Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wissen
Nachrichten aus Wissenschaft und Bildung

30. November 2009

Uni Münster: Spendengeld und schwarze Kassen

 Von Hermann Horstkotte
Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor wehrt sich gegen Beschuldigungen, sie habe Gelder der Uni Münster veruntreut.  Foto: Steffi Loos/ddp

Die Universität und die Staatsanwaltschaft Münster werfen einer ehemaligen Projektleiterin vor, Spenden veruntreut zu haben. Die Islamwissenschaftlerin beschuldigt indes ihren Chef. Von H. Horstkotte

Drucken per Mail

Die Universität und die Staatsanwaltschaft Münster werfen einer ehemaligen Projektleiterin am Centrum für Religiöse Studien (CRS) in Münster vor, eine Barspende von 20.000 Euro in eine schwarze Kasse gesteckt und damit Vermögen der Uni veruntreut zu haben. Es droht eine mehrjährige Haftstrafe.

Die Anwälte der Angeschuldigten behaupten hingegen, CRS-Direktor Muhammad Sven Kalisch habe vom Spendeneingang gewusst, ohne sich pflichtgemäß um die korrekte Aufbewahrung zu kümmern. Es könne nicht sein, dass die Mitarbeiterin jetzt den Kopf für ihren Chef hinhalten soll. Kalisch selber steht für Nachfragen nicht zur Verfügung.

In diesem Falle geht es um mehr als nur hochschulinterne Verwicklungen. Denn beide Kontrahenten sind Promis über die Fachöffentlichkeit hinaus: Kalisch ist erster Inhaber einer Professur für islamische Lehrerbildung in Deutschland, ein gebürtiger Hamburger und Muslim seit Teenagertagen; die Angeschuldigte Lamya Kaddor ist Vorzeigefrau für deutsche Akademiker mit Zuwandererbiografie, gebürtige Syrerin, Repräsentantin bei "Integrationsgipfeln" mit der Bundeskanzlerin, Sprecherin im ZDF-"Forum am Freitag", einer Art islamisches Wort zum Sonntag.

Bemerkenswerter Übereifer

Vor diesem Hintergrund hat die Unispitze ihre Strafanzeige mit bemerkenswertem Übereifer betrieben, einer ganzen Litanei an Detailvorwürfen, von denen die Staatsanwaltschaft überhaupt nur einen Teil übernommen hat.

Im Wesentlichen geht es um eine zweckgebundene Spende für einen Kongress vor drei Jahren. Mit den 20.000 Euro wären alle Kosten gedeckt gewesen. Das CRS bezahlte die Veranstaltung trotzdem aus seinem normalen Haushalt, wie Unisprecher Norbert Robers bestätigt. Das erklärt sich offenbar mit dem an vielen Hochschulen alle Jahre wieder auftretenden "Dezemberfieber": dem Bestreben, alle Haushaltsmittel vor Jahresende noch auszugeben, nur damit sie nicht verfallen - auch wenn das den Prinzipien ordentlicher Haushaltsführung widerspricht, beispielsweise keine unnötigen Ausgaben zu machen.

In einer amtlichen Befragung auf die Bewirtung des Kongresses aus Uni- statt Spendenmitteln angesprochen, spricht Direktor Kalisch von "Etatrettung". Kaddor bunkerte das Bargeld in einem Schließfach.

Die Sache hätte im Sande verlaufen können. Das zeigt die Antwort der Uni, als der Spender im Frühjahr 2008 nachfragte, was aus seinem Geld geworden war. Die Hochschule lieferte, wie erwartet, "Verwendungsnachweise" in voller Höhe der "zur Verfügung gestellten 20.000 Euro", alles angeblich verbraucht "für die Durchführung der Münsteraner Gespräche II", den ausdrücklichen Zweck der Spende. Wobei der Spender nicht ahnen konnte, dass sein Geld bei der Tagung gar nicht eingesetzt wurde, sondern offenbar im Tresor ruhte.

