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Tiefseeforscher: Fahrstuhl ins Erdmittelalter

Geobiologe Gert Wörheide erforschte mit seinem Team die Tiefsee nahe dem Great Barrier Reef in Australien. Das Ziel: neue Erkenntnisse über die Evolution. Von Frauke Haß

Seelilien, hier auf einer Koralle, sind  Tiere, keine Blumen.
Seelilien, hier auf einer Koralle, sind Tiere, keine Blumen.

Das soll ein Tier sein? Dieses flatterhafte Puschelteil, das seine fiedrigen Fühler in die Strömung hängt? Kein Wunder, dass Normalsprachige die gestielten Crinoiden auch "Seelilien" nennen. Genau so sehen sie nämlich aus: Wie eine besonders schöne Blüte aus dem Hochzeitsstrauß einer über alles geliebten Tochter. Oder aus deren Sargbouquet, zum Zerfließen schön jedenfalls.

Während sich der gemeine Mensch beim Thema "Lebende Fossilien" ja zuallererst an Biostunden in ferner Vergangenheit und einen urig aussehenden Fisch namens Quastenflosser erinnert, gibt es davon natürlich eine ganze Menge - und viel schönere als den ollen Fisch. Man muss sie nur finden.

In die Tiefe

Mitte der 90er Jahre fand Geobiologe Gert Wörheide bei einer Expedition im Korallenmeer bereits Hinweise auf interessante Tierarten am Queensland Plateau. Ohne technische Hilfe kam er damals jedoch nicht tief genug hinunter.

Der Einsatz des Tauchroboters Cherokee, vom Forschungszentrum der Deutschen Forschungsgemeinschaft Marum in Bremen, sollte hier Abhilfe schaffen. In bis zu 1000 Meter Tiefe dringt der Roboter vor, filmt und sammelt Exponate, dirigiert von einer auf dem Forschungsschiff installierten Crew, die alles per Monitor mit verfolgen kann.

Die Expedition soll dazu beitragen, den Lebensraum der lebenden Fossilien besser zu verstehen - und zu schützen.

Ein Team um Professor Gert Wörheide, Geobiologe an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, hatte schon vor 15 Jahren den richtigen Riecher: Damals suchten die Forscher am Queensland-Plateau vor dem Great Barrier Reef in Australien nach Tiefsee-Arten, die einen Blick in die ferne Vergangenheit erlauben. Doch der Versuch schlug mehr oder weniger fehl: "Es war schnell klar, dass wir dafür ein U-Boot oder einen Tauchroboter brauchen." Das ermöglichte jetzt die Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Zusammen mit Carsten Lüter vom Museum für Naturkunde Berlin und Professor Joachim Reitner von der Uni Göttingen sowie australischen Forschern der University of Queensland, dem Queensland Museum und der James Cook-University schipperte Wörheides Team, zu dem auch der Frankfurter Filmemacher Marcos Gektidis gehörte, im Dezember drei Wochen lang über dem Queensland Plateau. Ihr Ziel: Die dortigen Riffe systematisch mit Hilfe eines Tauchroboters des Marum in Bremen nach lebenden Zeugen der viele Millionen Jahre zurückreichenden Vergangenheit via Kamera abzusuchen. Mit Erfolg.

So gibt es Seelilien bereits seit mehr als 450 Millionen Jahren - damals in vielgestaltiger Form. Heute sind nur noch etwa 60 Arten übrig, die sich obendrein sehr rar machen. Umso größer war die Freude der forschenden Taucher, als sie am Osprey Reef nach 14 Tagen eine Seelilie fanden. Im Expeditionsblog (www.deepdownunder.de) liest sich das so: "Erste Begegnung mit einer gestielten Crinoide (Seelilie), die wir vermutet hatten zu finden und nun war sie da. Wir konnten sie auch sammeln nur der Sammelkorb des ROV war schon ziemlich voll, so dass das seltene Tier zu unserem Leidwesen wieder aus dem Korb rutschte und in die Tiefe verschwand - leider!"

Das Queensland Plateau im Korallenmeer vor der Nordostküste Australiens ist deshalb so interessant, weil es ein Krustenfragment des australischen Kontinents ist, das sich am Ende des Mesozoikums - vor rund 65 Millionen Jahren - vom australischen Kontinent abspaltete, erläutert Wörheide. "Da war Australien noch mit der Antarktis verbunden."

Im Laufe des Tertiärs sei es dann vollständig überflutet worden, "so dass der Meeresboden des Plateaus heute in 1000 Meter Tiefe liegt: Organismen, die wir dort finden, haben sämtliche durch Eiszeiten verursachte Meeresspiegelschwankungen überlebt". Ein relativ konstanter Lebensraum sei das also, während die oberen Stockwerke des Meeres vor allem im Pleistozän Wasserspiegelschwankungen von 150 Metern verkraften mussten. "Wir hofften deshalb, sogenannte Reliktfaunen zu finden, die dort seit dutzenden Millionen Jahren ungestört ihr Dasein fristen."

Und so kam es dann auch. Zwar war die Expedition des internationalen Forscherteams anfangs von allerlei technischen Unbillen überschattet, aber nach zehn Tagen schreiben die Blogger fröhlich vom Osprey Reef: "Wir sahen Seesterne, Korallen, Glasschwaemme, Garnelen und andere Krebse, Seeigel, Fische, Nautilus, Brachiopoden...was immer die Tiefsee so hergibt...!"

Reliktfaunen wie Glasschwämme, Brachiopoden und Steinschwämme waren Wörheide zufolge "aus Australien bisher noch nicht bekannt". Schließlich sei die Tiefsee immer noch eine Black Box für den Menschen, der selbst maximal bis in etwa 30 oder 40 Meter Tiefe tauchen könne. "Wir wissen mehr über den Mond als über die Tiefsee", sagt Wörheide.

Doch der Münchner Geobiologe hat mit seinem Team jetzt einen Beitrag geleistet, den Deckel der Box ein bisschen zu lüften. So stieß Tauchroboter ROV (Remotely Operated Vehicle) in gut 700 Meter Tiefe auf ein Exemplar des Kopffüßers Nautilus. "Eine Premiere", sagt Wörheide. Bisher sei angenommen worden, dass der zur Familie der Perlboote gehörende Nautilus dort bis in maximal 600 Meter Wassertiefe lebt.

"Und wir konnten sogar beweisen, dass die Annahme, der Nautilus fresse nur nachts, nicht stimmt." Üblich sei nämlich, dass der schöne Kopffüßer nachts zum Fressen in seichtere Gewässer in um 100 Meter Tiefe steige. Tagsüber halte er sich in tieferen Gefilden auf. "Aber unseren toten Fisch haben die Nautilusse auch tags in der Tiefe gefressen." Aber der Wissenschaftler freut sich auch über das kleine Steinschwamm- oder Lithistiden-Riff, das sich ebenfalls am Osprey Reef fand. Deren Vorfahren lebten bereits in der Kreide- und Jurazeit, also vor bis zu 200 Millionen Jahren. Der Fund sei insofern "ein echtes Fenster in die Vergangenheit". Überraschend sei dabei allerdings gewesen, "dass wir ein solches Steinschwammriff nur einmal gefunden haben - obwohl wir ähnliche Lebensräume x-mal gesehen haben. Warum? Das müssen wir nun weiter untersuchen."

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Autor:  Frauke Haß
Datum:  19 | 1 | 2010
Seiten:  1 2
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