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Tiersprache: Gegrunztes Behagen

Landwirte sollten auf ihre Tiere hören - das kann deren Stress mindern. Schweine sind besonders mitteilsam, während Rinder die meiste Zeit schweigen. Von Kerstin Viering

Die meisten Schweine sind nicht gern allein. Allerdings sind  sie in der Regel auch nicht sehr scharf auf die Konkurrenz ums Futter.
Die meisten Schweine sind nicht gern allein. Allerdings sind sie in der Regel auch nicht sehr scharf auf die Konkurrenz ums Futter.
Foto: dpa

Das Geräusch geht durch Mark und Bein. Mit an die hundert Dezibel kann es locker dem Lärm eines Presslufthammers Konkurrenz machen. Nur ist es viel schriller, es tut richtig weh in den Ohren. "Das Schreien eines gestressten Schweins ist schwer zu ertragen", sagt Gerhard Manteuffel vom Leibniz-Institut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf bei Rostock. Er und seine Kollegen müssen sich das aus professionellen Gründen trotzdem des Öfteren anhören. Denn sie erforschen die Lautäußerungen von Schweinen, Kühen und Ziegen. Dabei interessiert sie vor allem, was ein bestimmtes Grunzen, Brüllen oder Meckern über das Wohlbefinden der Tiere verrät.

Schweine sind besonders mitteilsam. Während Rinder die meiste Zeit schweigen und nur malein Muhen hören lassen, dringen aus den rosa Rüsseln die unterschiedlichsten Töne. Eine Sprache will Manteuffel das zwar nicht nennen. Dazu müssten die Laute einen klaren Code haben. In der menschlichen Sprache etwa ist eindeutig festgelegt, welche Art von Möbelstücken sich hinter dem Wort "Tisch" verbergen und welche Pflanzen hinter "Baum".

Nutztierforschung

Das Forschungsinstitut für die Biologie landwirtschaftlicher Nutztiere (FBN) mit Sitz in Dummerstorf, Mecklenburg-Vorpommern, wurde 1993 gegründet. Es verfügt derzeit über 66,5 Stellen für Wissenschaftler/innen.

Gegenstand der Forschung des FBN ist das landwirtschaftliche Nutztier als wichtige Lebensgrundlage des Menschen und wesentlicher Bestandteil agrarischer Ökosysteme. Sie ist in drei Programmbereiche gegliedert: Erhaltung der biologischen Vielfalt der Nutztiere, Kenntnis und Gestaltung des Verhältnisses von Nutztier, Umwelt und Mensch zueinander und hohe Fruchtbarkeit und Widerstandsfähigkeit.

"Es gibt durchaus auch Tiere, die solche sprachlichen Verknüpfungen hinbekommen", sagt der Forscher. Manche Affen etwa warnten ihre Artgenossen mit einem bestimmten Ruf, wenn sich ein Feind am Boden anschleicht. Für einen am Himmel kreisenden Greifvogel benutzen sie dagegen ein anderes Signal.

Schweine scheint diese ausgefeilte Form der Kommunikation allerdings zu überfordern. Trotzdem haben sie durchaus Interessantes mitzuteilen. Zum Beispiel, ob sie mit Stall und Haltung zufrieden sind. "Die Laute von Nutztieren sind vor allem ein Ausdruck ihrer Emotionen", erläutert Gerhard Manteuffel. Er vergleicht das mit dem Aufschrei eines Hobby-Handwerkers, der sich gerade mit dem Hammer auf den Daumen gehauen hat: Das unwillkürliche "Au!" ist sicher kein Höhepunkt der Sprachkunst, aber doch meistens ziemlich aussagekräftig.

Allerdings ist all das Grunzen und Quieken in verschiedenen Tonlagen nicht immer leicht zu deuten. Deshalb zeichnen die Forscher auf, in welchen Situationen die Tiere welche Geräusche machen. Sehr typisch für Sauen ist ein rhythmisches Grunzen, das dem Nachwuchs signalisiert: "Es gibt Milch!" Da Schweinemütter immer nur für kurze Momente bereit zum Säugen sind, müssen sich die Ferkel diese Botschaft gut einprägen und schnell darauf reagieren. Dabei können sie sogar das Säugegrunzen ihrer eigenen Mutter von dem anderer Artgenossinnen unterscheiden.

