Die Gesetzeslage ist klar: Alle Kinder, egal ob mit oder ohne Behinderung, werden in Thüringen seit diesem Schuljahr an einer Regelschule angemeldet. Damit möchte das Bundesland die 2009 in Kraft getretene UN-Konvention umsetzen. Sie verlangt, dass 90 Prozent aller behinderten Kinder gemeinsam mit Nicht-Behinderten unterrichtet werden. Rein rechnerisch ist das Ziel schon in greifbare Nähe gerückt, doch die Zahlen könnten trügen.
Waren es früher rund sieben Prozent aller Kinder, besuchen nach Angaben des Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Thüringen, Jürgen Röhreich, derzeit noch vier Prozent eine Förderschule. Mit dieser Quote könnte Thüringen zu jenen Ländern aufrücken, in denen die Integration bereits besser gelingt. Zu ihnen zählen Schleswig-Holstein und Bremen, wo immerhin fast 45 beziehungsweise 32 Prozent der Behinderten in Regelschulen unterrichtet werden.
Knapp fünf Prozent der Schüler in Deutschland gehen nach Angaben der Kultusministerkonferenz auf eine Förderschule, wobei die Förderschulquote von Bundesland zu Bundesland schwankt. Die Mehrheit der Kinder gilt als lernbehindert. Obwohl es vor allem seit der neuen UN-Behindertkonvention das Bestreben gibt, mehr Förderschüler an allgemeinen Schulen zu unterrichten, stagnieren die Zahlen seit langem.
Ein Schulabschluss ist für die meisten Kinder an Förderschulen die Ausnahme. Nur 21 Prozent schaffen den Hauptschulabschluss. ( ki)
Von der positiven Vier-Prozent-Quote und der "tröstenden" Tatsache, dass beispielsweise Mecklenburg-Vorpommern immer noch knapp zehn Prozent aller Kinder auf Sonderschulen schickt, möchte sich Christoph Matschie (SPD) nicht blenden lassen. Der stellvertretende Ministerpräsident und Kultusminister geht anders als der GEW-Chef davon aus, dass die aktuelle Statistik trügerisch sein könnte.
Schließlich wurden all jene Schüler, die früher zur Förderschule geschickt worden wären, an der Regelschule unter Vorbehalt aufgenommen. Klappt es mit der Integration nicht, wird ein Gutachten erstellt. In ihm wird festgestellt, ob der betroffene junge Mensch nicht doch besser auf einer Förderschule aufgehoben ist. Wie viele das sein werden, weiß derzeit niemand - die Förderschulquote könnte also wieder steigen.
Problematisch ist auch, dass die Gutachten von einem mobilen Dienst der Förderschulen selbst erstellt werden. "Ein gravierender Schwachpunkt", sagt der Kultusminister. Er fürchtet nämlich, dass das Interesse, die eigenen Schulen zu füllen, die Gutachter beeinflussen könnte.
Das sieht der GEW-Chef ähnlich. "Wenn ein System so angelegt ist, dass man eine Stelle hat, wo man ein Kind noch hinpacken kann, dann wird das auch geschehen." Er nennt ein Beispiel. Im Wartburg-Kreis füllten in der Vergangenheit vier Prozent der Kinder die einzig existierende Förderschule. In Gera registrierte man neun Prozent - dort existieren zwei Förderschulen. Künftig, so plant Matschie, sollen deshalb die Jugendämter die Expertisen verfassen. So werde Diagnose und Förderung getrennt.
Den Verdacht, "dass wir mit der Angel übers Land ziehen, um unsere schönen Schulen zu füllen", weist die Vorsitzende des Verbandes Sonderpädagogik, Gisela Langer, zurück. "Wir begrüßen das Bestreben nach mehr Integration", sagt sie. Man brauche aber dabei die Professionalität der Sonderpädagogen. Dazu müsse die Lehrerausbildung grundlegend verändert werden.
Leise Zweifel schwingen in ihren Worten mit, ob unter den gegebenen Umständen die Integration wirklich funktionieren kann. Sie denkt nicht nur an die Qualität, sondern auch an die Quantität der Pädagogen. Schon jetzt müsse ein Kollege zwischen sechs bis sieben Regelschulen pendeln. Nach GEW-Berechnungen werden 20 Prozent mehr Lehrer mit entsprechender Qualifikation benötigt.
Nach Einschätzung des Kultusministers muss die Integration in Thüringen allerdings noch weit früher beginnen. Nach wie vor existieren an einem Drittel der 90 Förderschulen so genannte "Schulvorbereitende Einrichtungen". Schon Dreijährige werden hier angemeldet - und wahrlich nicht nur Schwerst- oder Mehrfachbehinderte. Ein heikles Thema, um das die Verantwortlichen in Thüringen gerne einen Bogen machen. Sie ahnen, dass sich unter den Kindern so manche befinden, die nicht hierher gehören.
Dass ihre Bildungschancen mit der Anmeldung an der "Förderschul-Kita" eingeschränkt sind, mag Gisela Langer indes nicht glauben. "Es gibt keinen Automatismus, dass diese Kinder anschließend auch zur Förderschule gehen müssen", versichert sie.
Die Überzeugung wird längst nicht überall geteilt - die Schulvorbereitenden Einrichtungen sollen nun nach und nach geschlossen werden.
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