Der Mensch als Krone der Schöpfung - das sei ein "verhängnisvoller Irrtum" sagt der Priester und Naturwissenschaftler Rainer Hagencord. Die Folge: Der Mensch betrachte Tiere nur noch als Ressource. Hagencord will unseren Mitgeschöpfen zu mehr Würde verhelfen und hat dazu einen neuen Wissenschaftszweig begründet, den er Theologische Zoologie nennt.
1977 spickte die US-Raumfahrtbehörde Nasa eine Sonde mit Informationen von der Erde und schoss sie als kosmische Flaschenpost ins All. Bei einem ersten Kontakt sollen Außerirdische wissen, mit welcher Lebensform sie es auf Terra zu tun bekommen würden: natürlich mit uns Menschen. Von anderen Spezies fehlt auf der kupfernen Datenplatte jede Spur, was der Theologe Rainer Hagencord als "krasse Ignoranz" gegenüber Pflanzen und Tieren bewertet.
Dass sich mit ihm ausgerechnet ein überzeugter Christ darüber beschwert, mag zunächst verwundern. Ist es doch die Kirche selbst, die vor ihren Schäfchen den beseelten Menschen zur "Krone der Schöpfung" erhöht hat. Genau das ist es aber, was Hagencord an seinen Glaubensbrüdern nicht passt. Er sagt: "Gott ist Geheimnis in allem, was lebt."
Glaube und wissenschaftliche Profession liegen bei Hagencord nicht weit auseinander. Der Westfale ist Geistlicher und Naturwissenschaftler in einer Person. Auf Theologie-Studium und Priester-Weihe hat er das Studium der Biologie und der Philosophie an der Uni Münster noch draufgesattelt. Mit zunehmenden Kenntnissen über die Verhaltensweisen von Tieren reifte in ihm auch die bittere Feststellung: "Für Tiere gibt es keine theologische Würdigung."
Das zu ändern ist er angetreten und hat sogar ein Institut für Theologische Zoologie gegründet. In Jane Goodall, die für ihre Forschungen an Menschenaffen berühmt ist, bekommt er prominente Unterstützung. Die britische Primatologin ist Schirmherrin des neu geschaffenen Instituts, das soeben offiziell eröffnet wurde. Zum Kuratorium gehört auch der Direktor des münster´schen Zoos. Auf dessen Wunsch hin hat Hagencord zwischen Affen und Delfinen schon einen Gottesdienst zelebriert.
Obwohl er weiß, dass das Becken für die Meeressäuger viel zu klein ist, schätzt Hagencord den Zoo als einen "Ort, wo Menschen nach Tieren suchen". Längst nicht alle Tiere seien artgerecht zu halten, räumt er ein. Andererseits: "Manche Tierart existiert nur noch in Zoos." Ein schwieriges Thema, befindet Hagencord. Er will sich nicht als Tierschützer verstanden wissen. "Die meisten sind mir zu militant."
Er verfolge vielmehr das Ziel, eine "wissenschaftlich fundierte Basis für ein neues Mensch-Tier-Verhältnis" zu legen. Dazu blickt er in der Geschichte mehr als 400 Jahre zurück. In der Renaissance verhalfen Nikolaus Kopernikus und Johannes Kepler den Naturwissenschaften zum Aufblühen. Das geozentrische Weltbild, das die Erde und somit ihre Bewohner in den Mittelpunkt des Universums gerückt hatte, wurde vom heliozentrischen Weltbild abgelöst - basierend auf der Erkenntnis, dass sich die Planeten um die Sonne bewegen.
"Die großen Fragen wurden neu gestellt", erklärt Hagencord: Wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen. Antworten mit weitreichenden Folgen lieferte der französische Mathematiker und Philosoph René Descartes, in dem er den Menschen mit Gott verglich. Descartes habe Menschen als etwas Besseres und Tiere als seelenlose Wesen definiert, so Hagencord. Diese Darstellung entspreche aber nicht der biblischen Geschichte, kritisiert er und verweist auf die Arche Noah und den Garten Eden.
So beklagt Hagencord, dass die rationalistische Lehre Descartes´ erkenntnisleitend für Naturwissenschaften und Theologie geworden sei. Mehr noch: Sie wirke tief in die Gesellschaft hinein. Tiere würden zu Nutzvieh, Opfer- und Haustieren degradiert. "Sie verzehren Haustierfutter oder werden dazu verarbeitet", zitiert er den Kulturkritiker Rupert Sheldrake.
Seine Studenten lehrt Hagencord etwas anderes. "Das Tier ist nicht nur um des Menschen Willen da", gibt er ihnen in Seminaren an der Universität und an der Philosophisch-Theologischen Hochschule (PTH) mit auf den Weg. Die PTH ist eine Ordenshochschule der Kapuziner im katholischen Münster. Dort ist auch das Institut für Theologische Zoologie angesiedelt. Allein wegen seiner interdisziplinären Ausrichtung ist Rainer Hagencord willkommen.
"Er bringt Verhaltensbiologie und Theologie in Dialog", sagt PTH-Rektor Thomas Dienberg. Er begrüßt den Perspektivenwechsel weg von einer Anthropozentrik hin zu einer Schöpfungsmythologie, die auch die Tierwelt einschließe. Und offenbar nicht nur er: Das Bistum Münster wird Hagencords Stelle finanzieren. Der wird sich zunächst weiter mit Lehrveranstaltungen begnügen, will langfristig aber einen eigenen Studiengang etablieren.
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