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Technische Berufe: Die weibliche Seite des Ingenieurs

Viele Frauen haben sich in den technischen Männerdomänen bis an die Spitze gearbeitet. Nun werden 25 von ihnen ausgezeichnet.

Interesse am Ingenieursberuf: Gymnasiastinnen untersuchen ein Kegelrollenlager.
Interesse am Ingenieursberuf: Gymnasiastinnen untersuchen ein Kegelrollenlager.
Foto: dpa

Die 25 einflussreichsten Ingenieurinnen Deutschlands sind am Dienstag in Berlin gekürt worden. Ausgewählt wurden sie aus mehr als 200 Kandidatinnen, die von Verbänden, Hochschulen, Firmen und Einzelpersonen im Frühjahr benannt worden waren. Die Wahl soll auch ein Zeichen setzen. Denn noch immer entscheiden sich zu wenige Frauen für ein Fach in den Ingenieurwissenschaften. „Wir suchen Vorbilder“, sagt Karin Diegelmann vom Deutschen Ingenieurinnenbund (dib), dessen Idee die Wahl der Top 25 war. Für die Darmstädter Diplomingenieurin sind dies „Frauen, die ihren Beruf bekanntmachen und gesellschaftlich etwas bewegen“.

Warum aber gilt eine Frau im Maschinenbau noch immer als Exotin? Warum trauen sich nur wenige Mädchen an technische Studiengänge heran? Nur zehn Prozent der deutschen Ingenieure sind weiblich. 80 Prozent aller Studentinnen in Ingenieurfächern haben familiäre Vorbilder, so weiß Karin Diegelmann aus Befragungen. Es sei kein Wunder, dass nur wenige Mädchen Technikstudiengänge wählten, denn in der Elterngeneration fänden sich nur wenige Beispiele für erfolgreiche Frauen auf diesem Gebiet. Nicht zuletzt deshalb gibt es die Wahl der Top 25. Die Aktion soll neue, öffentlichkeitswirksame Vorbilder schaffen.

Frauen in Top-Positionen

Die 25 einflussreichsten Ingenieurinnen Deutschlands wurden am Dienstag in Berlin gewählt. Es sind Frauen in Top-Positionen, an Hochschulen, in Instituten, Politik oder Unternehmen.

Ausgezeichnet wurden u. a. Martina Beyer, Abteilungsleiterin bei Ford, Andrea Bör, designierte Kanzlerin der Uni Passau, Anke Kaysser-Pyzalla, Geschäftsführerin des Helmholtz Zentrums Berlin für Materialien und Energie, Sabine Kunst, Wissenschaftsministerin Brandenburgs, Kira Stein, Vorstandsmitglied des Deutschen Frauenrats, oder Moniko Greif, Dekanin an der Hochschule RheinMain (siehe Text). Sie alle sind studierte Ingenieurinnen. Die vollständige Liste finden Sie hier.

Zur fünfköpfigen Jury gehörten unter anderen Johann-Dietrich Wörner vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und Bundestagspräsidentin a. D. Rita Süssmuth. Die Initiatorin des Projekts ist Petra Mayerhofer, Maschinenbau-Ingenieurin und Vorstandsmitglied des Deutschen Ingenieurinnenbunds.

Zu den am Dienstag Gekürten gehört die Bauingenieurin Moniko Greif. Die Dekanin der Ingenieurwissenschaften an der Hochschule RheinMain ist „Herrin“ über 80 Professuren und verwaltet einen Etat von acht Millionen Euro. Als sie 1971 ihr Studium begann, war sie eine von fünf Studentinnen unter 250 männlichen Kommilitonen. Sie erlebte, wie der Professor das Auditorium weiter unbeirrt mit „Meine Herren“ ansprach, da die Frauen ja „das erste Semester ohnehin nicht überstehen“ würden.

Solche Erfahrungen trugen dazu bei, dass Moniko Greif 1986 – genau vor 25 Jahren – in Darmstadt den Deutschen Ingenieurinnenbund mitbegründete. Zuvor hatte sie sich im Verband Deutscher Ingenieure engagiert. Doch obwohl sie Vorsitzende der Frauengruppe war, hatte sie keinen Einfluss: „In den wichtigen Gremien saßen immer nur Männer“, sagt sie.
In ihrem neuen Bund bildeten die Ingenieurinnen nun Netzwerke. Sie berieten sich bei der Jobsuche und in Rechtsfragen und mauerten schon mal auf einem Marktplatz ein Klohäuschen hoch. „Wir stellen keine Frauen ein, bei uns gibt’s keine Damentoilette“, war nämlich eine Standardausrede, wenn sich eine Ingenieurin um eine Stelle bewarb.

Ab 1988 präsentierte sich der dib mit anderen Frauenorganisationen in technischen Berufen auf der Hannovermesse. Unter dem Motto „Wir können mehr als Kaffee kochen“ erreichten sie Aufmerksamkeit bei Politikern und in den Medien. Doch die Resonanz war nicht nur positiv. Gegner aus den etablierten Technikerbünden witterten Konkurrenz, mancher Vertreterin der Frauenbewegung galten sie als Verräterinnen. Sie mussten sich für ihren geliebten Beruf verteidigen.

