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19. Oktober 2012

Stockholm-Syndrom: Der liebe Entführer

 Von Markus Bulgrin
Auf der Rückbank des Fluchtwagens bedroht der Gladbacker Entführer Dieter Degowski seine Geisel Silke Bischoff mit der Waffe. Foto: dpa

Das Verlies von Natascha Kampusch, die Bank in Gladbeck und die algerische Wüste: Warum Geiseln während einer Entführung in eine solche Extremsituation geraten können, dass sie sich mit ihren Peinigern verbrüdern.

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Die sechs Urlauber aus Bayern waren noch nicht lange in dem fremden Land als es in den Jeep und hinein in den Wüstensand ging. Ein Abenteuer-Urlaub sollte es werden. Bis die vermummten Männer die Kolonne mit den Jeeps in der algerischen Wüsten plötzlich stoppten - und das wahre Abenteuer auf Leben und Tod begann. „Ungefähr 30 Terroristen stoppten uns und hielten uns ihre Kalaschnikows ins Gesicht“, erinnert sich einer der Urlauber im Nachhinein. „Das erste Auto wollte fliehen. Da feuerten die Banditen auf das Fahrzeug. Wir zählten später zehn Einschusslöcher. Die Beifahrerin erlitt einen Steckschuss.“ Die Geiselnehmer hätten stets betont, dass sie ihre Geiseln nicht erschießen wollten - berichten die Geiseln.

Abgemagert, aber körperlich unversehrt kehrten die 17 Menschen am 14. Mai 2003 in ihre Heimat zurück. Psychologische Hilfe stand zur Verfügung, doch nicht alle nahmen sie in Anspruch. Das Interesse der Medien und die zahlreichen Interviews vor Fernsehkameras machte es ihnen nicht leichter, intensiv über das Erlebte nachzudenken und es zu verarbeiten. Vielleicht variieren die Schilderungen deshalb. Dennoch sagte die überwiegende Zahl der Geiseln im Nachhinein, sie hätten ein gutes Verhältnis zu ihren Kidnappern gehabt. „Je länger wir mit ihnen zusammen waren, desto mehr vertrauten wir ihnen auch.“ Die gleichen Kidnapper, die mit Tötungsabsicht auf das fliehende Fahrzeug schossen, in der eine Frau aus der gleichen Reisegruppe hätte sterben können. Wie ist so etwas möglich?

Schicksalsgemeinschaft von Opfer und Täter

Stockholm-Syndrom nennen es die Psychologen, wenn Opfer sich mit den Tätern solidarisieren oder gar identifizieren. Wenn in Ausnahmesituationen, die jedwede Konvention sprengen, eine Art Schicksalsgemeinschaft mit einer Gefühlsbindung aus Dominanz und Ergebenheit entsteht. Wenn sich psychologische Verhaltensmuster und sogar moralische Vorstellungen umkehren. Benannt ist das Phänomen nach einem Banküberfall in der schwedischen Hauptstadt, bei dem die Geiseln am Ende mehr Angst vor der Polizei als vor den Gangstern hatten. Doch so einfach ist es nicht.

Auch nach der Befreiung des entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit vor rund einem Jahr war schnell die Rede von einer starken Annäherungen zu seinen Geiselnehmern. Rudolf Egg, Kriminalpsychologe und Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden glaubt nicht, dass es zwischen dem 24 Jahre alten Israeli und seinen Geiselnehmern von der radikalislamischen Hamas zu einer Verbrüderung kam, wie es das Stockholm-Syndrom beschreibt. Denn Schalit sei von einer fremden Armee entführt worden und nicht von einzelnen Kidnappern.

Doch der Weg des freigelassenen Soldaten zurück in die Normalität könne durchaus noch sehr lange dauern. „Eine jahrelange Geiselhaft wird immer Spuren hinterlassen“, sagt Egg. „Es ist schwer zu sagen, in welchem Zeitraum er wieder eine andere, eine neue Normalität gewinnen wird. Das kann Monate, das kann unter Umständen auch Jahre dauern.“

Schalit und auch seine Familie hätten durch die Trennung „sehr schwere traumatisierende Erfahrungen“ gemacht. Die müssten sie nun zusammen aufarbeiten. Schalit brauche Ruhe für sich selber und Kontakt zu denen, die ihm am nächsten stehen, „um zu sagen, was habt ihr erlebt und was habe ich erlebt“, so Egg. Deswegen sei es auch richtig, ihn von dem Medienrummel fernzuhalten.

Als größte Belastung während der Gefangenschaft sieht Egg die Unsicherheit für den jungen Soldaten. Wenn nicht klar sei, ob man überhaupt jemals befreit werde, könne diese Ungewissheit einen Menschen ratlos und verzweifelt werden lassen. Hierin liegt ein Anknüpfungspunkt zum Stockholm-Syndrom: Die Geiseln vernachlässigen in ihrer Wahrnehmung die Außenwelt zunehmend und tauchen in die Innenwelt ein - die des Entführers. Das stellt Vertrauen her. Helfen könne es da, sagt Egg, eine Art Alltag und Routine in sein Leben in Gefangenschaft zu bringen: Auch das Schreiben könne helfen, aus „dieser verzweifelten und perspektivlosen Lage gedanklich herauszutreten“,

„Ein großartiges und sensationelles Erlebnis“

Auch als Natascha Kampusch zum ersten Mal vor die Fernsehkameras trat, war das Stockholm-Syndrom wieder in aller Munde. Auch damals, das war 2006, sagten der Experten der jungen Frau voraus, sie werde mindestens fünf Jahre brauchen, um wieder „ein normales Leben“ führen zu können. Nach acht Jahren Haft in einer Grube. Gefangengehalten von einem Mann, den sie „Mein Gebieter“ nennen musste, der sie aber auch über das aktuelle Tagesgeschehen unterrichtete, mit Büchern und Videos versorgte. Das Opfer habe sich mit dem Entführer arrangieren müssen, sei so in Abhängigkeit gewesen, dass sie nicht um Hilfe gesucht hätte, selbst wenn Fremde in Rufweite waren.

Von einem „fast freundschaftlichen“ Verhältnis sprachen auch die Geiseln in der Sahara über die Männer, die sie den ganzen Tag über mit Gewehrläufen in Schach hielten. Zwei Tage später wurden zehn Österreicher, die ebenfalls auf einer Safari waren, entführt. Auch sie werden freigelassen. Auch sie bescheinigen den algerischen Kidnappern Fairness und Humanität. Eine der Geiseln sagt später über seine eigene Entführung: „Es war ganz großartiges und sensationelles Erlebnis, das man jedem wünschen kann.“ Durch „eine Reduktion auf das Allerwichtigste“, die er erlebt habe, sei sein Wertesystem nachhaltig verändert worden. (mit dpa)

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