Bei allem Unternehmungsgeist - abschütteln kann Susanne Hahn ihre Krankheit nicht. "Ich frage jetzt viel öfter, was wirklich zählt", sagt sie. Dabei fällt manches durch den Rost. Anderes hat sie neu entdeckt. Die Freude an der Musik, die Fähigkeit abzuschalten. Gerne schaut sie im Büro der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft vorbei. Kaffee trinken oder auch mal ausheulen, wenn ein Schub sie plagt. Drei, vier solche Krisen gab es schon. Beim stärksten Schub, vor fast zwei Jahren, konnte sie sich kaum noch konzentrieren oder das Gleichgewicht halten. Das Schlimmste sei, dass der Körper nicht gehorche. "Ich will ein Blatt umblättern und die Finger reagieren nicht."
Auch Markus Kern macht diese bittere Erfahrung: Die Gliedmaßen ignorieren den Befehl des Gehirns. "Ich kann den Fuß nicht mehr heben", erklärt er, und es herrscht "Schubalarm". Dann bekommt er hoch dosierte Infusionen von Kortison. Nebenwirkungen wie Euphorie oder starke "Fressanfälle" steckt er gut weg. Schlimmer ist die Angst, dass es ihm immer schlechter gehen wird. Sobald der Schub nachlässt, fangen die geschädigten Nervenzellen zwar an, sich zu regenerieren, doch in welchem Umfang können sie das überhaupt?
Jeder MS-Patient hat da seine eigenen Erfahrungen. Das weiß Markus, seit er sich mit Leidensgenossen zum Stammtisch trifft. Da sieht man, wie unterschiedlich sich die Krankheit auswirken kann. "Der eine trinkt den Kaffee mit dem Strohhalm, weil er zu sehr zittert." Andere sehen Bilder doppelt. Markus Kern geht am Stock, weil er seinen Fuß nicht mehr richtig heben kann. Ein Erbe des letzten Schubs. "Alles, was drei Wochen danach nicht mehr funktioniert, bleibt dauerhaft weg", sagt er. Aber er zweifelt auch, ob diese Regel immer gilt. Markus hat den Eindruck, dass er jetzt den Fuß wieder etwas mehr heben und das Gleichgewicht für vielleicht drei Sekunden ohne Stock halten könne.
Vielleicht hat dieser Fortschritt auch mit dem neuen Medikament zu tun, das er im Rahmen der Studie einnimmt. "Ich habe das starke Gefühl, dass ich kein Placebo habe." Die Schübe bleiben aus, und Markus Kern fühlt sich wohler. Er lacht, trinkt seinen Apfelsaft aus, nimmt seinen Stock und geht in die Redaktion. Er hat heute noch viel vor.
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