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08. November 2012

Uniprojekt: Die Stasi im Hörsaal

 Von Michael Billig
Drei Unis wollen die Stasi-Vergangenheit aufarbeiten. Foto: dpa

Die Universitäten in Bremen, Münster und Kiel wollen in einem gemeinsamen Projekt ihre Vergangenheit erforschen. Im Blick liegen vor allem Aktivitäten des DDR-Geheimdienstes.

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Die Universitäten in Bremen, Münster und Kiel wollen in einem gemeinsamen Projekt ihre Vergangenheit erforschen. Im Blick liegen vor allem Aktivitäten des DDR-Geheimdienstes.

Müssen bislang unentdeckte Stasi-Spitzel damit rechnen, dass sie nun doch auffliegen? Welche Konsequenzen würden ihnen drohen? Und wie reagieren die, die nicht ahnten, dass sie jahrelang von einem Kommilitonen oder einem Kollegen beschattet wurden? Diese Fragen kommen hoch, wenn man hört, dass Forscher jetzt die Aktivitäten des DDR-Geheimdienstes an westdeutschen Hochschulen untersuchen.

Es sei keine Hexenjagd geplant, sondern historische Aufklärung, betonen die drei beteiligten Universitäten in einer gemeinsamen Ankündigung des Projektes. „Es geht nicht um eine persönliche Abrechnung“, sagt Wilfried Müller, Altrektor der Universität Bremen und Initiator dieses politisch durchaus brisanten Forschungsvorhabens. Müller schob es an, kurz bevor er sich im Sommer in den Ruhestand verabschiedete. Neben Bremen beteiligen sich die Universitäten Münster und Kiel. Sie sind die ersten Hochschulen in den Alt-Bundesländern, die sich systematisch mit dem Thema beschäftigen wollen.

Zweifel aus Berlin

Andere halten sich lieber zurück. Die Universität Hamburg etwa verzichtet auf eine Teilnahme. Sie verspricht sich von dem Projekt offenbar nicht viel. Klaus Schroeder, an der Freien Universität (FU) Berlin Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat, hat die Erwartungen gesenkt. „Der Einfluss der Stasi auf die Hochschulen war relativ gering“, sagt er auf Nachfrage und beruft sich auf Studien über die FU.

Eine weitere Hochschule zögert noch mit der Entscheidung, ob sie mitmachen soll. Sie will abwarten, was ihr Ethikrat von dem Projekt hält. Offenbar gibt es moralische Bedenken.

Der Initiator Wilfried Müller aber ist unbeirrt. Das Auge der Stasi sei in Bremen auf die Osteuropa-Forschung gerichtet gewesen, sagt er. „Wir sind uns da ziemlich sicher.“ Die sozialwissenschaftliche Disziplin habe sich beispielsweise mit dem Widerstand im Ostblock beschäftigt, so Müller weiter. Da liege die Vermutung nahe, dass sich Spione eingeschlichen hatten, um Wissenschaftler auszuhorchen, Diskurse zu beeinflussen und dem Ministerium für Staatssicherheit Informationen zuzuspielen.

Müller selbst war in jener Zeit des Kalten Krieges bereits Hochschullehrer in Bremen. Er wurde 1979 zum Professor auf Lebenszeit ernannt. Die vergangenen zehn Jahre leitete er die Uni und kämpfte gegen ihr linkes Image an. In der alten Bundesrepublik galt Bremen als „rote Hochschule“ und Heimat DDR-naher Wissenschaftler und Studenten. Die Idee zum Forschungsvorhaben trägt Müller laut eigener Aussage schon länger mit sich herum. An der Universität Münster stieß er mit dem Historiker Thomas Großbölting auf einen Sympathisanten. Für Großbölting ist die Stasi-Forschung vertrautes Gebiet. Er war in den Jahren 2005 bis 2007 an der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin beschäftigt. Jetzt hat er die Leitung des Forschungsprojektes übernommen. Auch er stellt klar: „Es geht nicht um Namen, sondern um das Geschehen.“

Die Angst vor den Reaktionen, die die Spitzel-Forschung mehr als 20 Jahre nach der Vereinigung beider deutscher Staaten auslösen könnte, ist das eine. Die schwierige Aktenlage ist ein anderer Grund, warum sich die Hochschulen bislang scheuten, dieses in vielerlei Sicht unbequeme Feld zu beackern. Ein Großteil der Bestände, die einst in der Hauptverwaltung der Stasi in der DDR-Hauptstadt lagerten, wurde in bester Geheimdienstmanier geschreddert.

Hoffen auf Geschichten

Die Forscher sichten, was erhalten geblieben ist, und konzentrieren sich dabei auf Dokumente, die von den Stasi-Außenstellen in den ehemaligen Bezirken der DDR stammen. Sie wissen, dass jede Bezirks-Außenstelle für eine Reihe von Hochschulen im Westen zuständig war. Was ihnen die Arbeit aber erschwert: Die Akten-Bestände sind lose Blättersammlungen, ohne inhaltlichen Zusammenhalt. „Ich stecke noch in der Vorrecherche“, sagt Sabine Kittel, die Seite für Seite das Material durchstöbert. Die Historikerin aus Münster hat im nächsten halben Jahr die Aufgabe, zusammenzutragen, was sie über Bremen, Kiel und Münster findet. „Danach sehen wir, wie es weitergehen kann“, sagt sie.

Vieles aus den Akten erscheint auf den ersten Blick unbedeutend: Lagepläne der Hochschulen, Vorlesungsverzeichnisse, Telefonnummern, Sitzungsprotokolle. Alles in Kopie. Dann ein paar Notizen der Spitzel. Aber die wurden von Sachbearbeitern der Unterlagen-Behörde zum Teil geschwärzt, um die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen zu schützen. Man hat das Gefühl, ausgerechnet das Geheimnisvollste und Wichtigste bleibt der Forschung verborgen.

Worauf die Historikerin Sabine Kittel zusätzlich hofft, das sind die Geschichten von Wissenschaftlern, die bespitzelt wurden. Es hätten sich bereits welche gemeldet, nachdem sie von dem Forschungsprojekt erfahren haben, sagt sie. Mit Namen, auch wenn es, wie mehrfach beteuert wurde, nicht um die Personen dahinter gehen soll, lässt sich die Geschichte einfach besser aufarbeiten.

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