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Überwachung: Big Mother is watching you

Früher spielten Kinder auf Schrottplätzen und verschwanden stundenlang im Wald - heute werden Eltern nervös, sobald die Kleinen außer Sicht sind.

Viele Kinder sind heute mit Handys ausgestattet, über die man sie jederzeit bequem orten kann. Verlassen sie einen definierten Raum rings um die Wohnung oder den Schulweg, sendet das Mobiltelefon sofort eine Kurznachricht an die Eltern.
Viele Kinder sind heute mit Handys ausgestattet, über die man sie jederzeit bequem orten kann. Verlassen sie einen definierten Raum rings um die Wohnung oder den Schulweg, sendet das Mobiltelefon sofort eine Kurznachricht an die Eltern.
Foto: rtr

Vor vierzig Jahren war die Kindheit ein einziger Schrecken: Fußballplätze mit scharfkantigen Schottersplittern, brandgefährliche Kartoffelfeuer und wacklige Baumhäuser, aus denen grässliche Nägel hervorstachen.

Gut, dass einige Kinder aus jener Zeit überlebt und selber Nachwuchs gezeugt haben, auch wenn dieser sich heute noch viel übleren Gefahren ausgesetzt sieht: Playstations, die beim Herunterfallen zarte Zehen zu zertrümmern drohen; Handys, an denen man sich beim Simsen den Daumen zerrt; und dann die vielen rasenden Mütter, die ihre Kinder noch schnell vor dem Job zum Kindergarten fahren, weil entlang des quälend langen, fast zweihundert Meter messenden Fußwegs so viele gefährliche Autos unterwegs sind.

Kein Wunder, dass die Kinder von heute mit Handys ausgestattet werden, über die man sie jederzeit bequem orten kann. Verlassen sie einen definierten Raum rings um die Wohnung oder den Schulweg, sendet das Mobiltelefon sofort eine Kurznachricht an die Eltern. Nehmen wir zum Beispiel das "Kinderhandy Junior Tel" für 189 Euro inklusive Mehrwertsteuer - "eines der einfachsten Handys der Welt mit außergewöhnlichen Betreuungsfunktionen", wie es bei einem "Fach- und Versandhandel für spezielle Lösungen im Bereich Mobilfunk und Festnetz" heißt. Das kleine Gerät verfügt über eine Betreuungsfunktion, zu deutsch "Set Care", über die sich vier Uhrzeiten pro Tag festlegen lassen, zu denen das Kind durch Drücken einer beliebigen Handy-Taste signalisieren muss, dass es ihm gut geht. Bleibt das Drücken aus, schickt das Handy zum Beispiel eine SMS an die Eltern - denen es infolgedessen sicher auch nicht gut gehen dürfte. Derlei gemeinsames Erleben ist wichtig für den familiären Zusammenhalt.

Zweitens eignet sich das Kinderhandy zur Schulwegkontrolle. Dazu gehen die Eltern zunächst den Schulweg des Kindes ab, um alle dort aktiven Mobilfunkzellen in das Handy einzulesen. "Sobald das Kind den gewohnten Schulweg verlässt (beispielsweise zu einem Fremden ins Auto steigt) und das Junior Tel neue Mobilfunkzellen findet, gibt es eine Alarmmeldung als SMS oder Anruf an die Eltern oder den Betreuer ab", erklärt der Fachhandel die Funktion. Natürlich sendet das Handy auch dann einen Warnton, wenn das Kind von der Mutter einer Schulfreundin nach Hause gebracht wird und das Auto dabei die vertraute Zone verlässt. Sicher ist sicher.

"Ortungsservice"

Die dritte, heutzutage unerlässliche Funktion eines zeitgemäßen Kindertelefons nennt sich "optionale, aktive Ortung". Wann immer eine sorgende Mutter sich grämt, weil sie nicht genau weiß, wo ihr Schätzchen sich aufhält, kann sie einen speziell angebotenen "Ortungsservice" anrufen, der das Kind aufspürt. Zum Glück haben die wenigstens Eltern heute noch sechs Kinder, sonst kämen sie kaum noch zum Kochen.

Noch besser eignet sich auch das satellitengestützte GPS-Ortungssystem zur Fernüberwachung von Dreikäsehochs. Längst gibt es entsprechend ausgerüstete Kinder-Handys. Das ist eine Art virtuelle Nabelschnur, mit der vor allem die Mutter-Kind-Bindung in bisher unerreichter Weise aufrechterhalten werden kann, notfalls auch über Jahrzehnte.

Da wäre zum Beispiel das nur acht Zentimeter lange "iKids GPS Phone", das zwar keine Kurznachrichten senden, aber welche empfangen kann. Es enthält einen GPS-Signalempfänger, über den Muttis Liebling bis auf fünf Meter genau aufgespürt werden kann. Eltern brauchen dazu nur eine spezielle Internetseite anzuwählen und wissen Sekunden später, wo ihr Kind herumschleicht. Das geht sogar per Handy, etwa wenn Mutti beim Frisör sitzt und warten muss, bis die Strähnchen trocken sind. Die GPS-Ortung funktioniert auch, wenn der kleine Frechdachs sein Handy ausgeschaltet hat.

Zusätzlich können die Eltern auch hier Sicherheitszonen festlegen, innerhalb derer ihr Kind nach Lust und Laune spielen darf. Verlässt es diese, sendet das Handy eine warnende SMS, worauf die nun vermutlich panischen Eltern ihr Kind anrufen können. Das Kleine kann Mama oder Papa dann aber leicht wieder beruhigen, weil es doch nur eben mal dreißig Meter außerhalb seines Territoriums einen süßen Yorkshire-Terrier gestreichelt oder mit einem Freund eine neu entdeckte Eisdiele ausprobiert hat. Das Handy ist übrigens strahlungsarm, dafür strahlen die entspannten Eltern umso mehr.

Die den Handys zugrunde liegende Sicherheitstechnik erinnert an jene elektronischen GPS-Fußfesseln, mit denen in den USA Straftäter überwacht werden, zum Beispiel solche in New York, die ihren Frauen oder Kindern Gewalt angetan haben und dazu verbrummt worden sind, Distanz zu ihren Opfern zu wahren. Nähern sie sich zu sehr an, erhalten die Bedrohten und ein für die GPS-Kontrolle zuständiges Unternehmen eine SMS oder einen Anruf auf dem Handy. Die Sicherheitsfirma alarmiert dann die Polizei. So kann es auch einem lästigen Nachsteller ("Stalker") erschwert werden, seine Opfer zu peinigen.

Wer indes noch mehr Sicherheit für seine Kinder möchte, könnte sich das GPS-System "VIP" der mexikanischen Firma Xega zum Vorbild nehmen. In Mexiko werden täglich etwa zwanzig Menschen entführt, weshalb der einschlägig erfahrene Xega-Chef auf die Idee kam, einen nur gut reiskorngroßen Mini-Sender zu entwickeln. Dieser wird mit einer Spritze unter die Haut gespült und kann jederzeit geortet werden. Nur den Verstärker, der stets mitzuführen ist, dürfen die Entführer nicht finden.

Bei Schulkindern böten sich hier als Geheimverstecke ein doppelter Boden im Ranzen oder ausgehöhlte Schuhsohlen an. Sicherheit geht nun mal vor. Was mit dem Babyphon begann, darf ruhig so enden.

Autor:  WALTER SCHMIDT
Datum:  6 | 1 | 2009
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