit sei von einer fremden Armee entführt worden und nicht von einzelnen Kidnappern.
Als Zehnjährige wird Natascha Kampusch am 2. März 1998 auf dem Schulweg in Wien-Donaustadt verschleppt. Acht Jahre später gibt sie ihr erstes Interview nach ihrer Flucht.
Foto: ddpDoch der Weg des freigelassenen Soldaten zurück in die Normalität könne durchaus noch sehr lange dauern. „Eine jahrelange Geiselhaft wird immer Spuren hinterlassen“, sagt Egg. „Es ist schwer zu sagen, in welchem Zeitraum er wieder eine andere, eine neue Normalität gewinnen wird. Das kann Monate, das kann unter Umständen auch Jahre dauern.“
Schalit und auch seine Familie hätten durch die Trennung „sehr schwere traumatisierende Erfahrungen“ gemacht. Die müssten sie nun zusammen aufarbeiten. Schalit brauche Ruhe für sich selber und Kontakt zu denen, die ihm am nächsten stehen, „um zu sagen, was habt ihr erlebt und was habe ich erlebt“, so Egg. Deswegen sei es auch richtig, ihn von dem Medienrummel fernzuhalten.
Als größte Belastung während der Gefangenschaft sieht Egg die Unsicherheit für den jungen Soldaten. Wenn nicht klar sei, ob man überhaupt jemals befreit werde, könne diese Ungewissheit einen Menschen ratlos und verzweifelt werden lassen. Hierin liegt ein Anknüpfungspunkt zum Stockholm-Syndrom: Die Geiseln vernachlässigen in ihrer Wahrnehmung die Außenwelt zunehmend und tauchen in die Innenwelt ein - die des Entführers. Das stellt Vertrauen her. Helfen könne es da, sagt Egg, eine Art Alltag und Routine in sein Leben in Gefangenschaft zu bringen: Auch das Schreiben könne helfen, aus „dieser verzweifelten und perspektivlosen Lage gedanklich herauszutreten“,
Auch als Natascha Kampusch zum ersten Mal vor die Fernsehkameras trat, war das Stockholm-Syndrom wieder in aller Munde. Auch damals, das war 2006, sagten der Experten der jungen Frau voraus, sie werde mindestens fünf Jahre brauchen, um wieder „ein normales Leben“ führen zu können. Nach acht Jahren Haft in einer Grube. Gefangengehalten von einem Mann, den sie „Mein Gebieter“ nennen musste, der sie aber auch über das aktuelle Tagesgeschehen unterrichtete, mit Büchern und Videos versorgte. Das Opfer habe sich mit dem Entführer arrangieren müssen, sei so in Abhängigkeit gewesen, dass sie nicht um Hilfe gesucht hätte, selbst wenn Fremde in Rufweite waren.
Die Waffe am Hals, Todesangst in den Augen: Das Bild von Silke Bischoff und Dieter Degowski steht wie kein anderes für das Geiseldrama von Gladbeck. Es entstand am 18. August 1988 in Köln. Wenige Stunden später stirbt die 18-Jährige Geisel aus Bremen durch eine Kugel aus Hans-Jürgen Rösners Waffe.
Foto: dpaVon einem „fast freundschaftlichen“ Verhältnis sprachen auch die Geiseln in der Sahara über die Männer, die sie den ganzen Tag über mit Gewehrläufen in Schach hielten. Zwei Tage später wurden zehn Österreicher, die ebenfalls auf einer Safari waren, entführt. Auch sie werden freigelassen. Auch sie bescheinigen den algerischen Kidnappern Fairness und Humanität. Eine der Geiseln sagt später über seine eigene Entführung: „Es war ganz großartiges und sensationelles Erlebnis, das man jedem wünschen kann.“ Durch „eine Reduktion auf das Allerwichtigste“, die er erlebt habe, sei sein Wertesystem nachhaltig verändert worden. (mit dpa)
Das Haus an der Connollystraße 31, im früheren Olympischen Dorf, in München. In diesem Haus, in dem die israelische Mannschaft einquartiert war, begann am 5. September 1972 die Geiselnahme in deren Verlauf elf Sportler, ein Polizist und die fünf palästinensischen Geiselnehmer getötet wurden.
Foto: dpa
Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.
Wie eine gigantische Lasershow aus dem Weltall wirken die außerordentlich spektakulären Polarlichter - Bilder und Videos.
Neue Forschungsergebnisse in der Medizin, der Blick in das Innere des Menschen - mehr zu lesen im FR-Spezial Medizin.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.
Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.