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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

06. Januar 2014

Umgang mit Kindern: "Urform der Mutterliebe gibt es nicht"

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Ein Baby schläft in einem bunten Tragetuch mit engem Körperkontakt zur Mutter, sie wohnen in Dzimbiri in Malawi.  Foto: Frank May/dpa

Die Entwicklungspsychologin Heidemarie Keller spricht über den Umgang mit Kindern in unterschiedlichen Gegenden der Erde.

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Die Entwicklungspsychologin Heidemarie Keller spricht über den Umgang mit Kindern in unterschiedlichen Gegenden der Erde.

Frau Keller, vor allem in Großstädten sieht man immer mehr Babys in Tragetüchern, viele Eltern wünschen sich heutzutage einen engen Körperkontakt mit ihren Kindern. Das müsste Sie als Entwicklungspsychologin doch freuen.

Von echtem Körperkontakt kann da gar keine Rede sein. Gut verpackte Babys hängen an dick angezogenen Müttern. In der Regel trifft in unseren Breitengraden da Isolierschicht auf Isolierschicht. Wer glaubt, Gepflogenheiten aus ganz anderen klimatischen Zonen einfach übertragen zu können mit dem gleichen Resultat, der macht sich was vor. Mit der Praxis kauft man ja auch deren Funktion – und ob man das immer will, ist auch noch die Frage.

Nicht wenige Eltern und Pädagogen verstehen diese alternative Herangehensweise an Erziehung aber als eine Art Rückkehr zu einer ursprünglichen Mütterlichkeit, oft wird auf „Naturvölker“ verwiesen. Ursprüngliche Stammeskulturen gelten gerne als romantischer Gegenentwurf zu unserer Hightech-Welt.

Eine ursprüngliche Form der Mutterliebe gibt es aus wissenschaftlicher Sicht aber nicht. Das fängt schon damit an, dass das, was häufig „Mutterinstinkt“ genannt wird, weder nur Müttern noch nur Frauen zu eigen ist. Auch Kinderlose horchen auf, wenn sie ein Baby weinen hören, ältere Kinder, Jungen wie Mädchen, trösten jüngere. Das ist evolutionsgeschichtlich auch sinnvoll: In der Menschheitsgeschichte war die Mutter über weite Zeiten weder die alleinige, und auch oft gar nicht die wichtigste Bezugsperson für ihr Kind. Alles, was Menschen tun, tun sie in bestimmten sozialen und ökonomischen Kontexten. Da gibt es kein besser und kein schlechter. Die Kultur ist die Natur des Menschen. Nicht umgekehrt.

Aber fühlt sich ein Kind, das im Tragetuch durch Berlin oder Frankfurt getragen wird, nicht trotzdem geborgener und der Mutter oder dem Vater näher, als wenn es einen halben Meter entfernt im Kinderwagen liegt?

Ob wir ein Baby tragen oder es im Kinderwagen herumschieben, hat in der Regel damit zu tun, wo wir leben, und nicht damit, wie nah wir uns ihm fühlen Ich beschäftige mich derzeit sehr ausführlich mit dem Trend des „Attachment Parenting“, bei dem es darum geht, auf jedes Signal des Säugling und Kleinkindes zu reagieren und eine ständige Nähe zwischen Mutter und Baby herzustellen – beim Tragen, langen Stillen, dem Schlafen im so genannten Familienbett. Vor allem in Europa boomt diese Erziehungsmethode, die evolutionsgeschichtlich begründet wird. Ich sehe diesen Trend allerdings kritisch. So, wie Attachment Parenting praktiziert wird, passt es paradoxerweise bestens in eine Gesellschaft aus Individualisten und Einzelkämpfern, wie wir sie in der westlichen Welt erleben. Von einer Gegenbewegung kann keine Rede sein.

Was meinen Sie damit genau?

