Wer sich in diesem Herbst in Köln als Studienanfänger vom Rektor der Universität begrüßen lassen wollte, der musste früh aufstehen. Schon um neun Uhr platzte die Aula aus allen Nähten. Denn die Universität zu Köln hat in diesem Jahr 1500 Erstsemester mehr als im Vorjahr. Sie gehört zu den am stärksten betroffenen Universitäten. Bundesweit versuchen Hochschulen mit der rasant wachsenden Zahl an Studenten umzugehen, die Lehre und die Betreuung auch unter schwierigen Bedingungen zu sichern. Ausweich-Hörsäle, neu gebildete Task Forces, reaktivierte Professoren – Improvisation ist von Greifswald bis München gefragt. Oft ohne befriedigende Lösung.
60.000 Abiturienten mehr als im Vorjahr begannen 2011 ein Studium. Insgesamt waren es etwa 500.000 Erstsemester. Erst im Sommersemester stieg die Gesamt-Studentenzahl in Deutschland auf 2,2 Millionen. Ein Grund dafür ist die sogenannte G8-Reform, die Verkürzung der Abiturzeit auf zwölf Jahre. Sie führt dazu, dass doppelte Jahrgänge ihr Abitur machen. In diesem Jahr kamen sie aus Bayern und Niedersachsen, im nächsten Jahr folgen Baden-Württemberg und Berlin.
Einen Hochschulpakt haben Bund und Länder 2007 geschlossen. Darin vereinbarten sie zusätzliche Mittel, um mehr Plätze für Studienanfänger zu schaffen. Von 2007 bis 2010 konnten auf diese Weise etwa 182.000 Studienanfänger zusätzlich aufgenommen werden, teilte die Bundesregierung mit. Die meisten davon, insgesamt 127.000, gingen an die Fachhochschulen, die dadurch eine weitere Aufwertung erfuhren.
In diesem Jahr stellt der Bund 600 Millionen Euro für den Ausbau von Studienplätzen zur Verfügung. Im nächsten Jahr kommen 1,1 Milliarden Euro dazu. Bund und Länder hatten eine Fortsetzung des Hochschulpakts beschlossen. Von 2011 bis 2015 sollen noch einmal 275 000 zusätzliche Anfängerplätze geschaffen werden sowie fast 60.000 Plätze für Abiturienten, die wegen des wegfallenden Wehr- und Zivildienstes früher an die Hochschulen gehen.
Die weitere Aufstockung des Hochschulpakts forderten jüngst Politiker der SPD. Danach sollten über die bisherigen Planungen hinaus noch 50.000 Studienplätze finanziert werden. Gefordert wird auch eine Verlängerung des Hochschulpakts um eine dritte Stufe von 2016 bis 2020 sowie der Ausbau von Masterplätzen.
Ein Qualitätspakt Lehre sieht vor, bis 2010 etwa zwei Milliarden Euro für die Verbesserung der Studienbedingungen auszugeben. Die ersten 111 Hochschulen erhalten in den nächsten fünf Jahren 600 Millionen Euro – für zusätzliche Professoren, Kurse, Lernzentren, bessere Beratung und Betreuung oder längere Öffnungszeiten der Bibliotheken.
Beispiel Frankfurt am Main: In diesem Semester haben an der Universität 2000 Abiturienten mehr als im Vorjahr ihr Studium begonnen. Und das, obwohl in Hessen noch gar kein doppelter Abiturjahrgang die Schulen verlassen hat. Das geschieht erst nach und nach in den nächsten Jahren. Die Spitze wird für 2013/14 erwartet. Schon jetzt bereitet sich die Goethe-Universität darauf vor. Im Rahmen des Qualitätspakts Lehre schuf sie 50 zusätzliche Dozentenstellen. Sie bildete eine Task Force aus Verwaltungsspitzen, um die Maßnahmen zu koordinieren, verlegte Vorlesungszeiten in die Morgen- und Abendstunden, zog bereits emeritierte Professoren als Unterstützung hinzu und belebte alte Hochschulgebäude wieder.
Dennoch ist es eng in der Universität: „Der Platz reicht gerade mal so aus“, erklärt ihr Sprecher Olaf Kaltenborn. Maximilian Pichl, Referent für Studienbedingungen des Allgemeinen Studentenausschusses (Asta), sieht das als untertrieben an: „Die Situation an der Universität Frankfurt ist seit Jahren katastrophal. Die Aussetzung der Wehrpflicht hat die Probleme nur noch verschärft.“ An der Task Force kritisiert er, dass kein Vertreter der Studentenschaft beteiligt wurde. Auch erkennt er bisher keine Erfolge. „Eigentlich haben wir keine Ahnung, was diese Task Force getan hat.“ In Seminare, die für 30 Teilnehmer geplant sind, drängen sich 300 Studenten. Im Posteingang des Asta häufen sich Beschwerdemails. Dozenten fragen sogar schon nach, ob Veranstaltungen im Studierendenhaus abgehalten werden können. Wenn in den kommenden Jahren noch mehr Studienbewerber an die Universität strömten, werde wohl der Hochschulzugang erschwert, prognostiziert der Jurastudent Maximilian Pichl. „Wahrscheinlich heben sie dann einfach den Numerus clausus an“. Eine andere Lösung könne es kaum geben.
Platzmangel in Hörsälen und Seminarräumen ist meist das drängendste Problem. An vielen Orten wird improvisiert: Die TU München stellt Bierbänke in die Hörsäle, die Fachhochschule Bielefeld hält Vorlesungen im Autohaus ab, die Universitäten Essen und Aachen haben Kinosäle angemietet, in Paderborn wird ein umgebauter Baumarkt als Hörsaal genutzt. Weitere Universitäten stellten Container oder Holzbaracken auf. Die Konzentration und die Lernatmosphäre fördern solche Notlösungen kaum.
