kalaydo.de Anzeigen

Tierschutz gegen Forschungsfreiheit: Affenversuche vor Gericht

Die Experimente mit den Affen dauern oft Stunden. Trotzdem hält sie der Neurobiologe Kreiter nicht für Tierquälerei. Doch Bremen will die Versuche nicht mehr genehmigen. Der Streit landet vor Gericht.

Stundenlang müssen Makaken-Äffchen Experimente erdulden (Symbolfoto).
Stundenlang müssen Makaken-Äffchen Experimente erdulden (Symbolfoto).
Foto: dpa

Bremen. Um Bobo herum herrscht Dunkelheit. Das Makaken-Äffchen ist allein in einem Raum, eine Infrarot-Kamera überträgt Bilder ins Nachbarzimmer. Bobo sitzt auf einem Stuhl aus Plexiglas.

Sein Kopf ist fest fixiert, der Blick auf einen dunklen Bildschirm gerichtet, auf dem im Sekundentakt bunte Symbole erscheinen. Immer wieder muss Bobo einen Hebel drücken und wieder loslassen. Tut er dies zum richtigen Zeitpunkt, fließt zur Belohnung Traubensaft aus einer Pipette vor seinem Maul. Andernfalls ertönt ein lautes Hupen.

Um diese oft stundenlang dauernden Experimente tobt in Bremen ein erbitterter Streit zwischen Universität und rot-grüner Regierung, der mittlerweile auch die Justiz beschäftigt. Die Gesundheitsbehörde will die Versuche nicht mehr genehmigen, die Uni pocht auf Forschungsfreiheit. Der Neurobiologe Andreas Kreiter will vor dem Verwaltungsgericht der Hansestadt eine einstweilige Anordnung erwirken, mit der er die Affenversuche vorerst fortsetzen kann.

Zehn Jahre Gehirnforschung - und Streit

Am Donnerstag gab es eine erste Anhörung, bei der beide Seiten ihre Positionen darlegen konnten. Bis Ende das Jahres will das Gericht eine Entscheidung treffen. Seit zehn Jahren erforscht Kreiter an Makaken-Affen die Funktion des Gehirns - und ebenso lange gibt es schon den Streit um die Versuche. Tierschützer bezeichnen sie als Quälerei.

Kreiter sieht sie dagegen als unerlässlich, um schwere Gehirnschäden bei Menschen heilen zu können. Nachdem sich die Bremer Gesundheitsbehörde Anfang Oktober weigerte, die 1998 erteilte Genehmigung für die Tierversuche zu verlängern, droht nun das Aus für Kreiters Hirnforschung.

Notfalls durch alle Instanzen

Dagegen wehren sich der 45 Jahre alte Wissenschaftler und die Universität mit allen Mitteln. Sie legten Widerspruch bei der Behörde ein. Eine Antwort wird wahrscheinlich jedoch erst im Januar oder Februar vorliegen.

Sollte diese wie erwartet negativ ausfallen, will die Uni dagegen klagen. Rektor Wilfried Müller kündigte bereits an, notfalls durch alle Instanzen bis vor das Bundesverfassungsgericht zu gehen. Am Ende werden die Richter entscheiden müssen, welches Recht Vorrang hat: der im Grundgesetz als Staatsziel verankerte Tierschutz oder die Forschungsfreiheit.

"Bei Menschen würde man das als Folter beschreiben"

Tatsächlich geht Kreiter mit seinen Primaten nicht besonders zimperlich um. Er bohrt in ihren Schädel ein Loch, durch das er bei den Tests Elektroden in ihr Gehirn schiebt. Auf ihrem Kopf befestigt er mit Zement eine Halterung, mit denen die Tiere fixiert werden können.

