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Studie der Bertelsmann-Stiftung: Bildungsverluste

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung könnte Deutschland durch gezielte und effektive Bildungsreformen langfristig 2,8 Billionen Euro erwirtschaften. Von Jeannette Goddar

Nach Auffassung der Bertelsmann-Stiftung würde es schon reichen, allen Kindern eine Chance zu geben und im Zweifel dort zu investieren, wo es besonders nötig ist.
Nach Auffassung der Bertelsmann-Stiftung würde es schon reichen, allen Kindern eine Chance zu geben und im Zweifel dort zu investieren, wo es besonders nötig ist.
Foto: Oeser

Dass Bildung sich auszahlt, weiß jedes Kind. Wie sehr, wird bisher nur gemutmaßt. Auszurechnen, was es bringen würde, wenn Deutschlands Kinder schlauer aus der Schule kämen, ist auch nicht gerade eine leichte wissenschaftliche Aufgabe.

Die Bertelsmann-Stiftung hat es dennoch versucht - und legt, mit hoher Plausibilität, eine Zahl vor, die schwindelig macht: Alleine dadurch, dass Deutschland sich mehr als 20 Prozent Schüler auf unterstem und unterem Kompetenzniveau leistet, entgehen dem Land im Verlauf eines durchschnittlichen Menschenlebens 2808 Milliarden Euro.

Rechnen wie ein Viertklässler

Anders gesagt: Mehr als jeder fünfte 15-Jährige kann laut Pisa bestenfalls auf Viertklässler-Niveau lesen und rechnen. Wenn es gelänge, allein diese Risikogruppe so zu fördern, dass sie eine ernsthafte Chance auf eine Ausbildung bekommt, hätte Deutschland in 80 Jahren 2,8 Billionen Euro mehr zur Verfügung. Und zwar dem realitätsnahen Wert von 2090 entsprechend.

Wem das zu weit weg ist, der kann auch in die nähere Zukunft gucken: Bereits 2030 wäre das Bruttoinlandsprodukt um 69 Milliarden Euro gestiegen - das entspricht etwa dem, was der Staat für alle Kindergärten und Schulen zusammen bundesweit heute aufbringt. 2043 wäre so viel zusätzliches Geld bei den Bürgern angekommen, dass sie einen neuen kompletten Bundeshaushalt daraus bezahlen könnten: mit 311 Milliarden Euro. All das, wohlgemerkt, ohne dass es mehr Abiturienten, Akademiker oder Wissenschaftler in Deutschland gäbe.

Jörg Dräger, 2008 vom Sitz des Kultusministers in Hamburg auf den des Bildungsvorstandes der Bertelsmann-Stiftung gewechselt, sagt es kurz und treffend: "Der Schritt ist nicht riesig. Der Effekt schon."

Um auf die enorme Zahl zu kommen, hat der Bildungsökonom Ludger Wößmann bestehende Daten aus vier Jahrzehnten verglichen. Von 1964 bis 2003 untersuchte der Leiter des Bereichs Humankapital und Innovation am Münchner ifo Institut das Verhältnis zwischen dem Abschneiden bei internationalen Bildungsstudien und dem Wirtschaftswachstum in 50 Ländern.

"Der Zusammenhang ist unstrittig", sagt Wößmann, "drei Viertel der Wachstumsunterschiede lassen sich mit den Bildungstest-Ergebnissen erklären." Ganz oben auf der Wachstum-Bildung-Skala finden sich ostasiatische Länder von Korea bis Singapur, ganz unten Peru. Deutschland liegt im Mittelfeld.

Die so erstellte Kurve hat Wößmann fortgeschrieben - wobei er davon ausging, dass 2010 eine Bildungsreform einsetzt, die dafür sorgt, dass Deutschlands Risikoschüler in Zukunft keine mehr sind. Damit das so ist, müssten alle, die bei Pisa auf oder unter der untersten Kompetenzstufe landeten, eine Stufe höher, also auf Stufe zwei kommen.

Aufs Basisniveau heben

Damit wären sie mitnichten Genies; Stufe zwei repräsentiert in der Pisa-Logik das "Basisniveau" auf dem Schüler Mathe "aktiv einsetzen" und somit Formeln anwenden oder logische Denkschritte vollziehen können.

Bereits mit 18 Jahren hätte ein heute geborener 15-Jähriger jedes Jahr statistisch 179 Euro mehr zur Verfügung. Mit 30 wäre das Bildungs-Plus auf 720 Euro jährlich und beim Eintritt in den Ruhestand auf 6471 Euro angestiegen. Föderal hätten jene Länder besonders viel von der Reform, die viele Schüler mit kaum aussichtsreichen Lernbiographien haben: darunter Hessen mit 27,5 Prozent und Nordrhein-Westfalen mit 28,2 Prozent der 15-Jährigen.

Binnen zehn Jahren sollte die Bildungsreform für die Schwächsten laut Rechenmodell erfolgreich abgeschlossen sein. Würde es schon in fünf Jahren gelingen, kämen noch einmal 300 Milliarden Euro zusätzliches Bruttoinlandsprodukt hinzu.

Was für die Abschaffung der Bildungsunterschicht nötig wäre, haben Jörg Dräger und Kollegen aufgelistet. Nach Auffassung der Stiftung würde es schon reichen, allen Kindern eine Chance zu geben und im Zweifel dort zu investieren, wo es besonders nötig ist: in frühe Bildung und individuelle Förderung, ganztags und kooperativ, in einem durchlässigen System, das Verantwortung für den Lernerfolg übernimmt. Entscheidend sei, so Dräger: "In Brennpunktschulen und Sprachförderung muss mehr Geld fließen als in besser gestellte Familien."

Autor:  Jeannette Goddar
Datum:  26 | 11 | 2009
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