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Länger gemeinsam lernen: Tschüss, Hauptschule

Mit dem neuen Schuljahr verabschiedet sich auch Berlin von der ungeliebten Restschule. Sekundarschule heißt die neue Alternative.

Auslaufmodell Hauptschule
Auslaufmodell Hauptschule
Foto: ddp

Mit dem Ende der Sommerferien verabschiedet sich ein weiteres Bundesland von der Hauptschule. Wie alle neuen und die meisten alten Bundesländer setzt auch Berlin nun nach der Grundschule auf ein zweigliedriges Schulsystem: bestehend aus dem Gymnasium und der Sekundarschule. Vom 23. August an werden 110 Sekundarschulen jeden zweiten Berliner Oberschüler unterrichten.

Das Modell aus dem Hause von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) folgt in weiten Teilen dem Hamburger Vorbild: Wie die Stadtteilschulde dort, soll die Sekundarschule nicht nur die Hauptschule ersetzen, die seit Jahren nur noch rund zehn Prozent der Schüler aufnimmt. Sie führt auch zu einem − entschleunigten − Abitur nach 13 Jahren, entweder vor Ort oder an einem kooperierenden Oberstufenzentrum.

Abgeschafft

Nach der Abschaffung der Hauptschule in Berlin gibt es diese nur noch in fünf Bundesländern: In Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. In Nordrhein-Westfalen könnte ihr Ende mit der rot-grünen Koalition ebenfalls bevorstehen.
Bayern und Baden-Württemberg haben ihr einen neuen Titel verpasst: In Bayern heißt sie jetzt Mittelschule, in Baden-Württemberg Werkrealschule.

Inwieweit Sekundarschulen Schüler bloß unter einem Dach oder auch in gemeinsamen Lerngruppen unterrichten, bleibt ihnen überlassen – innere Differenzierung ist erwünscht, aber nicht Pflicht. Um individuelle Förderung zu ermöglichen, werden Sekundarschulen deutlich besser ausgestattet als Gymnasien: Statt bis zu 32 sind höchstens 26 Schüler in der Klasse der Ganztagsschulen.

Entscheidender dafür, dass das neue Lernen in Berlin weitgehend geräuschlos an den Start geht, dürfte allerdings ein Zugeständnis Zöllners sein, das seine Hamburger Kollegin Christa Goetsch (Grüne) lange vermeiden wollte: Der Erhalt des Elternwahlrechts, der die Empfehlungen der Grundschule auch künftig nicht bindend werden lässt. Das Probejahr am Gymnasium bleibt – zum Unmut der Grünen – ebenso erhalten wie das grundständige Gymnasium. Rund fünf Prozent der Berliner Schüler wechseln bereits nach der vierten Klasse an eins von 30 Frühstarter-Gymnasien. In jedem Jahr sind die Plätze hart umkämpft.

Insgesamt gilt aber: Der Ansturm auf das Gymnasium ist, jedenfalls in dem befürchteten Ausmaß, ausgeblieben. Rund 80 Eilverfahren waren vor Beginn der Sommerferien noch bei den Verwaltungsgerichten anhängig. Das sind ein paar mehr als sonst. Enthalten sind aber auch Klagen von Eltern, die ihr Kind in besonders beliebten Sekundarschulen unterbringen wollen. Lediglich in Kreuzberg gab es einen ansehnlichen Run auf ein begehrtes Gymnasium.

Die Entscheidung darüber, ob ein Schüler von einer Schule genommen wird oder nicht, hängt dieses Jahr letztmals von der Entfernung ab – gemessen in Minuten, die Busse und Bahnen bis zur Schule brauchen. 2011 wird ein bundesweit einmaliges Prinzip eingeführt, das im Vorfeld für heftige Irritationen gesorgt hat: 60 Prozent ihrer Schüler suchen die Schulen sich aus; 30 werden ihnen aus dem Topf der Bewerber unabhängig vom Wohnort zugelost. Zehn Prozent bleiben „Härtefällen“ − Kindern mit Behinderungen oder Geschwisterkindern − vorbehalten. So will der rot-rote Berliner Senat auch an Gymnasien mehr soziale Durchmischung herstellen – und wohl auch die herausragende Stellung besonders bevorzugter Lernstätten mildern.

„Zweigliedrig“ bleibt für das Schulsystem der Hauptstadt ein unscharfer Begriff. Denn Förderschulen gibt es weiterhin. Darüber hinaus etabliert sich weitgehend unbemerkt von der bundesweiten Öffentlichkeit eine Schulform, die der kleinere Koalitionspartner „Die Linke“ gern in der gesamten Stadt sähe: Die Gemeinschaftsschule, in der Schüler von der ersten bis zur zehnten Klasse auch im Wortsinne zusammen lernen: in gemeinsamen Klassen, ohne Sitzenbleiben, vielerorts sogar bis zur achten Klasse ohne Zensuren.

Erst in der neunten Klasse erhalten die Schüler eine Prognose über ihren mutmaßlichen Abschluss; dann trennen sich ihre Wege in Richtung beruflicher oder vorakademischer Bildung. Gemeinschaftsschulen führen zum Hauptschul-, zum mittleren Abschluss und zum Abitur.

Dass die Gemeinschaftsschule nach den Wahlen von 2006 nicht in ganz Berlin eingeführt wurde, liegt ebenfalls an Jürgen Zöllner: Der stufte kurz nach seinem Amtsantritt das im Koalitionsvertrag verankerte Modell zum Versuch herab und entwarf die Sekundarschule. Mit elf Schulen ging der Pilotversuch 2008 an den Start – alles andere als flächendeckend, dafür aber gut ausgestattet und gründlich vorbereitet.

Länger als ein halbes Jahr hatten sich Leiter und Lehrer der künftigen Gemeinschaftsschulen in Workshops und Fortbildungen immer wieder über Dinge wie individuelle Förderung, Leistungsbeobachtung, Schulentwicklung und Teamarbeit ausgetauscht. Zudem wurde jede Umwandlung zur Gemeinschaftsschule von einem Team aus Organisationsentwicklern und Pädagogen begleitet.

Bis 2013 werden die Gemeinschaftsschulen wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Bereits heute lässt sich sagen: Einige sind zu wahren Pilgerstätten geworden; allen voran die Wilhelm-von-Humboldt-Schule im bildungsbeflissenen Prenzlauer Berg, die in diesem Jahr vorzeitig die Aufnahme höherer Klassen beantragte. Zum neuen Schuljahr nehmen vier neue Gemeinschaftsschulen ihre Arbeit auf; inzwischen zählt die Stadt 17 davon.

Autor:  Jeannette Goddar
Datum:  17 | 8 | 2010
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