Zu trinken erhalten sie nur während der Tests. Und am Ende ihres Versuchstierlebens werden sie getötet, damit Kreiter ihre Gehirne untersuchen kann. Dennoch: "Die Belastung für die Tiere ist objektiv relativ gering", betont der schlaksige Mann mit schütterem Haar. Ihre Haltung sei artgerecht und die Eingriffe schmerzlos.

Der deutsche Tierschutzbund sieht das anders. "Die jahrelangen Experimente sind so belastend, dass sie schwere Schäden und Leiden bei den Tieren verursachen", erklärt Präsident Wolfgang Apel. Kreiter lasse die Tiere dursten, damit sie bei den Versuchen kooperieren, kritisiert er. "Bei Menschen würde man das als Folter beschreiben."

Diese Vorwürfe weist Kreiter vehement zurück: "Makaken brauchen nicht so viel zu trinken, weil sie normalerweise in sehr trockenen Regionen leben. Wenn sie permanent durstig wären, würden sie während des Experiments nicht ruhig sitzen bleiben."

Nach Ansicht der Bremer Gesundheitsbehörde sind die Affenversuche ethisch nicht vertretbar. "Diese Aussage werden wir auch nicht zurücknehmen", sagte Sprecher Jörg Henschen. Kreiter vermutet dahinter politisches Kalkül. Rot-Grün habe das Thema im Wahlkampf 2007 zum Stimmenfang benutzt. "Es ist einfach Wahlkampf mit einem Thema zu machen, über das die Leute nichts wissen, zu dem sie aber eine emotionale Meinung haben." (dpa)

Datum:  11 | 12 | 2008
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Quiz

Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.

Aurora Borealis

Wie eine gigantische Lasershow aus dem Weltall wirken die außerordentlich spektakulären Polarlichter - Bilder und Videos.

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Anzeige

Videos
Ressort

Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung


Spezial
www.museocereanatomiche.it

Neue Forschungsergebnisse in der Medizin, der Blick in das Innere des Menschen - mehr zu lesen im FR-Spezial Medizin.

Rückblick auf 50 Jahre
Der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin in seinem Raumanzug bei Übungen zum ersten bemannten Weltraumflug. Gagarin umkreiste am 12. April 1961 in der Raumkapsel Wostok als erster Mensch die Erde.

Zum fünfzigsten Jahrestag des ersten Starts der Menschheit ins Weltall hat die russische Raumfahrtagentur ein Video veröffentlicht.

Anzeige

Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.

Spezial
Blick in die Magellanwolke

Der Blick in den Weltraum auf ISS, Planeten, Sterne, Monde und die Sonne: Hintergründe, interaktive Grafiken, Fotostrecken und Videos.

Spezial

Vor vierzig Jahren brachen mutige Männer auf, um einen Menschheitstraum zu erfüllen - die Landung auf dem Mond.

Umfrage: Sind Feedback-Fahrten für Fahranfänger sinnvoll?

Die Koalition plant offenbar, nach österreichischem Vorbild sogenannte Feedback-Fahrten für Führerscheinneulinge einzuführen. Die müssen drei Monate nach ihrer Prüfung erneut Fahrstunden nehmen. Gute Idee - oder Unsinn?

Meistgeklickt
Sängerin Loreen holt mit Euphoria den ESC nach Schweden und siegt in Baku.
Eurovision Song Contest in Baku 
Harry Nutt
Leitartikel zum Eurovision Song Contest 
Ermittler der Spurensicherung der Polizei durchsuchen in Kiel ein ehemaliges Trafohaus auf dem Gelände einer Kfz-Werkstatt.
Einsatz gegen Rockerbande 
Spezial

Sie sollte das Studium vereinfachen, das Hochschulwesen europaweit vereinheitlichen. Die Kritik an der Bologna-Reform lässt nicht nach.

Ein Jahr Fukushima
Test auf Strahlenspuren.

Ein Jahr nach dem 11. März 2011 zeigen wir, wie das Unglück Japan und die Welt verändert hat.

ANZEIGE
- Business
- sonstiges
- Kauftipps!