Die Universität Köln hat mehrere Liegenschaften angemietet. Dennoch stehen in manchen Vorlesungen die Studienafänger dicht gedrängt in den Gängen. Für Katharina Sass, die zweite Vorsitzende des Kölner Asta, reicht die Erhöhung der Studienplätze lange nicht aus: „Der Bedarf wird bei weitem noch nicht gedeckt.“ Am 17. November wird der Asta im Rahmen des Bildungsstreiks unter anderem für ein allgemeines Recht auf einen Studienplatz demonstrieren. Um dem Bedarf der Studenten gerecht zu werden, müsste viel investiert werden. Die Gebäude sind marode, es mangelt an Lehrkräften. In der Humanwissenschaftlichen Fakultät fielen neulich Lampen von der Decke, die Netze hängen immer noch, erzählt Katharina Sass.
Nicht nur die großen Fakultäten wie etwa Wirtschaftswissenschaften oder Jura sind überfüllt. Auch kleinere Fächer erleben plötzlich nie gekannte Studentenzahlen. Das Fach Sinologie an der Universität Münster vergibt normalerweise 30 Studienplätze. In diesem Jahr haben sich 68 neue Bachelor-Studenten eingeschrieben. Für das kleine Institut ist das eine nur schwer zu bewältigende Herausforderung. Die Schließfächer und Leseplätze in der Bibliothek reichen nicht aus. Als Ergänzung zu den Sprachkursen mussten Tutorien eingerichtet werden. „Wenn sich die Zahl noch mal verdoppelt, weiß ich nicht, ob das zu bewältigen ist“, sagt die Institutsmitarbeiterin Monique Nagel-Angermann. Es fehlt an Platz, vor allem aber an Lehrpersonal. „Wir haben nur einen hauptamtlichen Lektor. Die Last ruht auf ganz wenigen Schultern.“
Der „Studentenansturm“ macht sich auch an den bisher nicht so begehrten ostdeutschen Universitäten bemerkbar. In Greifswald ist man wachsende Studentenzahlen seit Jahren gewöhnt. Studierten noch Mitte der 90er-Jahre 3500 junge Menschen an der Universität, so sind es jetzt mehr als 12.000. Auch hier erschweren vor allem Raumprobleme das Studieren. Zwei Gebäude sind so baufällig, dass sie nicht genutzt werden können. Auch die Uni Greifswald bildete eine Task Force, um vor jedem Semesterbeginn alle Räume – vom Hörsaal bis zu den Toiletten – zu prüfen und auf dieser Grundlage einen Raumplan auszutüfteln, der in den ersten Semesterwochen wieder und wieder überprüft wird. „Wir sind seit Jahren ganz gut darauf eingestellt, mit diesen Krisen umzugehen“, erklärt Jan Meßerschmidt, Sprecher der Universität. Im Jahr 2016 sollen dann zwei Neu- und Umbauten fertig sein. Am anderen Ende der Republik, in Bayern, machten in diesem Jahr erstmals zwei Jahrgänge zugleich ihr Abitur. Für die Technische Universität (TU) München hat das deutliche Folgen: Hier werden die meisten Studienplätze per Eignungstest und nicht über einen festen NC vergeben. Je mehr Bewerber den Test bestehen, desto mehr Studierende gibt es. Extrem eng ist es in der Chemie, aber auch in anderen Fächern sind die Studentenzahlen regelrecht explodiert. Im Fach Physik hat sich die Erstsemesterzahl um fast 100 Prozent erhöht, in Informatik sogar um 116 Prozent. Für Ari Wugalter vom Asta der TU sind die Probleme jedoch grundsätzlicher Natur: „In Einführungsvorlesungen war es schon immer schwierig, eine hohe Qualität der Lehre zu gewährleisten.“ Ob in der Holzbaracke oder im Hörsaal. Bei tausend Studierenden sei es ohnehin kaum möglich, Fragen zu stellen, also mache es keinen Unterschied, ob man im Raum sitze oder die Vorlesung per Video übertragen bekomme. Zur Zeit funktioniert der Alltag an der TU einigermaßen, der Universität fehlt es jedoch seit Jahren an Geld – für Lehre und Infrastruktur, aber auch um international in der Forschung wettbewerbsfähig bleiben zu können. „Bildung ist nun mal der einzige Rohstoff in Deutschland. Ich verstehe nicht, warum das so wenig wertgeschätzt wird“, sagt Ari Wugalter.
Die Studienanfänger, die sich derzeit in improvisierten Hörsälen und Containern an den Hochschulen drängen, haben zumindest eine Hürde bereits geschafft: Sie haben einen Studienplatz bekommen. Viele andere sind leer ausgegangen. Studienplätze kosten Geld, und das fehlt an den Hochschulen. Svenja Schulze, die Wissenschaftsministerin Nordrhein-Westfalens, fordert deshalb gemeinsam mit anderen SPD-Politikern einen Hochschulpakt Plus. Der bisherige Hochschulpakt zwischen Bund und Ländern reiche nicht aus, weil die Zahl der Studienanfänger die Prognosen bei weitem überschreite. „Allein für diese Studienanfängergeneration fehlen 400 Millionen Euro für den Ausbau der Studienplätze“, sagt Svenja Schulze. Darum müsse dringend nachjustiert werden.
Den Studienanfängern in Köln, Frankfurt, München, Münster oder Greifswald bleibt aber wohl kaum eine Wahl. Sie müssen sich an die Enge in den Hochschulen gewöhnen. Ruhiger wird es so schnell nicht werden: Im kommenden Jahr machen unter anderem in Berlin und Baden-Württemberg Doppeljahrgänge Abitur.
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