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Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

15. Januar 2009

UN-Konvention: Förderschüler besser integrieren

 Von STEPHAN LÜKE

Wenn in Bildungsdebatten mit (un)schöner Regelmäßigkeit vom viergliedrigen deutschen Bildungssystem die Rede ist, fühlen sich 500 000 Kinder, ihre Eltern und

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Wenn in Bildungsdebatten mit (un)schöner Regelmäßigkeit vom viergliedrigen deutschen Bildungssystem die Rede ist, fühlen sich 500 000 Kinder, ihre Eltern und Pädagogen schmerzlich bestätigt: Schülerinnen und Schüler an Förderschulen geraten allzu häufig in Vergessenheit.

Das soll sich ändern. Verlangt jedenfalls eine UN-Konvention, die Bundeskanzlerin Angela Merkel jetzt unterschrieben hat. Artikel 24 verlangt von den Unterzeichnern ein "inklusives Bildungssystem". Für Wissenschaftler und Behindertenorganisationen steht damit fest: Behinderte Kinder dürfen nicht länger in Förderschulen "abgeschoben" werden, sie müssen in die Regelschulen integriert werden.

Das sei auch durchaus möglich, meint das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (Fibs) in Berlin. Innerhalb der nächsten elf Jahre könnten alle Förderschüler integriert werden. Als zusätzliche Kosten nennt das Institut in einem Gutachten für die Bundestagsfraktion der Grünen 34 Milliarden Euro für Personal und Umbaukosten.

Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Karin Evers-Meyer, spricht von einem "deutlichen Handlungsbedarf". Sie weiß um die Lage in Deutschland. Kein einziges Bundesland verzichtet auf Förderschulen, manche machen es den einmal auf einer Förderschule Gelandeten nahezu unmöglich, in die Regelschule zurückzukehren. Dass sich die neuen Bundesländer dabei besonders hervortun, überrascht den Vorsitzenden des Verbandes Sonderpädagogik Stephan Prändl nicht. Er verweist auf die unterschiedlichen Traditionen. Im Osten habe halt die russische Schule vorgeherrscht. "Defektologie" nennt Prändl das System, das Behinderte aus der Normalität riss.

Gesellschaftliche Teilhabe

Sein Verband sieht sich längst nicht mehr als uneinsichtiger Verfechter der Förderschulen. "Entscheidend ist, ob wir es schaffen, Kindern die gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen", sagt er. Dazu brauche man die gesamte Bandbreite der Fördermöglichkeiten. Auch die Förderschulen, die schließlich eine hohe Erfolgsquote verzeichneten. Aber, so schränkt Prändl ein, "wenn die Regelschule befähigt wird, Kinder individuell und entsprechend ihrer Veranlagung zu fördern, dann sollen so viele wie möglich integriert werden".

Die zwischen den Zeilen versteckte Vermutung, dass die Regelschule dazu eben nicht in der Lage ist, bezeichnet die Essener Bildungsforscherin Brigitte Schumann als "Schwarzes-Peter-Spiel der Sonderpädagogen". Mit diesem Argument ließe sich immer eine Daseinsberechtigung der Förderschulen begründen. "Richtig ist, das bestehende Schulsystem, das auf Ausgrenzung setzt, zu verändern", fordert sie und spricht von einer "Schule für alle". Auch sie weiß, "Kinder von Förderschulen aufs heutige Gymnasium zu schicken, würde ihnen wenig helfen".

Die einstige Gymnasiallehrerin hat sich in ihrer Dissertation mit der Frage auseinandergesetzt, wie Kinder den Besuch einer Förderschule verkraften. Das Ergebnis ist verheerend: "Die meisten fühlen sich in die unterste Schublade einsortiert und lebenslang beschädigt." Viele haben Schumann gegenüber gestanden: "Ich schäme mich so, ich würde mich am liebsten verstecken." Es handele sich um eine "Schonraum-Falle", aus der Kinder kaum noch herauskämen.

Da setzt auch die Kritik eines erfahrenen Sonderpädagogen an. Seit 30 Jahren bemüht sich Klaus Peter Jung, "seinen Freunden und Partnern Perspektiven zu eröffnen". So nennt der Lehrer der Schule an der Kleestraße in Wuppertal, einer Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen, die Schülerinnen und Schüler. Kaum einer von ihnen habe eine Chance auf einen Ausbildungsplatz. "Weil wir die falschen Schwerpunkte setzen müssen. Es wird viel zu kopflastig gelernt", kritisiert er. Benötigt werde Unterricht, der die Kinder und Jugendliche befähige, den Alltag zu bewältigen.

"Die Sonderschule wird zum Gymnasium für der Armen", warnt Jung. Deren Auflösung bringe den Jugendlichen nichts. Zumindest nicht jenen, die man früher als lernbehindert oder erziehungsschwierig bezeichnet habe. Schließlich wüssten viel zu viele an den Regelschulen tätige Lehrer auch nicht, "wie es draußen zugeht".

In europäischen Nachbarländern ist man weiter. Norwegen etwa schaffte die letzten Sonderschulen Anfang der 90er Jahre ab.

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