Der Geber zeigt sich auf Anfrage der FR von dieser Sachlage völlig überrascht. "Fühlen Sie sich durch die so genannten Verwendungsnachweise hinters Licht geführt?" Kein Kommentar, der Sponsor will offenbar kein Öl ins Feuer gießen.

Statt die 20.000 dem Spender unverbraucht zurückzugeben, wurden sie im März 2008 auf Anweisung eines Uni- Abteilungsleiters, die der FR vorliegt, auf das Uni-Konto 66027 bei der WestLB verbucht, mit der amtlichen "Zweckbestimmung: Rückzahlung aus Projektmitteln". So wird ein fragwürdiger Zugewinn in der Buchhaltung möglichst unkenntlich. Die Verteidiger der Angeschuldigten Kaddor sehen sich durch die merkwürdige Buchung bestätigt, dass ihre Mandantin zum Sündenbock für fragwürdige Entscheidungen höherenorts herhalten soll.

Sexuelle Belästigung?

Dass die hochschulinternen Finanztransaktionen überhaupt Staub aufwirbelten, liegt am Faktor Mensch. Denn alles wurde erst problematisch, als sich die Mitarbeiterin und ihr Chef Kalisch ein gutes Jahr nach der Tagung heillos verkrachten. Die heute 30-Jährige verweist auf fachliche Differenzen, aber in einer Diskriminierungsklage, die der FR vorliegt, auch auf sexuelle Belästigung durch den Lehrstuhlinhaber.

Im Frühjahr 2008 verdächtigte Kalisch seine Schülerin plötzlich, das Spendengeld für sich selbst verwandt zu haben. Die bestritt und gab die 20.000 unverzüglich an die zentrale Hochschulverwaltung ab. Nichts destoweniger stellte die Uni gegen Kaddor Strafanzeige. Hingegen wird der Chef Kalisch trotz einer möglichen Letztverantwortung für das Geld am Institut bislang verschont.

Das Gericht weiß noch nicht, ob es die Anklage zulassen soll. Dabei braucht es sich um mögliche Begleitschäden am Image der deutschen Integrationspolitik nicht zu kümmern. Denn die sind durch die fragwürdige Strafanzeige der Uni schon eingetreten.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus Wissenschaft und Forschung.

Gesundheitsgefahr

Pflanzengift in Kräutertee nachgewiesen

Als gesundheitlich bedenklich wurden bei einer Laboranalyse vier von sechs Pfefferminz- und Kräutertees eingestuft.

Bei einer Laboranalyse im Auftrag des NDR wurden in einer Stichprobe in vier von sechs Pfefferminz- und Kräutertees sogenannte Pyrrolizidinalkaloide entdeckt. Diese sollen krebserregend sein und auch Leberschäden verursachen.  Mehr...

Nordsee und Ostsee

Plastikmüll in Speisefischen

Auch der Kabeljau gehört zu den belasteten Arten.

Wissenschaftler finden in Speisefischen aus der Nord- und Ostsee Reste von Plastikmüll. Für Fischkonsumenten hat das nach Angaben des Studienleiters "wahrscheinlich keinerlei Auswirkungen". Mehr...

Videonachrichten Wissen
Schutz der Ozonschicht
Das Nasa-Satellitenfoto dokumentiert die Größe des Ozonlochs über der Arktis im Winter 1999/2000. Je dunkler das Blau, desto dünner die Ozonschicht.

Was ist Ozon? Wofür ist Ozon wichtig? Und wie groß ist derzeit das Ozonloch? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt es hier.

Anzeige

Spezial
Kindermund tut Wahrheit kund (FR vom 22. November 2011)

Zeichen für den Klimawandel: Erderwärmung, saure Meere, Treibhauseffekt, Ozonloch, Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Quiz

Wie tief erwärmen sich die Meere - welche Tierart hat nichts zu fressen durch Treibhausgase? Testen Sie Ihr Wissen im FR-Quiz.