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14. Mai 2013

Tierversuche: Tödliche Tests

 Von Silvia von der Weiden
Meerschweinchen sind nicht nur als Haustiere gefragt, sondern auch für Laborversuche. Gut 26.000 mussten im Jahr 2011 in Deutschland für Tests herhalten.  Foto: Zentralbild

Für Kosmetika sind Tierversuche EU-weit verboten, in der Forschung wird aber weiter experimentiert: Um mögliche Reizwirkungen festzustellen, dürfen Tieren chemische Substanzen appliziert werden.

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Für Kosmetika sind Tierversuche EU-weit verboten, in der Forschung wird aber weiter experimentiert: Um mögliche Reizwirkungen festzustellen, dürfen Tieren chemische Substanzen appliziert werden.

Tiere sollen nicht mehr für Schönheitscremes, Rasierwasser oder Haarshampoos leiden müssen. Seit dem 11. März dieses Jahres ist der Verkauf von Kosmetikprodukten, die an Tieren getestet wurden, in allen Staaten der EU verboten. Das gilt auch für eingeführte Pflegemittel, deren Inhaltsstoffe außerhalb der EU an Kaninchen, Meerschweinchen, Mäusen und Co. getestet wurden.

Damit ist die letzte Stufe eines schrittweisen Banns in Kraft getreten. Im Jahr 2009 waren lediglich Tierversuche für neuartige Inhaltsstoffe in Kosmetika in der EU untersagt worden. Der Verkauf von Pflegeprodukten, deren Zusätze außerhalb der Mitgliedsstaaten in Tierversuchen getestet worden waren, konnte somit weitergehen.

Kosmetikindustrie skeptisch

Gegen dieses Hintertürchen zugunsten global agierender Unternehmen waren Tierschutzorganisationen Sturm gelaufen. Sie sehen die neuen Vorschriften nun als wichtigen Meilenstein im Kampf gegen Tierversuche. Scharfe Kritik kommt dagegen von der Kosmetikindustrie. Die lässt durch ihren Verband Cosmetic Europe wissen, dass die EU die Innovationskraft der Branche aufs Spiel setze, wenn sie zu diesem Zeitpunkt das Verbot ausspricht. Das Verbot ignoriere die Tatsache, dass bestehende Wissenslücken sich nicht in allen Fällen mit Alternativtests überbrücken lassen.

Diese Herausforderung sehen auch die Tierschützer: „Erstmals werden Tierversuche verboten, obwohl es für einige Tiertests noch keine tierversuchsfreien Verfahren gibt. Die EU-Kommission hat sich konsequent verhalten und erhöht dadurch den Druck auf Wissenschaft und Kosmetikindustrie, die noch fehlenden Tests zu entwickeln“, betont Kurt Simons vom Bundesverband Menschen für Tierrechte.

Tatsächlich kam die Regelung erst nach zähem Ringen zustande. Die EU-Kommission hatte sich mit dem Streichen von Ausnahmeregeln schwergetan. Der Durchbruch gelang im Januar dieses Jahres, als internationale Tierschutzverbände dem neuen EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg bei einem Treffen das Versprechen abrangen, das verbliebene Schlupfloch zu stopfen.

Mäuse und Ratten

Deutschland ist in der EU nach Frankreich und Großbritannien einer der Hauptverbraucher von Versuchstieren. 2011 wurden hierzulande nach Angaben des Bundesministeriums für Landwirtschaft gut 2,9 Millionen Wirbeltiere für Tierversuche und andere wissenschaftliche Zwecke verwendet – 1,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Die größte Gruppe bilden mit 85 Prozent Nager, vor allem Mäuse und Ratten. 7 Prozent der Versuchstiere waren Fische, 4 Prozent Vögel und 3 Prozent Kaninchen.

Zuvor hatten bereits Unternehmen wie L’Oreal und Procter & Gamble Versuche mit Tieren in Labors nach China und Indien ausgegliedert. Obwohl die Firmen in ihren Forschungsrichtlinien herausstreichen, nur in Ausnahmefällen und äußerst verantwortungsvoll Tiere zu Testzwecken für die Sicherheitsbewertung einzusetzen, hatten ihnen Tierschutzorganisationen mehrfach Verstöße vorgeworfen.

Tierrechtsvertreter bleiben jedoch skeptisch, ob es nun insgesamt zu einem Rückgang von Tierversuchen in Europa kommt. Sie befürchten, dass weiterhin Tiere verbraucht werden – sogar in steigendem Maße. Denn das aktuelle Verbot gilt nur für Substanzen, die ausschließlich in Kosmetikprodukten verwendet werden.