Das sogenannte Kontaktgrunzen hat einen anderen Rhythmus und dringt oft aus den Rüsseln entspannter Tiere. "Das bedeutet, dass ein Schwein mit sich und der Welt im Reinen ist", sagt Manteuffel. Quieken sei dagegen ein Zeichen von Angst oder Aufregung.

Ruhe für Rangniedere

Solche Geräusche seien etwa oft zu hören, wenn die Forscher ein Schwein allein in eine Art Arena setzen. Es gibt Schweine, die sich zu dieser für ein Herdentier ungewöhnlichen Situation überhaupt nicht äußern. Andere aber verfallen in immer aufgeregteres Quieken, das manchmal in Schreien übergeht.

Manteuffel vermutet, dass vor allem die Tiere an der Spitze der Borstenvieh-Gesellschaft mit dem Alleinsein unzufrieden sind: "Vielleicht genießen es die Rangniederen ja, wenn sie mal ihre Ruhe haben."

Es gibt Situationen, die das Nervenkostüm jedes Schweins strapazieren. Wenn man ein Tier hochnimmt, schallen ganz ähnliche Laute durch den Stall wie beim Kastrieren von Ferkeln oder beim Verabreichen von Spritzen. Eine Blutprobe bestätigt: Schweine, die so markerschütternd schreien, haben viele Stresshormone im Körper. Doch die Signale verhallen oft ungehört.

Wer die Auslöser für das Geschrei kennt, kann seine Schweine stressfreier halten. Und das schont nicht nur die Nerven der Tiere, sondern auch das Budget ihrer Halter. Schließlich wächst gestresstes Borstenvieh nicht nur schlechter, sondern wird auch leichter krank. Da kann sich das Zuhören nur lohnen.

Helfen kann dabei eine Spezialsoftware namens Stremodo, die Manteuffels Team entwickelt hat. Sie kann die Stresslaute von Schweinen erkennen und von allem anderen Gegrunze und Gequieke unterscheiden. Wer einen Laptop mit dieser Software und einem Mikrofon in den Stall stellt, kann die Stimmung in der Schweinegesellschaft rund um die Uhr überwachen und so die für die Tiere besonders belastenden Situationen erkennen.

Ein häufiger Grund für Stress im Stall ist Streit ums Fressen. Wenn sich zu viele Tiere um wenige Futterstellen drängeln, kommt es oft zu Beißereien. Da kann es helfen, weitere Futterstellen einzurichten oder die Rationen nach und nach auszuteilen statt alle auf einmal. Vielleicht können sich einige Schweine bei ihren Mahlzeiten künftig sogar über persönliche Ansprache freuen. In einem vom Bundeslandwirtschaftsministerium geförderten Projekt entwickelt das FBN-Team nämlich gerade ein neues Fütterungskonzept, das auf die Lernfähigkeit des Borstenviehs setzt.

In Zusammenarbeit mit dem Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit in Celle und einer Firma für Stallausrüstung haben die Forscher einen Futterautomaten mit einem Lautsprecher ausgerüstet. Der ruft nun jedes Schwein auf, so dass sich alle nacheinander ihre Portion holen.

Die 50 Sauen, an denen die Forscher ihre Erfindung derzeit testen, haben das Prinzip rasch begriffen: "Griselda", "Edelgard" und die anderen wissen, dass sich der Weg zum Automaten nur lohnt, wenn sie den eigenen Namen hören. Seither geraten sie nicht nur seltener aneinander, sie sind auch geistig mehr gefordert als bei einer normalen Fütterung.

Das aber bleibt nicht ohne Folgen: "Die Tiere sind deutlich munterer und weniger ängstlich", sagt Manteuffel. In einem früheren Versuch mit Jungschweinen wiesen die Forscher nicht nur Veränderungen im Immunsystem nach, sondern auch eine schnellere Wundheilung. Alles wegen dem bisschen Ansprache.

Autor:  Kerstin Viering
Datum:  14 | 4 | 2010
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