Ingenieurinnen werden immer noch schlechter bezahlt

Was hat sich in 25 Jahren verändert? Der Berufseinstieg sei viel leichter geworden, auch weil Ingenieure dringend gesucht würden, sagt Karin Diegelmann. Inzwischen hätten es viele Ingenieurinnen in Spitzenpositionen geschafft, was auch die mehr als 200 Kandidatinnen für die Top 25 bewiesen. Allerdings würden sie immer noch schlechter bezahlt. „Das Hauptproblem bleibt aber die Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, sagt Diegelmann. Das gelte allerdings auch für Männer, die in Elternzeit gehen oder Teilzeit arbeiten wollen.

„Es gab Zeiten, da habe ich nur fürs Fahrgeld und die Tagesmutter gearbeitet“, erinnert sich Susanne Staude. Die Umweltingenieurin arbeitete bei einem großen Autokonzern und reduzierte wegen ihrer zwei Kinder die Stundenzahl. Schließlich entschied sie sich zu promovieren und kehrte an die Hochschule zurück. Inzwischen ist sie Professorin an der Hochschule Ruhr West.

„In den technischen Fächern gibt es inzwischen verhältnismäßig viele Dozentinnen“, sagt die Dekanin Moniko Greif. Nach ihrer Erfahrung gebe es zwar nur zehn bis 25 Prozent weibliche Studienanfänger in Ingenieurfächern, doch diese hielten in der Regel auch durch. Viel häufiger brechen Männer ihr Studium ab, weil sie aus Tradition in technische Zweige gedrängt werden, die ihnen gar nicht liegen.

Moniko Greif hätte nach dem Wunsch ihrer Mutter Lehrerin für Kunst und Handarbeit werden sollen. Doch sie hatte den Mut, auf ihre Neigungen zu hören. Naturwissenschaften waren ihre Stärke, aber sie wollte sie auch praktisch anwenden. Beim Arbeitsamt hieß es, sie bekomme kein Praktikum. So ging sie in den Sommerferien vor dem Abitur in eine Gießerei. Dort lernte sie mit den Lehrlingen Metallbearbeitung und war endgültig für den Maschinenbau entflammt. „Schüler brauchen viel mehr praktische Erfahrungen“, resümiert Moniko Greif heute. Deshalb berät der dib auch Jobcenter, geht in Schulen, führt Schülerinnen in die Hochschulen und bildet Lehrer weiter. „Wir sind eine hochtechnisierte Gesellschaft, alle nutzen Technik, aber viel zu wenige wissen, wie sie funktioniert“, sagt Moniko Greif.

Frauen sind nicht so technikverliebt

Karin Diegelmann bildet Lehramtsstudenten der Naturwissenschaften weiter. „Künftige Lehrer gehen direkt vom Abitur zum Studium und dann wieder an die Schule, deshalb fehlen ihnen praktische Erfahrungen“, kritisiert sie. Nur wenige wüssten um die Vielfalt beruflicher Möglichkeiten für ihre Schüler. Viele Jungen hätten ungenutzte soziale Kompetenzen, viele Mädchen verschüttete naturwissenschaftliche Begabungen. Diegelmann plädiert dafür, in Stunden mit Experimenten Mädchen und Jungen getrennt zu unterrichten, damit jeder zum Zug kommt.

Sie selbst stammt aus einem Arbeiterhaushalt. Als sie das Abitur schaffte, sollte sie Lehrerin werden. Schnell merkte sie, dass das nicht passte und wechselte zur Architektur. In der Studenten-WG lernte sie künftige Maschinenbauer kennen. „Die gingen auf Exkursion ins Klärwerk, das fand ich spannend“, erinnert sich Diegelmann. In den Ferien suchte sie sich eine Stelle auf dem Bau. Dort traf sie auf einen Polier, der sie nicht ablehnte, sondern ihr passende Arbeitskleidung beschaffte, auch Stiefel in Größe 36. Und so sattelte sie noch einmal um und wurde Bauingenieurin.

Karin Diegelmann weiß, dass Frauen oft Berufe mit gesellschaftlicher Verantwortung suchen. So gibt es doppelt so viele angehende Umweltingenieurinnen, obwohl das Grundlagenstudium das gleiche wie für Bauingenieure ist. Die Dekanin Moniko Greif stellt fest, dass inzwischen auch viele Firmen den Wert der Ingenieurinnen erkannt hätten. „Frauen sind nicht so technikverliebt wie Männer, achten eher auf die Funktionalität und die Wünsche der Auftraggeber“, sagt sie. Die Umweltingenieurin Susanne Staude hält die Vielfalt in technischen Berufen für unverzichtbar. „Frauen und Männer, Alte und Junge nutzen Technik, also sollte sie auch für alle passend entwickelt werden“, sagt sie. „Ich habe einen so tollen Beruf, mit dem ich viel besser verdiene als in den klassischen Frauenberufen. Diese Möglichkeit will ich vielen anderen eröffnen!“

Dafür bemüht sich Karin Diegelmann, falsche Berufsbilder abzubauen. Ingenieure gebe es nicht nur für Maschinen, sondern auch für Chemie, Lebensmittel, Kosmetik, Medizin und Wirtschaft. Der Ingenieur sei auch kein verschrobener Bastler, der am Computer Modelle berechne. „Zu 95 Prozent besteht der Beruf aus Kommunikation und Projektmanagement.“ Dialog mit Kollegen und Kunden, Entwerfen von Projekten – das alles seien Felder, in denen Männer noch von Frauen lernen könnten, sagt Karin Diegelmann. „Dafür braucht man mehr als Mathematik, da sind auch soziale Kompetenz und Sprachen gefragt.“ Deshalb sei der Ingenieur ein sozialer Beruf.

Autor:  Anne Rasmus
Datum:  28 | 9 | 2011
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