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Teenies suchen den Kick: Pille für Hyperaktive boomt

Während Methylphenidat in der normalen Dosierung hyperaktive Kinder beruhigt, wird es für Teenies als Droge erst interessant. Von Birgitta vom Lehn

Immer mehr Teenies suchen bei Medikamenten den ultimativen Kick.
Immer mehr Teenies suchen bei Medikamenten den ultimativen Kick.
Foto: ddp

Der Verbrauch von Methylphenidat (Ritalin), das hyperaktive Kinder beruhigen soll, ist im vergangenen Jahr kräftig gestiegen: Mit 1617 Kilogramm, die in Apotheken verkauft wurden, ist laut Bundesopiumstelle ein neuer Rekordwert erreicht. 2007 waren es noch 1429 Kilogramm - 13 Prozent weniger. Gegenüber 1998 ist das eine Steigerung um 835 Prozent, gegenüber 1993 um 4656 Prozent. Vor allem kleine Jungs und junge Männer schlucken die Zappelphilipp-Pillen: Das Robert-Koch-Institut (RKI) beziffert die Häufigkeit der Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Jungen mit 7,9 Prozent etwa viermal höher als bei Mädchen (3,6 Prozent). Laut Arzneimittelreport der Gmünder Ersatzkasse bekommen 4,7 Prozent der sechs- bis elfjährigen Jungen und 4,2 Prozent der zwölf- bis zwanzigjährigen männlichen Jugendlichen die Pillen verschrieben. Bei den Mädchen erhalten sie dagegen nur 1,5 Prozent der jüngeren und ein Prozent der älteren.

Jeder Zehnte schluckt die Pillen dem Report zufolge auch im Erwachsenenalter, dann allerdings im sogenannten Off-label-Gebrauch, weil Methylphenidat nur für Kinder und Jugendliche zugelassen ist. Dies deckt sich mit den Beobachtungen des RKI: Bei geschätzten 30 bis 50 Prozent der Betroffenen bleibt ADHS auch im Erwachsenenalter bestehen.

Der Erlanger Kinder- und Jugendpsychiater Professor Gunther Moll macht veränderte Umweltbedingungen und den Leistungsdruck für den steigenden Pillenkonsum verantwortlich: "Es gibt Menschen mit dem Verhaltensmuster ADHS. Doch der Lebensraum, in dem Kinder dieses Verhaltensmuster ausleben können, war früher größer." Deshalb fielen Kinder mit ADHS heute mehr auf als früher. "Sie stören, al so bekommen sie Medikamente, um um in der Erwachsenenwelt zu funktionieren."

Maik Herberold, Vorsitzender des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie sieht "die flächendeckende Zunahme von Ganztagsschulkonzepten" als mögliche Ursache für den gestiegenen Pillenkonsum. Den Schülern müssten öfter so genannte Retardpäparate mit höheren Wirkstoffmengen verschrieben werden, damit sie den langen Schultag durchhielten. Eine höhere Patientenzahl müsse der höhere Verbrauch also gar nicht bedeuten. Retardpräparate braucht man nur einmal am Tag zu schlucken; sie setzen dann selbstständig die gewünschte Wirkstoffdosis über einen bestimmten Zeitraum im Körper frei.

Nur bis 18 erlaubt

Eine Zunahme der Verordnung off label hält Herberold "für äußerst unwahrscheinlich, weil das Regressrisiko für Ärzte sich noch einmal verschärft" habe. Inzwischen sei es ja offiziell auch nicht mehr möglich, Jugendlichen, die in der Ausbildung 18 werden, Methylphenidat einfach weiter zu verschreiben. "Hier spielen sich wahre Dramen für bislang schul- und ausbildungsfähig gehaltene junge Erwachsene ab, die sich um ihre Zukunftschancen gebracht sehen", warnt Herberold.

Der Ausschuss für Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittelbehörde mahnte kürzlich zu schärferen Kontrollen, wenn Methylphenidate verschrieben werden. So sollen alle Patienten auf Herz- oder Blutdruckprobleme untersucht werden, auch familiäre Herzerkrankungen seien zu ergründen. Bei Patienten, die die Pillen länger als ein Jahr schlucken, sei die Behandlung mindestens einmal im Jahr zu unterbrechen, um zu sehen, ob sie überhaupt weiter notwendig sei.

Es müsse auch untersucht werden, ob psychiatrische Störungen vorliegen, da das Medikament Depressionen, Selbstmordgedanken, Psychosen und Aggressivität verursachen oder fördern könnte. Nötig seien Langzeitstudien zur Wirkweise von Methylphenidat.

Derweil scheinen in den USA immer mehr Teenager die Medikamente als Drogen-Kick zu nutzen. Beim Giftnotruf häuften sich die Anrufe, die auf eine Überdosis Methylphenidat zurückzuführen waren, berichten Ärzte der Kinderklinik in Cincinatti im Fachblatt Pediatrics. Für vier Jugendliche endete der Pillen-Trip tödlich.

Während Methylphenidat hyperaktive Kinder und Jugendliche bei normaler Dosierung beruhigen soll, kann es bei Überdosierung und/oder Einatmen über die Nasenschleimhaut eine kokainähnliche Wirkung entfalten. Das könne Methylphenidat "als Droge für Jugendliche interessant machen", schreibt das Deutsche Ärzteblatt. Hierzulande gebe es aber noch keine Hinweise auf einen solchen Teenie-Pillen-Hype. Ein Experte, der nicht genannt werden will, widerspricht: "Das kommt durchaus vor."

In einer Analyse der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB), die im vergangenen Jahr im Bayerischen Ärzteblatt erschien, wurde "die missbräuchliche Anwendung dieser Substanz als Stimulanz bei Jugendlichen und Erwachsenen, die nicht an ADHS erkrankt sind", auf insgesamt 277 Patienten allein in Bayern geschätzt. Denn so viele hatten im Verordnungsjahr 2007/2008 deutlich mehr Pillen verschrieben bekommen als normalerweise empfohlen wird.

Ein Anhaltspunkt für Missbrauch sei das so genannte "Ärzte-Hopping", schreiben die KVB-Autorinnen. Die Analyse zeige: Bei mehr als drei aufgesuchten Ärzten lag die Anzahl von 177 Tagesdosen innerhalb eines halben Jahres über der empfohlenen Menge von 100 Tagesdosen. Verdacht auf Missbrauch bestehe erst recht bei Patienten, die mehr als vier oder fünf Verordner aufsuchten und dabei im Mittel 261 beziehungsweise 539 Tagesdosen erhielten. Zwischen 2003 und 2007 kletterten im Freistaat die Kosten für die Verschreibung von ADHS-Pillen von 5,3 auf gut 19 Millionen Euro.

Autor:  Birgitta vom Lehn
Datum:  19 | 9 | 2009
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