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09. September 2009

Vergewaltigungsmythen: "Böses passiert nicht nur bösen Menschen"

Eine junge Frau, die von sechs Männern vergewaltigt worden war, geht 2007 in Hamburg durch einen Park. Sie hat nur noch gebetet, dass es aufhört. Nacheinander vergewaltigten sechs Jugendliche das 14-jährige Mädchen auf dem kalten Kellerboden. Auch unzählige Therapien später fällt es der heute 18-Jährigen aus Hamburg schwer, über das Martyrium zu sprechen.  Foto: dpa

Im Interview mit der Frankfurter Rundschau spricht der Sozialpsychologie Gerd Bohner über Vergewaltigungsmythen unter Frauen. "Sie bauen sich damit eine Illusion der Unverwundbarkeit auf."

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Zur Person

Gerd Bohner ist Professor für Sozialpsychologie an der Uni Bielefeld. Mit Barbara Krahé von der Uni Potsdam hat er ein Symposium zum Thema "Justiz und Vergewaltigung" organisiert.

Ziel der Tagung, die am Donnerstag in Potsdam beginnt, ist es zu analysieren, warum so viele Täter sexueller Gewalt nicht strafrechtlich verfolgt werden,und wie man das ändern kann.

Herr Professor Bohner, sind Frauen nicht ganz dicht?

Das fragen Sie bestimmt, weil wir herausgefunden haben, dass viele Frauen an sogenannte Vergewaltigungsmythen glauben. Sie denken etwa: "Die Frau wird irgendwie daran mitgewirkt haben, dass sie vergewaltigt wurde; sie hatte einen Minirock an, oder hat den Mann provoziert, der Mann konnte nicht an sich halten..."

Gerd Bohner ist Professor für Sozialpsychologie an der Uni Bielefeld.
Gerd Bohner ist Professor für Sozialpsychologie an der Uni Bielefeld.
 Foto: Privat

Sie haben auch festgestellt, dass das Selbstwertgefühl vieler Frauen sinkt, wenn sie damit rechnen, gleich mit einem Vergewaltigungsopfer zu sprechen.

Interessant daran ist, dass das nur bei jenen Frauen so ist, die diese Mythen ablehnen und selbstverständlich davon ausgehen, dass alle Frauen potenziell Opfer von sexueller Gewalt sein können.

Absurd: Frauen, die an diese klischeehaften Zuschreibungen - kurzer Rock, selbst schuld - glauben, haben ein höheres Selbstwertgefühl?

Nicht generell, aber sie lassen sich durch die Konfrontation mit sexueller Gewalt in ihrem Selbstbewusstsein weniger leicht erschüttern. Eine Erklärung ist, dass diese Frauen sich so einreden können, sie könnten es beeinflussen, ob sie vergewaltigt werden oder nicht. Wenn die Opfer, wie die Mythen behaupten, "irgendwie mit schuld" sind, sagen sich die Frauen: "Dann muss ich mich nur ,richtig´ verhalten, und schon passiert mir nichts."

Die Mythen sind also ein Schutz vor der dauernden Angst?

Die Frauen bauen sich damit eine Illusion der Unverwundbarkeit auf, um sich selbst aus dem Kreis der potenziellen Opfer auszuschließen.

Das Bedürfnis ist ja kein Wunder, wenn man bei Ihnen liest, dass Frauen zwischen 15 und 44 Jahren schwerer durch sexuelle Gewalt bedroht sind, als durch Krebs, Krieg und Autounfälle zusammen genommen.

Und die Dunkelziffer ist enorm. Schätzungen gehen davon aus, dass es bis zu 20 Mal so viele Fälle gibt, wie angezeigt werden. In Deutschland landen 8000 Fälle im Jahr vor Gericht. Im schlimmsten Fall sind das 160.000 Verbrechen sexueller Gewalt im Jahr.

Aber die Mythen halten sich stur.

Sie erfüllen eine psychologische Funktion, bei Frauen Angstpuffer und Selbstwertschutz; Männer versuchen, mit Hilfe der Mythen die eigenen aggressiven Tendenzen zu erklären und zu rationalisieren. Wir können darüber hinaus belegen, dass viele Personen, die an die Vergewaltigungsmythen glauben, auch eine unrealistische Gerechte-Welt-Vorstellung haben, wonach böse Dinge nur bösen Menschen passieren.

Glauben auch Richter und Staatsanwälte, dass die Frauen eigentlich selbst schuld sind?

In angelsächsischen Ländern, wo mit Geschworenen gearbeitet wird, hat sich gezeigt, dass die allgemeine Vorstellung davon, was eine "richtige" Vergewaltigung ist, Laienrichter beeinflusst: Danach hat ein Vergewaltiger eine Waffe; er ist ein Fremder, der die Frau in der Dunkelheit überfällt... Stimmt der verhandelte Fall mit diesem Stereotyp nicht überein, sinkt die Wahrscheinlichkeit der Verurteilung. Das verstärkt das Stereotyp: Wird der Täter nicht verurteilt, war es auch keine Vergewaltigung, heißt es dann.

Stimmt denn das Klischee vom vergewaltigenden Fremden?

Nein, in der Mehrheit kannten sich Opfer und Täter zuvor. Häufig ist der Täter der Ex-Freund, der Ehemann oder jemand, der glaubte, ein Treffen münde automatisch in Sex.

Gibt es noch viele Menschen, die sich trauen zu behaupten, Vergewaltigte seien selbst schuld?

Die Leute haben schon gelernt, in unseren Fragebogen eher die politisch korrekten Antworten anzukreuzen. Darauf muss man reagieren. Da steht jetzt etwa: "Für die Opfer von sexueller Gewalt wird heute durch Frauenhäuser und andere Angebote mehr als genug getan." Kreuzt das jemand als zutreffend an, drückt er subtil aus, dass er den Vergewaltigungsmythen anhängt.

Lässt sich die Einstellung zu den Mythen verändern?

Ich bin recht zuversichtlich, dass Erziehung und Bildung hier etwas bewegen können. Am zuverlässigsten aber ein Vorbild aus der peer group, das aufsteht und diese Klischees Unfug nennt.

Stalking wird inzwischen verfolgt. Ist das ein Fortschritt?

Das ist sehr wertvoll, auch die Tatsache, dass die Polizei inzwischen das Recht hat, prügelnde und sexuell gewalttätige Ehemänner aus ihrer eigenen Wohnung zu weisen. Das ist deshalb so wichtig, weil es die Verantwortung klar dem Täter zuschreibt.

Grund also zur Hoffnung?

Ja, aber andererseits haben es etwa Prostituierte immer noch sehr schwer, Recht zu bekommen, wenn sie eine Vergewaltigung anzeigen. Weil die Meinung vorherrscht, Prostituierte könnten gar nicht vergewaltigt werden.

Interview: Frauke Haß

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