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13. Dezember 2011

Südpol-Expedition von Roald Amundsen: Die Entdeckung des Südpols

 Von Hannes Gammilscheg
Roald Amundsen eroberte vor 100 Jahren den Südpol – eine Sternstunde der Menschheit. In Norwegen wird er noch immer verehrt. Foto: dpa

Roald Amundsen eroberte vor 100 Jahren den Südpol – eine Sternstunde der Menschheit. In Norwegen wird er noch immer verehrt.

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Wie unterschiedlich Menschen doch wahrnehmen können, wenn sie dasselbe erblicken. „Gott hat einen schrecklichen Ort erschaffen“, schrieb der britische Polarfahrer Robert Scott am 16. Februar 1912 in sein Tagebuch, „nichts ist hier zu sehen, nichts, was sich von der schauerlichen Eintönigkeit der letzten Tage unterschiede“. Fünf Wochen davor hatte der Norweger Roald Amundsen dieselbe Eiswüste lyrisch besungen: „Ruhig, so ruhig, erstreckt sich das mächtige Plateau vor uns, noch nie gesehen und noch nie betreten von menschlichem Fuß.“ Was für Amundsen ein „Moment unleugbarer Ergriffenheit“ war, war für Scott bitterste Enttäuschung: „All die Mühsal, all die Entbehrung, all die Qual – wofür?“

Roald Amundsen

Der Polarforscher wurde 56 Jahre alt. Er starb vermutlich während einer Expedition am 18. Juni 1928 in der Arktis nahe der Bäreninsel.

Denn am 14. Dezember 1911 hatten Amundsen und seine Weggefährten als erste Menschen den Südpol erreicht. Scott und seine Mannen hingegen hatten am Ziel ihrer Strapazen erkennen müssen, dass der Konkurrent ihnen zuvorgekommen war: Da stand sein Zelt, da wehte die norwegische Fahne. Als die Briten entmutigt den Rückweg antraten, den keiner von ihnen überlebte, saßen die Norweger schon auf dem Polarschiff „Fram“. In Hobart in Tasmanien hieß Amundsen seine Mitstreiter an Bord zu bleiben, bis er das codierte Telegramm über die geglückte Expedition in die Heimat gefunkt hatte. Auch damals kannten die Entdecker schon den Wert einer Nachricht, und niemand sollte ihm die Show stehlen.

Pflichtstoff an Schulen

Der Wettlauf zum Südpol ist unter die „Sternstunden der Menschheit“ eingegangen und vermag auch hundert Jahre später noch zu faszinieren. Das damals „mächtige Plateau“ gleicht inzwischen einem US-Flughafen, sagt Liv Arnesen, die 1994 als erste Frau alleine und ohne Unterstützung zum Pol vordrang. 20 Jubiläumsexpeditionen ziehen in diesen Tagen durch die Eisberge, um zum Jahrestag den Zielort zu erreichen.

        

Auf das Schiff „Fram“ konnte Amundsen sich verlassen.
Auf das Schiff „Fram“ konnte Amundsen sich verlassen.
Foto: Getty

Selbst Norwegens Premier Jens Stoltenberg will sich einfliegen lassen und die letzten 20 Kilometer bis zum Südpol zu laufen. „Zirkus“ ist das für die inzwischen 58-jährige Arnesen, doch Zirkus oder nicht: Die Feiern zeigen auf, dass Roald Amundsen für die Norweger auch heute noch ein Held ist.

Norwegen war ein kleines, armes Land, jahrhundertelang von Dänen und Schweden regiert, „und seit den Wikingerkönigen hatte es keine Helden mehr gehabt“, sagt der Journalist und Historiker Per Egil Hegge. „Da haben die Polarfahrer das norwegische Selbstbild geprägt und vielleicht ein bisschen überhöht.“ Außerdem: „Wer lange auf Skiern laufen kann, den lieben die Norweger.“ Für Liv Arnesen bestimmte Amundsens Buch „Auf Schi zum Südpol“ das weitere Leben. „Ich war acht, ich las es, ich war verloren.“ Von da an wusste sie, dass sie es ihm nachmachen wollte, 33 Jahre später hatte sie sich ihren Traum erfüllt. Bis heute ist Amundsen Pflichtstoff an norwegischen Schulen, bis heute vermarktet sich das Land mit dessen Werten. „Naturverbundenheit, Abenteuerlust, Innovation gehören zu unserem Branding“, sagt Eirik Bergesen, der im Außenministerium arbeitet. Der Südpolheld verleiht auch heute noch Prestige. „Mein neunjähriger Sohn hat einen Klassenkameraden, der Großneffe Amundsens ist“, sagt Bergesen, „das gibt Street Credit, fast so, als wäre er der Sohn von Ole Gunnar Solskjær“, Norwegens größtem Fußballstar.

Amundsen war ein wichtiges Symbol für die junge Nation

Schon anfangs des Jahrhunderts waren die Polarhelden Idole, 2400 Zuhörer kamen in Oslo zum ersten Vortag von Amundsen. Fridtjof Nansen, der Grönland durchquerte und sich dem Nordpol näherte, spielte eine wichtige Rolle für die internationale Anerkennung des jungen Staats, als sich Norwegen 1905 von Schweden lossagte.

        

Bis zu 40 Grad Kälte mussten Menschen und Tiere ertragen.
Bis zu 40 Grad Kälte mussten Menschen und Tiere ertragen.
Foto: dpa

Doch auch Amundsen war ein wichtiges Symbol für die junge Nation, sagt der Kultursoziologe Thomas Hylland Eriksen. „Er hat Scott geschlagen, den Vertreter eines Imperiums. Das war wichtig für das Selbstbild.“ Die Eroberung des Südpols hat Strahlkraft bis heute. „Den Mann, der als Erster am Südpol steht, wird man nie vergessen“, sagt Liv Arnesen. Dabei war der Marsch zum südlichsten Punkt der Erde für Amundsen nur zweite Wahl. Eigentlich wollte er als Erster den Nordpol erreichen, doch dann hatten die Amerikaner Robert Peary und Frederick Cook unabhängig voneinander behauptet, am nördlichsten Punkt der Erde gewesen zu sein, und Amundsen erkannte, dass ihm als möglichem Dritten wenig Ehre und Geld zufließen werde.

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