An den gut zwölf Millionen Tierversuchen in der EU haben die Versuche für Kosmetik nur einen Anteil von 0,02 Prozent, rechnet der Bundesverband Tierschutz vor. Für Substanzen, die in anderen Bereichen wie der Industrie eingesetzt werden, gilt die Testung nach dem europäischen Chemikalienrecht (Reach) und das lässt Tierversuche zu. Nach der Regelung, die seit Mitte 2007 in der EU gilt, müssen sowohl neue als auch seit Jahren auf dem Markt befindliche Chemikalien zur Sicherstellung der menschlichen Gesundheit ihre Unbedenklichkeit nachweisen.

Um mögliche Reizwirkungen festzustellen, dürfen chemische Substanzen auch auf die Haut der Tiere und sogar in die Augen appliziert werden. Getestet wird überdies die krebserregende und keimschädigende Wirkung im Tiermodell. In vielen Fällen muss die tödliche Dosis einer Chemikalie bestimmt werden. „Das bedeutet, dass Tausende von Chemikalien in qualvollen Giftigkeitsprüfungen an Tieren getestet werden müssen“, sagt Kurt Simons von Menschen für Tierrechte.

Tests auf Giftigkeit

Offizielle Zahlen zu den Folgen von Reach gibt es nicht. Die Europäische Kommission erhebt lediglich statistische Daten über Versuchstiere allgemein. Der neueste dieser Berichte zu Versuchstieren ist von 2010. Ihm lässt sich entnehmen, dass EU-weit mehr als 60 Prozent der Versuchstiere für Forschungs- und Entwicklungszwecke in der Medizin und in der Grundlagenforschung verwendet wurden. Knapp 15 Prozent wurden für Qualitätskontrollen und in medizintechnischen Produkten eingesetzt.

Für toxikologische Prüfungen wurden knapp 9 Prozent verbraucht. In absoluten Zahlen sind das gut eine Million Tiere, darunter vor allem Nager, an denen die Giftigkeit oder Unbedenklichkeit von Stoffen getestet wurden. „Schätzungen gehen von zusätzlichen 8 bis 54 Millionen Tieren aus, die in den nächsten Jahren für Reach leiden und sterben sollen“, sagt Silke Bitz von Ärzte gegen Tierversuche.

Das Zahlenwerk aus Brüssel weist noch auf eine weitere Entwicklung hin. Danach werden in der EU bereits 38 Prozent oder rund 4,6 Millionen Tiere, vor allem Mäuse, für Versuchszwecke zur biologischen Grundlagenforschung eingesetzt. Das sind rund fünf Prozent mehr als 2005.

Den deutlichen Zuwachs führt der Bericht zurück auf neue Forschungsmöglichkeiten mit transgenen Tieren. An gentechnisch veränderten Tieren erforschen Wissenschaftler menschliche Krankheiten. Sie rüsten Mäuse beispielsweise mit menschlichen Genen aus, um das Leiden möglichst genau nachzubilden. Die Nager, die 95 Prozent der Gene mit dem Menschen teilen, dienen auch bei der Arzneimittelentwicklung als Modell, an dem neue Medikamente getestet werden, bevor sie erstmals in klinischen Studien zunächst an gesunden Probanden und dann an Patienten eingesetzt werden. An dieser heiklen Stelle, beim Übergang vom Tiermodell auf den Menschen, versagen die meisten Medikamentenkandidaten.

Von fünfzig potenziellen Medikamenten schafft es im Schnitt nur eines in die klinische Erprobung. Für Wolfgang Hiddemann, ärztlicher Direktor am Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München, ist diese Quote keine Überraschung: „Solche Modelle können die Realität der menschlichen Erkrankungen nur ansatzweise widerspiegeln und scheitern häufig.“

Ergebnisse oft nicht übertragbar

Warum die Maus kein ideales Modell für viele Krankheiten des Menschen ist, hat die Forschergruppe um Shaw Warren vom Bostoner Massachusetts General Hospital untersucht. In ihrer Arbeit, die kürzlich im Fachmagazin PNAS erschienen ist, verglichen die Forscher die Regulation von Entzündungsprozessen bei Maus und Mensch. Wie sie feststellten, variiert dabei die Aktivität der Gene bei Maus und Mensch stark. „Die Ergebnisse von mit Mäusen vorgenommenen Versuchen können oft nicht auf Menschen übertragen werden“, resümieren die Forscher.

Auf gravierende Unterschiede zwischen den Spezies – etwa bei der Zusammensetzung von Abwehrzellen im Blut, bei unterschiedlichen Antikörperklassen, Oberflächenstrukturen von Zellen und in den Signalwegen – macht auch Mark Davis, Direktor am Institut für Immunologie an der kalifornischen Stanford University, aufmerksam. Er sieht die humanmedizinische Forschung bereits in der Mausefalle.

Ein möglicher Ausweg eröffnet sich nach Ansicht vieler Forscher in der verstärkten Nutzung von menschlichen Gewebe- und Blutproben, wie sie bei Blutabnahmen, Biopsien und Operationen in Kliniken anfallen. Solche Sammlungen für die Forschung sind derzeit weltweit im Aufbau.

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