Diese Todesdefinition aber ist umstritten. Wie lange soll man nach dem letzten Herzschlag warten, bis ein Mensch als tot gelten kann: zwei, fünf oder zehn Minuten? Diese Wartezeit differiert international. Und was ist überhaupt der letzte Herzschlag, wenn das Herz doch gegen Ende des Lebens stolpert? "Jede erfolgreich durchgeführte Reanimation ist ein Beleg dafür, dass der Herztod kein sicheres Todeszeichen ist", stellt dazu die Bundesärztekammer fest, die die nationalen Richtlinien zur Feststellung des Todes erlässt. Deutsche Patienten dürfen daher auch kein Organ von Non-Heart-Beating-Donors erhalten. An der Möglichkeit, dieses Verbot auch künftig aufrecht zu erhalten, werde die EU-Richtlinie nichts ändern, sagt Liese.
Ob und in welchem Umfang die neue EU-Richtlinie eine Änderung des Transplantationsgesetzes erforderlich mache, sei noch unklar. Möglich ist jedoch, dass Deutschland nun flächendeckend Register für die Organtransplantation etablieren muss, und zwar sowohl für lebend gespendete, wie für postmortale Organe. Denn nur auf Basis systematisch erfasster Langzeitdaten lässt sich die Erfolgsaussicht einer Organverpflanzung abschätzen, aber auch das Risiko, das ein Lebendspender eingeht, der sich eine Niere oder ein Stück Leber auspflanzen lässt, heißt es in der EU-Direktive.
Erfolgsaussicht und Dringlichkeit sollen dem deutschen Transplantationsgesetz zu Folge bei der Zuteilung der Organe gegeneinander abgewogen werden. Je nötiger also ein Patient das Organ zum Überleben braucht, desto schlechter meist die Langzeitfunktion des Organs. Jüngere oder weniger kranke Patienten könnten unter Umständen länger mit fremden Herzen oder Lebern leben.
Deutschland liegt schlechter
Und: Was bedeutet Dringlichkeit? Der höchste Schaden ist der Tod des Patienten - aber in welchem Zeitrahmen? Ein Jahr nach Anmeldung auf die Warteliste oder zwei Jahre? Genau ist das nicht definiert. Hier wird Konkretisierungsbedarf von deutschen Transplantationsmedizinern gesehen. Die EU-Richtlinie könnte ein Anlass sein, solche Lücken auf nationaler Ebene zu schließen, damit Ärzte und Patienten genau wissen, auf welcher Grundlage Organe verteilt werden sollen.
Auch liegen die Funktionsraten von Herzen zum Beispiel fünf Jahre nach der Transplantation in Deutschland mit 67 Prozent um etwa fünf Prozent unter dem internationalen Durchschnitt (72 Prozent). Aber warum? Sind deutsche Empfänger im Durchschnitt kränker als in anderen Ländern? Oder haben die verpflanzten Organe hierzulande eine schlechtere Qualität, weil sie zunehmend von älteren Spendern mit Vorerkrankungen stammen? Oder sind Defizite bei der Nachbetreuung die Ursache?
"Es gibt bislang keine objektiven, validierten Formeln, um den Transplantationserfolg in Abhängigkeit der zahlreichen Faktoren, die ihn beeinflussen, vorhersagen zu können", sagt Axel Rahmel, medizinischer Direktor von Eurotransplant. "Wir müssen international, auch in Deutschland, systematisch und möglichst flächendeckend die Daten dazu erfassen."
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