Genf/Darmstadt (ap) - Mit der Inbetriebnahme des Teilchenbeschleunigers LHC bei Genf hat am Mittwoch eins der größten physikalischen Experimente aller Zeiten begonnen. Weltweit erhoffen sich die Wissenschaftler von dem 27 Kilometer langen Tunnel im schweizerisch-französischen Grenzgebiet Antworten auf grundlegende Fragen nach Ursprung und Aufbau der Welt. Als erstes wird der weltweit größte Beschleuniger ein rätselhaftes Teilchen suchen, das Higgs-Boson, dem die Elementarteilchen der geltenden Theorie zufolge ihre Masse verdanken.
Die Europäische Organisation für Kernforschung (CERN) verwahrte sich noch einmal gegen Weltuntergangs-Spekulationen, wonach bei den Teilchen-Kollisionen im LHC winzige Schwarze Löcher entstehen, die Materie und letztlich die ganze Erde verschlingen könnten. Das Auftreten von Schwarzen Löchern sei höchst unwahrscheinlich, hieß es. Und selbst wenn sie entstünden, würden sie sofort wieder zerfallen. Und schließlich spielten sich die im LHC erzeugten Prozesse ständig im Universum ab, wenn beispielsweise kosmische Strahlung auf die Atmosphäre treffe.
Reportage: Die Physiker wollen in Genf das Geheimnis des Urknalls ergründen. Manche Forscher befürchten, dass dabei winzig kleine Schwarze Löcher entstehen. Kleine Schwerkraftmonster, die die Erde verschlingen. Die Alarmrufe der Skeptiker haben weltweit Beachtung gefunden. Das Cern-Experiment - eine Reportage von Karl-Heinz Karisch.
Interaktive Grafik: Der Teilchenbeschleuniger
Weltuntergangs-Szenarien seien daher Unsinn, sagte CERN-Sprecher James Gillies. Auch der britische Physiker Stephen Hawking hält den LHC für völlig sicher.
"Da ist er"
Am Mittwoch schossen die CERN-Wissenschaftler zunächst noch nicht die Teilchen mit Lichtgeschwindigkeit gegeneinander. Behutsam wurde am Morgen ein Protonen-Strahl "ohne Gegenverkehr" mit geringer Energie von Kontrollpunkt zu Kontrollpunkt durch den auf minus 271 Grad heruntergekühlten Ring geschickt. Gewaltige supraleitende Magnete halten die Teilchen auf ihrer Bahn.
Fast eine Stunde dauerte es, bis der Strahl im Uhrzeigersinn erstmals eine Umdrehung vollendet hatte: "Da ist er", freute sich Projektleiter Lyn Evans, als um 10.36 Uhr zwei weiße Punkte auf einem Computerbildschirm den Erfolg anzeigten. "Gut gemacht", lobte CERN-Generaldirektor Robert Aymar.
Mit erleichtertem Beifall quittierten die Wissenschaftler im Kontrollraum und in vielen weltweit per Satellit zugeschalteten Forschungszentren den erfolgreichen Start des LHC. Wenn dieser in einigen Monaten unter Volllast läuft, entsteht beim Zusammenstoß der Teilchen eine Glut, wie sie unmittelbar nach dem Urknall herrschte, also bei der Geburt des Universums.
Nachweis frühestens 2010
Läuft der LHC rund, rasen die Protonen-Strahlen 11.000 Mal in jeder Sekunde durch den Tunnel, eine Milliarde Mal pro Sekunde zersplittern Quarks und Gluonen in neue Teilchen und Energie. Ganz selten entsteht dabei möglicherweise das auch "Gottesteilchen" genannte Higgs-Boson, weshalb dessen Nachweis der Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen ähnelt. Gelingt die Entdeckung, kann sich der britische Physiker Peter Higgs Hoffnungen auf den Nobelpreis machen. Mit einem Nachweis sei 2010 oder 2011 zu rechnen, sagte die Heidelberger Physikerin Johanna Stachel, die an einem der zentralen Experimente des LHC beteiligt ist.
Suche nach Dunkler Energie
Weltweit erhoffen sich Physiker von dem Vier-Milliarden-Euro-Projekt aber noch weitere Hinweise auf den Aufbau des Universums. 95 Prozent des Universums bestehen aus Dunkler Energie und Dunkler Materie, über die bislang so gut wie nichts bekannt ist. Er hoffe, dass es mit Hilfe des LHC gelingt, "das erste Licht ins Dunkel zu bringen", sagte der künftige CERN-Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer vom Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) am Mittwoch in Hamburg.
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