Bremen. Um Bobo herum herrscht Dunkelheit. Das Makaken-Äffchen ist allein in einem Raum, eine Infrarot-Kamera überträgt Bilder ins Nachbarzimmer. Bobo sitzt auf einem Stuhl aus Plexiglas.
Sein Kopf ist fest fixiert, der Blick auf einen dunklen Bildschirm gerichtet, auf dem im Sekundentakt bunte Symbole erscheinen. Immer wieder muss Bobo einen Hebel drücken und wieder loslassen. Tut er dies zum richtigen Zeitpunkt, fließt zur Belohnung Traubensaft aus einer Pipette vor seinem Maul. Andernfalls ertönt ein lautes Hupen.
Um diese oft stundenlang dauernden Experimente tobt in Bremen ein erbitterter Streit zwischen Universität und rot-grüner Regierung, der mittlerweile auch die Justiz beschäftigt. Die Gesundheitsbehörde will die Versuche nicht mehr genehmigen, die Uni pocht auf Forschungsfreiheit. Der Neurobiologe Andreas Kreiter will vor dem Verwaltungsgericht der Hansestadt eine einstweilige Anordnung erwirken, mit der er die Affenversuche vorerst fortsetzen kann.
Zehn Jahre Gehirnforschung - und Streit
Am Donnerstag gab es eine erste Anhörung, bei der beide Seiten ihre Positionen darlegen konnten. Bis Ende das Jahres will das Gericht eine Entscheidung treffen. Seit zehn Jahren erforscht Kreiter an Makaken-Affen die Funktion des Gehirns - und ebenso lange gibt es schon den Streit um die Versuche. Tierschützer bezeichnen sie als Quälerei.
Kreiter sieht sie dagegen als unerlässlich, um schwere Gehirnschäden bei Menschen heilen zu können. Nachdem sich die Bremer Gesundheitsbehörde Anfang Oktober weigerte, die 1998 erteilte Genehmigung für die Tierversuche zu verlängern, droht nun das Aus für Kreiters Hirnforschung.
Notfalls durch alle Instanzen
Dagegen wehren sich der 45 Jahre alte Wissenschaftler und die Universität mit allen Mitteln. Sie legten Widerspruch bei der Behörde ein. Eine Antwort wird wahrscheinlich jedoch erst im Januar oder Februar vorliegen.
Sollte diese wie erwartet negativ ausfallen, will die Uni dagegen klagen. Rektor Wilfried Müller kündigte bereits an, notfalls durch alle Instanzen bis vor das Bundesverfassungsgericht zu gehen. Am Ende werden die Richter entscheiden müssen, welches Recht Vorrang hat: der im Grundgesetz als Staatsziel verankerte Tierschutz oder die Forschungsfreiheit.
"Bei Menschen würde man das als Folter beschreiben"
Tatsächlich geht Kreiter mit seinen Primaten nicht besonders zimperlich um. Er bohrt in ihren Schädel ein Loch, durch das er bei den Tests Elektroden in ihr Gehirn schiebt. Auf ihrem Kopf befestigt er mit Zement eine Halterung, mit denen die Tiere fixiert werden können.
Zu trinken erhalten sie nur während der Tests. Und am Ende ihres Versuchstierlebens werden sie getötet, damit Kreiter ihre Gehirne untersuchen kann. Dennoch: "Die Belastung für die Tiere ist objektiv relativ gering", betont der schlaksige Mann mit schütterem Haar. Ihre Haltung sei artgerecht und die Eingriffe schmerzlos.
Der deutsche Tierschutzbund sieht das anders. "Die jahrelangen Experimente sind so belastend, dass sie schwere Schäden und Leiden bei den Tieren verursachen", erklärt Präsident Wolfgang Apel. Kreiter lasse die Tiere dursten, damit sie bei den Versuchen kooperieren, kritisiert er. "Bei Menschen würde man das als Folter beschreiben."
Diese Vorwürfe weist Kreiter vehement zurück: "Makaken brauchen nicht so viel zu trinken, weil sie normalerweise in sehr trockenen Regionen leben. Wenn sie permanent durstig wären, würden sie während des Experiments nicht ruhig sitzen bleiben."
Nach Ansicht der Bremer Gesundheitsbehörde sind die Affenversuche ethisch nicht vertretbar. "Diese Aussage werden wir auch nicht zurücknehmen", sagte Sprecher Jörg Henschen. Kreiter vermutet dahinter politisches Kalkül. Rot-Grün habe das Thema im Wahlkampf 2007 zum Stimmenfang benutzt. "Es ist einfach Wahlkampf mit einem Thema zu machen, über das die Leute nichts wissen, zu dem sie aber eine emotionale Meinung haben." (dpa)
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