Bei jedem kleinsten Piep der Kinder ruft Mama „Super!“, sie sind es nicht mehr gewöhnt, irgend etwas ohne Publikum zu tun, bekommen ständig unrealistische Rückmeldungen über sich selbst. Jede Geste, jeder Laut wird als Ausdruck der individuellen Persönlichkeit verstanden. Das schafft natürlich auch Abhängigkeiten, steht aber einem sozialen Miteinander, wie es das Überleben der Menschheit über weite Strecken gesichert hat und an vielen Orten immer noch sichert, entgegen. Und es zeigt schon früh Wirkung: Kinder aus der westlichen Mittelschicht erkennen sich selbst früher im Spiegel und sprechen von sich in der ersten Person als etwa indische oder afrikanische Dorfkinder. Die jedoch können sich früher eigenständig bewegen und zeigen eine höhere soziale Kompetenz – etwa, weil sie selten zu Wutausbrüchen neigen.

Sie haben Mütter, Kinder und Familien weltweit beobachtet und in ihrem Alltag begleitet, sind nach Kamerun, Indien, Costa Rica und Mexiko, Peking, Los Angeles und Israel gereist. Welche Unterschiede im Umgang mit Kindern sind Ihnen besonders aufgefallen?

Interessant ist für uns, dass die Unterschiede zwischen Ländern weniger ausgeprägt sind als die Unterschiede innerhalb von Ländern. Das heißt zum Beispiel, dass traditionell lebende Bauern in Indien oder Kamerun sich sehr viel ähnlicher sind als diese Bauernfamilien mit jeweiligen städtischen Familien, trotz derselben Sprache und Religion.

Zur Person

Heidemarie Keller (68) ist seit 1984 Professorin für Psychologie (Fachgebiet Entwicklung und Kultur) an der Universität Osnabrück. Ihr kulturvergleichendes Forschungsprogramm wurde und wird u.a. von der DFG, dem DAAD, der VW Stiftung und dem niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst gefördert. Keller leitet außerdem die Forschungstelle Entwicklung, Lernen und Kultur am Niedersächsischen Institut für Frühkindliche Bildung und Entwicklung und ist Co-Direktorin des Nevet Instituts an der Hebrew Universität in Jerusalem.

Was sticht dennoch hervor?

Wir haben ausführlich die Familienbeziehungen bei Bauern vom Volk der Nso in Kamerun untersucht. Bei den Nso ist statt einer einzelnen Mutter die Gruppe, der Clan gemeinsam für die Kinder verantwortlich. Mütter müssen hier wie alle Stammesmitglieder, vor allem die Frauen, sehr hart arbeiten, auf dem Feld oder im Haushalt. Sie haben gar nicht die Zeit, sich ausführlich mit einem einzigen Kind zu beschäftigen, da ist der Körperkontakt im Tragetuch besonders wichtig, er ist ja ebenfalls eine Form von Aufmerksamkeit. Doch ein Baby ansehen und mit ihm Zwiesprache halten, das ist bei Nso-Müttern überhaupt nicht üblich. Im Gegenteil: Sie pusten ihren Babys sogar ins Gesicht, um ihnen den Blickkontakt abzugewöhnen.

Hierzulande ginge das als seelische Grausamkeit durch.

Gut möglich. Für die Nso hingegen ist es total logisch. So lernen die Kinder schon früh: Meine Mutter stillt und versorgt mich, aber zuständig ist der gesamte Stamm. Was wir auch beobachtet haben: In allen Erdteilen sind sich die Frauen sicher, auf die einzig richtige Art mit ihrem Kind umzugehen. Nso-Mütter empfinden es fast schon als Misshandlung, ein Baby auf den Rücken zu legen und sich über es zu beugen.

Und die eine „richtige“ Art, die gibt es gar nicht?

Die wissenschaftliche Antwort ist: nein. Es gibt eine Vielfalt, in der eine jede Verhaltensweise Vor- und Nachteile mit sich bringt. Welche davon angewendet wird, ist nicht etwa angeboren – sie muss vielmehr erlernt werden. Angeboren sind die Möglichkeiten, alle diese verschiedenen Verhaltensweisen im Repertoire zu haben.

Was würde eine Nso-Frau zu den hiesigen Diskussionen zur Kinderbetreuung sagen, bei denen sich Mütter feindlich gegenüberstehen, weil die eine ihr Kind mit eineinhalb und die andere mit drei Jahren in die Kita gibt?

