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18. Mai 2012

Studiengebühren: Studium in den USA ist kaum noch bezahlbar

 Von Sebastian Moll
New Yorker Studenten bei der Abschlussfeier.  Foto: AFP

Im Wahlkampf geht es auch um hohe Schulden und in den USA ist eine Debatte darüber entbrannt, ob sich eine Hochschulausbildung überhaupt noch lohnt.

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Es war Ende 2008, eine weltweite Bewegung für soziale Gerechtigkeit war noch nicht am Horizont zu erkennen. Doch in der New School Universität in New York hatten Studenten bereits unter dem Motto „Occupy“ ein Stockwerk belegt und kampierten mit Schlafsäcken auf dem Fußboden. Sie protestierten gegen die Erhöhung der Studiengebühren.

Im Rückblick war der New School Protest eine der Initialzündungen von Occupy Wall Street. Eine gute Uni-Ausbildung und somit die Chancen auf einen gut bezahlten Job, so heißt es bei Occupy, seien schon lange zum Privileg einer Ein-Prozent-Elite geworden. So ist es nicht überraschend, dass sich in einem Wahljahr, in dem der Diskurs um Ungleichheit dank Occupy ins Zentrum des Parteienstreits gerückt ist, die Bildung früh zu einem zentralen Thema entwickelt hat. Von Occupy angestoßen, erklärte Präsident Barack Obama im Januar, dass „Bildung kein Luxusgut“ werden darf. Er stellte ein Hochschul-Reform-Programm vor und bewarb es aggressiv auf einer Tournee durch die College-Campi.

Prekäre Lage

In der vergangenen Woche kochte das Thema erneut im Kongress hoch. Zur Debatte steht dort die Verlängerung eines Zinsnachlasses für staatliche Studienkredite. Die Parteien hatten 2007 gemeinsam beschlossen, die Zinsen fünf Jahre lang auf drei Prozent zu halbieren. Der Zank unter den Parlamentariern ist weitgehend symbolisch – man streitet nicht einmal darüber, ob der Nachlass ausgeweitet werden soll, sondern nur, wie man ihn finanziert. Doch die Diskussion hat eine dringend notwendige nationale Debatte über die Bildungskrise losgetreten.

Die Lage ist prekär. Seit Beginn der 80er-Jahre sind die Kosten für eine Universitätsausbildung in den USA inflationsbereinigt um 360 Prozent gestiegen. Im Studienjahr 2011/12 kostete das Studium an 123 Colleges jeweils mehr als 50.000 Dollar an Studiengebühren. Der Durchschnittspreis selbst von öffentlich geförderten Hochschulen lag bei 21.447 Dollar – mehr als die Hälfte des durchschnittlichen amerikanischen Haushaltseinkommens.

Immer mehr Studenten in den USA starten mit einem erdrückenden Schuldenberg ins Berufsleben. Die durchschnittliche Schuldenlast eines Collegeabgängers liegt nach Angaben der New York Times bei 23 300 Dollar. Insgesamt schulden amerikanische Hochschulabsolventen knapp eine Billion Dollar – eine größere Summe als die gesamten Kreditkartenschulden des Landes.

Das Platzen dieser Blase befürchten Experten zwar nicht – die meisten Kredite sind staatlich oder staatlich gefördert und belasten somit nicht den Bankensektor. Aber sie belasten das Leben und die Kaufkraft einer gesamten Generation und stellen somit eine massive Bremse für die Erholung von der Wirtschaftskrise dar. Die Lage wird dadurch verschärft, dass ein College-Abschluss schon lange keine Job-Garantie mehr ist. Unter den Abgängern des Jahres 2010 herrscht eine Arbeitslosigkeit von 9,1 Prozent. 53 Prozent der unter 25-Jährigen schlagen sich mit Jobs durch, die sie auch ohne College ausüben könnten.

Ein-Prozent-Elite unter sich

Angesichts dieser Zahlen ist in den USA eine ernsthafte Debatte entbrannt, ob sich eine Hochschulausbildung überhaupt noch lohnt. Von vielen Seiten wird argumentiert, dass junge Menschen vielleicht besser beraten wären, ohne Diplom ihr Glück zu versuchen. Schließlich, so argumentierte etwa der New-York-Times-Kolumnist William Cohan in einem provozierenden Artikel, seien einige der erfolgreichsten Amerikaner ohne akademische Weihen blendend zurechtgekommen: Steve Jobs, Bill Gates, Mark Zuckerberg sowie Twitter-Gründer Jack Dorsey brachen allesamt ihr Studium ab.

Der Republikaner Newt Gingrich, der sich inzwischen offiziell aus dem Präsidentschaftswahlkampf zurückzog, hatte bereits vorgeschlagen, die Universitäten vor die Hunde gehen zu lassen. Die Vorstellung, dass jeder Amerikaner Zugang zu einer College-Ausbildung haben sollte, fand er elitär. Diese Haltung ist selbst Mitt Romney zu zynisch. Der möchte allerdings die staatliche Studienförderung noch weiter zusammenstreichen. Es sei im Geiste amerikanischen Unternehmertums, ein Risiko einzugehen, und „sich das Geld von seinen Eltern zu leihen“, sagte er jüngst. Dass es Eltern gibt, die nicht ohne weiteres 50 000 Dollar pro Jahr geben können, liegt offenbar außerhalb der Vorstellungskraft des Hedge-Fonds Milliardärs.

Obamas Plan hingegen sucht zu verhindern, dass sich die Ein-Prozent-Elite in Zukunft mittels ihres exklusiven Zugangs zu höherer Bildung selbst reproduziert. Er will die staatliche Förderung von Universitäten sowohl an die effektive Kostensenkung als auch an die Qualität der Ausbildung binden. Experten glauben, das sei ein guter Anfang, aber bei weitem nicht ausreichend um die Bildungskrise zu überwinden. Die Budgetkürzungen müssten aufhören und die Förderung von Studenten massiv ausgeweitet werden, fordert etwa Nobelpreisträger Paul Krugman. Ansonsten laufe man Gefahr, „den Geist einer ganzen Generation verkümmern zu lassen“.

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