Der Tod einer 36-jährigen Frau durch Schweinegrippe hat die Debatte um eine flächendeckende Impfung neu angeheizt. Die stark übergewichtige Frau war bereits am 25. September in einer Essener Klinik einem Lungen- und Multiorganversagen erlegen. "Wir sind sehr sicher, dass H1N1 ursächlich für den Tod ist. Ohne die Infektion wäre die Patientin nicht gestorben", sagte der Ärztliche Direktor des Klinikums, Gerald Holtmann am Donnerstag. Das H1N1-Virus habe dabei "Tür und Tor" für die Infektionen mit den anderen Keimen geöffnet. "Das war eine Kaskade von Ereignissen, die von H1N1 ausgelöst wurde", sagte der Mediziner.
Holtmann plädierte dafür, Menschen aus Risikogruppen und Angehörige spezieller Berufsgruppen gegen die Grippe impfen zu lassen. Auch die ständige Impfkommission (Stiko) hat offiziell die Impfung gegen die Schweinegrippe empfohlen. Alle Bevölkerungsgruppen könnten von der Immunisierung profitieren, erklärte die beim Robert-Koch-Institut angesiedelte Kommission am Donnerstag in Berlin.
Empfohlen wird sie aber zunächst vorrangig für Medizinpersonal, chronisch Kranke und Schwangere. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann wirbt ebenfalls dafür: "Ich nehme den traurigen Tod zum Anlass, für eine neue Impfung zu werben," sagte der Christdemokrat schon vor Tagen. Dieses Angebot sollte von allen Bürgerinnen und Bürger angenommen werden.
Doch bislang bleiben die Deutschen skeptisch. "Wir verzeichnen keine erhöhte Nachfrage nach Grippe-Impfstoff", sagt Ursula Sellerberg von der Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände der Frankfurter Rundschau. "Viele Patienten unterschätzten das Virus und sehen eine Impfung skeptisch", so die Verbandssprecherin. In diesem Jahr würden so viele Anti-Grippemittel verkauft wie in den Jahren zuvor. Aus Sicht der Apotheker sei es hingegen sinnvoll, sich impfen zu lassen. "Die Menschen wiegen sich durch den bislang milden Verlauf der Schweinegrippe in falscher Sicherheit", so Sellerberg.
Dass die Apotheker allerdings die Impfung befürworten ist wenig verwunderlich - auf sie wartet ein Milliardengeschäft. Dabei ist die deutsche Ärzteschaft gespalten, ob sich die Bevölkerung flächendeckend impfen lassen sollte. Die Arzneimittelkommission hatte erst im September vor dem weitestgehend unerforschten Impfstoff gewarnt. Es fehlten "öffentlich zugängliche Daten für bestimmte Personengruppen wie Kinder und Schwangere, so dass eine Sicherheitsbewertung für diese Gruppen nicht möglich ist", hieß es in dem Bericht. Dabei gelten unter anderem Schwangere als "Risikogruppe", der eine Impfung empfohlen wird. Zudem erkranken vor allem junge Menschen an der Schweinegrippe.
Skeptische Ärzte
Die deutlichen Worte waren ungewöhnlich für das Gremium, das ansonsten Impfungen gegenüber durchaus positiv eingestellt ist.
Auch der Ärztliche Direktor des Gemeinschaftskrankenhauses Witten-Herdecke im Ruhrgebiet, Stefan Schmidt-Troschke, ist skeptisch gegenüber den weit verbreiteten Impfaufrufen von Politikern und Ärzten. "Hier treffen Politiker Entscheidungen, die im Einzelfall einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit bedeuten", so Schmidt-Troschke zur Frankfurter Rundschau. Der Mediziner ist zugleich Vorsitzender des Vereins "Ärzte für individuelle Impfentscheidung".
Aus seiner Sicht wurde der Impfstoff in einem ultraverkürzten Zulassungsverfahren als Massenprodukt auf den Markt geworfen. "Die Studienlage entspricht nicht dem generellen Sicherheitsstandard", so Schmidt-Troschke. Der Impfstoff enthalte Verstärker, die das Immunsystem der bei der relevanten Zielgruppe, nämlich junge Menschen, Schwangere und Kinder, stark schwächen könne. "Das ist grob fahrlässig und gefährlich." Völlig unklar sei zum Beispiel, ob dadurch nicht Autoimmunerkrankungen ausgelöst werden könnten.
Die USA seien zum Beispiel viel vorsichtiger. Dort enthalte der Impfstoff keine Verstärker und das Mittel sei so viel schonender für das Immunsystem.
In Berlin machten sowohl das Bundesgesundheitsministerium als auch das Robert Koch-Institut (RKI) deutlich, für eine Verschärfung von Vorbeugemaßnahmen bestehe derzeit kein Anlass. Zugleich hieß es in beiden Häusern, der jetzt bestätigte Todesfall erhärte Verdachtsmomente, die Experten schon Ende September gehegt hätten.
Tatsächlich hatte das RKI im Rahmen seines routinemäßigen "epidemiologischen Wochenberichts" bereits vor Tagen gemeldet, dass eine 36-jährige Deutsche in Essen am 25. September "im Rahmen eines Multiorganversagens verstorben" war. Dabei sei auch eine Infektion mit dem H1N1-Virus nachgewiesen worden; "ein kausaler Zusammenhang ist nicht sicher, aber möglich."
Die Impfung gegen die sogenannte Schweinegrippe beginnt in der letzten Oktoberwoche. Die bundesweite Impfkampagne starte am 26. Oktober, sagte der Sprecher des Thüringer Gesundheitsministeriums, Thomas Schulz, in Erfurt. Ab 19. Oktober könnten die Bundesländer die ersten bestellten Impfstoffe beim Hersteller in Dresden abholen.
Zum Einsatz kommt der Wirkstoff Pandemrix vom Pharmakonzern Glaxo-Smith-Kline. Die Bundesländer haben insgesamt 50 Millionen Dosen des Impfstoffs bestellt. Sollte es zu Engpässen kommen, werde nachbestellt, dann wohl bei der Pharmafirma Novartis. Beide Impfstoffe sind bereits auf europäischer Ebene zugelassen. Seite 13
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