Sie fänden das sicherlich absurd. Und auch wir sollten uns öfter einmal klar machen, dass die Debatten, die wir so erbittert führen, nur in einem winzigen Teil der Welt in irgendeiner Weise relevant sind. Um auch nur die Möglichkeit zu haben, darüber nachzudenken, ein Kind drei Jahre lang ganz allein zu betreuen, ohne einer weiteren Arbeit nachzugehen, müssen ganz spezielle ökonomische Bedingungen herrschen. Und zwar solche, von denen die Mehrheit der Weltbevölkerung nur träumen kann. Die Welt besteht nicht nur aus weißen Mittelschichtsfamilien in postindustriellen Lebenswelten. Sie machen höchstens fünf Prozent der Weltbevölkerung aus.

Nur fünf Prozent?

Ja, eher weniger, und aus dieser kleinen Gruppe rekrutieren sich fast alle Wissenschaftler fast aller Disziplinen. Das ist ein Problem.

Warum?

Weil Forschungsergebnisse dann so wirken, als sei die Ausnahme eines Mittelschichtslebens in einem wohlhabenden Land geeignet, um grundsätzliche soziologische und entwicklungspsychologische Thesen zu etablieren, mit denen wird dann weltweit Politik gemacht. Wenn Sie sich das klarmachen, verliert die Krippendiskussion einiges an Relevanz. Das ist reine Ideologie, auch wenn sie in der Form wissenschaftlicher Studien daherkommt. Wissenschaftler agieren ja nicht geistig im luftleeren Raum, sie halten ihr eigenes Umfeld für prototypisch. Jede Wissenschaft ist gleichzeitig auch Weltanschauung und beruht auf Konventionen.

Gibt es auch Verhaltensweisen, die sich weltweit gleichen?

In allen Kulturen ist die motorische Entwicklung von Babys und Kleinkindern ein großes Thema. Die Schlussfolgerungen, die man daraus zieht, sind aber andere. Hierzulande vergleichen Eltern ihre Kinder sehr stark miteinander, gleichzeitig vertreten die meisten Kinderärzte die These, es sei ein individueller Reifungsprozess, wann ein Kind laufen oder sitzen lernt oder trocken wird. In afrikanischen Dörfern sieht man das anders, dort werden besondere Trainingsmethoden praktiziert. Das Ergebnis: In West- und Ostafrika sind viele Kinder mit einem halbem Jahr trocken, viele können laufen, bevor sie ein Jahr alt sind. Damit sie in Ruhe auf dem Feld arbeiten können, bringen Nso-Mütter ihren Kindern früh das Sitzen bei – indem sie sie schon mit drei Monaten gut gepolstert in Erdlöcher setzen.

Pekip auf westafrikanisch…

So könnte man sagen. Wieder ein gutes Beispiel dafür, dass überall Entwicklungsziele verfolgt werden, die an die jeweiligen Umwelten angepasst sind. Instinkte sind Möglichkeiten, keine Rezepte. Es zeigt auch, dass es in traditionellen Gesellschaften oft alles andere als romantisch zugeht.

Als Vorbild für uns also nur bedingt geeignet?

Wir würden uns sehr fremd fühlen dort. In Stammeskulturen gibt es etwa kaum eine Möglichkeit, sich ungestraft anders zu verhalten als die Mehrheit. Wer von der Norm abweicht, gehört nicht länger zur Gemeinschaft. Für uns unvorstellbar, auch wenn sich die meisten Menschen in der westlichen Welt ein bisschen zu viel auf ihre eigene scheinbare Individualität einbilden. Ist doch der Rahmen, in dem die allermeisten von uns leben, letztlich doch ein recht eng gesteckter. Wirklich anders zu sein oder zu leben erfordert auch bei uns Mut und Kraft. Wer die allerdings aufbringt, wird in der Regel nicht an seinem abweichenden Verhalten gehindert und findet meist doch eine Gruppe, der er oder sie sich anschließen kann. Ich empfinde es als großes Glück, dass Familien hierzulande aus verschiedenen Lebensmodellen wählen können. Vielleicht sollten wir uns das häufiger bewusst machen. Und dabei trotzdem nicht vergessen: Unsere gelebte Individualität kann auf Kosten des Gemeinschaftssinnes gehen. Das „Wir“, wie es in vielen Teilen der Welt praktiziert wird, kann auch bei uns eine Quelle von Wohlbefinden sein.

Interview: Anne Lemhöfer

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