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03. Dezember 2012

Tierreich: Treu wie ein Kojote

 Von Kerstin Vierling
Ein Partner fürs Leben: Kojoten betrügen nicht. Foto: imago stock&people

Seinen Partner zu betrügen, kommt für den amerikanischen Verwandten von Wolf und Hund offenbar nicht in Frage. Damit ist er im Tierreich eher eine Ausnahme.

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Seinen Partner zu betrügen, kommt für den amerikanischen Verwandten von Wolf und Hund offenbar nicht in Frage. Damit ist er im Tierreich eher eine Ausnahme.

Wieder ein Klischee zu den Akten gelegt. Da war der Kojote so lange als listiger Trickser durch die Geschichten der nordamerikanischen Ureinwohner gegeistert. Und nun schildern ihn Biologen der Ohio State University geradezu als Musterbeispiel an Aufrichtigkeit – zumindest in Beziehungsfragen. Seinen Partner zu betrügen, kommt für den amerikanischen Verwandten von Wolf und Hund offenbar nicht in Frage. Jedenfalls konnte in einer Studie an Kojoten im Großraum Chicago kein einziger Fremdgeher überführt werden, berichten Stan Gehrt und seine Kollegen im Fachblatt Journal of Mammalogy.

Ein solcher Hang zur Treue aber scheint im Tierreich eher die Ausnahme zu sein. Woher kommt dieses ungewöhnliche Verhalten? Und was motiviert andere Arten umgekehrt dazu, sich mit mehreren Partnern einzulassen? Für Verhaltensforscher steckt die Evolution des Fremdgehens noch voller spannender Fragen.

Sich überhaupt für ein Leben mit einem einzigen festen Partner zu entscheiden, ist unter Säugetieren sehr unüblich. Ein solches Faible für Zweisamkeit haben nur etwa drei bis fünf Prozent der Arten entwickelt, darunter auch die Hundeverwandtschaft. „Obwohl die Tiere reichlich Gelegenheit zum Flirten haben, machen sie es einfach nicht,“ sagt Stan Gehrt. Die Kojoten-Paare, die er und seine Kollegen mit Hilfe von Senderhalsbändern überwacht haben, blieben vielmehr bis zu zehn Jahre lang zusammen. Und ein Blick ins Erbgut von 236 Tieren zeigte, dass sämtliche Jungtiere tatsächlich von ihren offiziellen Vätern abstammten.

Vögel setzen auf feste Partnerschaft

Diese engen Beziehungen, die meist erst mit dem Tod eines der beiden Partner enden, könnten die Chicagoer Kojoten besonders fit fürs Stadtleben machen. Denn in der Nachbarschaft des Menschen finden die Tiere reichlich Futter, so dass die Weibchen mitunter zehn Welpen auf einmal bekommen. „Einen so großen Wurf aber könnten sie unmöglich allein aufziehen“, sagt Gehrt. Das geht nur zusammen mit einem festen Partner, der sich ebenfalls stark für den Nachwuchs engagiert.

Flexible Jäger

Der Kojote Canis latrans ist eine nordamerikanische Raubtier-Art aus der Familie der Hunde, die von Alaska bis nach Costa Rica vorkommt. Äußerlich erinnern die gut einen Meter langen und durchschnittlich 14 Kilogramm schweren Tiere an kleinere Wölfe.

Auch in Menschennähe fühlen sich Kojoten wohl, denn sie sind äußerst anpassungsfähig. Inzwischen haben sie sämtliche Metropolen der USA erobert. Allein in Chicago soll es zwischen 1 000 und 2 000 Exemplare geben, die gern in Mülltonnen nach Fressbarem stöbern. Ansonsten besteht die Kojoten-Kost aus Mäusen und Hasen, sowie aus Aas und Beeren als Beilage.

Diesen Vorteil der Paarbeziehung wissen auch andere Tiere zu schätzen. Bei Vögeln etwa ist diese Art des Zusammenlebens eher die Regel als die Ausnahme. „Rund 95 Prozent der Vogelarten setzen auf eine feste Partnerschaft“, schätzt Bart Kempenaers vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen. Trotzdem ist Fremdgehen in Vogelkreisen ein großes Thema. Nur bei wenigen Arten wie etwa Schwänen haben Ornithologen bisher keine Hinweise auf Seitensprünge gefunden. Selbst die als besonders treu geltenden Albatrosse haben Betrüger in ihren Reihen. Allerdings lassen sich bei diesen großen Meeresvögeln vielleicht ein bis fünf Prozent der Weibchen auf eine Affäre ein, bei Meisen dagegen ist es etwa die Hälfte.

Und es gibt noch krassere Fälle. „Zu den Rekordhaltern in Sachen Untreue gehören die Prachtstaffelschwänze in Australien“, sagt Bart Kempenaers. In den Nestern dieser kleinen Singvögel stammen mehr als 80 Prozent der Küken von fremden Vätern. Zwar versuchen viele Männchen, Betrugsversuche zu unterbinden – etwa, indem sie sämtliche Rivalen aus ihrem Revier werfen oder ihre Partnerinnen während der fruchtbaren Tage kaum aus den Augen lassen.

Doch entschlossene Betrügerinnen finden trotzdem eine Gelegenheit. Kempenaers hat schon weibliche Blaumeisen beobachtet, die noch in der Dunkelheit zum Rendezvous in fremde Reviere flogen, um den wachsamen Blicken ihrer Partner zu entgehen.

Versicherung gegen Unfruchtbarkeit

Was aber treibt so viele Weibchen dazu, sich mit Fremden einzulassen? Bei den Männchen ist die Sache ja ziemlich klar: Casanovas, die sich mit zahlreichen Gespielinnen paaren, erzielen ohne große Mühe einen beeindruckenden Fortpflanzungserfolg. Kempenaers weiß zum Beispiel von einem Blaumeisen-Männchen, das neben zehn Nachkommen im eigenen Nest auch noch 15 weitere in fremden Kinderstuben verteilt hatte. Und um letztere musste es sich nicht einmal kümmern. Was die Weibchen motiviert, ist dagegen nicht so leicht zu durchschauen. „Es gibt dazu mehrere heiß diskutierte Theorien“, sagt der Seewiesener Forscher.

Eine davon sieht den weiblichen Seitensprung als eine Art Versicherung gegen Unfruchtbarkeit. Auffälligerweise scheint es nämlich einen Zusammenhang zwischen Treue und Lebenserwartung zu geben: Langlebige Vögel wie Albatrosse und Schwäne, die sich oft erst nach Jahren für einen Partner entscheiden, sind meist besonders treu.

Blaumeisen dagegen werden oft nur ein Jahr alt und müssen daher die gesamte Fortpflanzung in einer Saison abwickeln. Da wäre es fatal, wenn sich der gewählte Partner als unfruchtbar erwiese. Also lagern die Weibchen dieser Theorie zufolge sicherheitshalber das Sperma verschiedener Männchen ein.

Selbst ein fruchtbarer Partner muss allerdings nicht unbedingt ein Traumprinz sein. Auf dieser Tatsache basiert eine zweite Theorie, die Wissenschaftler die „Gute-Gene-Hypothese“ nennen. So manches Weibchen muss sich demnach mit einem Partner zweiter Wahl begnügen, wenn die Kandidaten mit den gefragtesten Eigenschaften schon vergeben sind. Dann bleibt ihm aber immer noch die Möglichkeit, per Seitensprung einen genetisch besser ausgestatteten Vogel zum Vater seines Nachwuchses zu machen.

Für diese These spricht zum Beispiel, dass sich Vogelweibchen oft auf Affären mit Männchen einlassen, die älter sind als ihr eigentlicher Partner. Diese haben schließlich schon bewiesen, dass sie erfolgreich durchs Leben gehen und den Gefahren des Alltags trotzen können.

Gibt es Seitensprung-Gene?

Es gibt bisher keinen eindeutigen Beweis dafür, dass der außereheliche Nachwuchs bessere Zukunftschancen hat als der mit dem eigenen Partner gezeugte. Manche Studien haben einen solchen Effekt gefunden, andere dagegen nicht. „Deshalb kommt die Gute-Gene-Hypothese gerade ein bisschen aus der Mode“, sagt Kempenaers. Stattdessen favorisieren etliche Forscher eine neue Theorie, nach der weibliche Seitensprünge ein genetisches Nebenprodukt der männlichen sind. „Der Hang zum Fremdgehen scheint tatsächlich eine genetische Grundlage zu haben“, sagt Kempenaers. Er und seine Kollegen haben bei Zebrafinken nachgewiesen, dass Geschwister immer eine ähnlich stark oder schwach ausgeprägte Vorliebe für außerehelichen Sex zeigten – selbst wenn sie in unterschiedlichen Nestern aufgewachsen waren.

Wie die „Seitensprung-Gene“ aussehen und funktionieren könnten, weiß bisher niemand. Klar ist aber: Wenn es sie gibt, werden sie an Männchen und Weibchen gleichermaßen vererbt. Dieser Theorie zufolge genügt es also, wenn die Männchen einen Vorteil von ihren betrügerischen Aktivitäten haben. Dann breitet sich der Hang zum Ehebruch in der Population aus und die Weibchen erben ihn gleich mit. Auch wenn sie selbst nicht davon profitieren.

Welche dieser Theorien die Evolution des Seitensprungs am besten erklärt, ist umstritten. Jedenfalls scheint dieses Verhalten eine Menge Vorteile zu haben. Wenn man dabei erwischt wird, kann es allerdings unangenehm werden. Manche betrogenen Vögel verprügeln ihre untreuen Partner regelrecht, andere verlassen sie oder engagieren sich nicht mehr bei der Betreuung der Küken.
Diese Risiken sind manchmal größer als die Vorteile. Und genau das könnte auch der Grund dafür sein, dass die Treue im Laufe der Evolution eben doch nicht ganz verschwunden ist. So scheint bei den Chicagoer Kojoten offenbar die Devise zu gelten: Fremdgehen? Lohnt sich nicht.

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