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11. Oktober 2011

Verhaltensforschung: Auch Affen haben Charakter

 Von Kerstin Viering
Zutraulichkeit oder Fürsorge - die Gesichter der Kapuzineräffchen verraten viel über ihre Persönlichkeit  Foto: dpa/dpaweb

Biologen und Psychologen haben erkannt, dass Affen Individuen sind. Es gibt Choleriker, Angsthasen und Verspielte - genau wie bei den menschlichen Pendants. Je unterschiedlicher eine Art ist, desto anpassungsfähiger ist sie.

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Biologen und Psychologen haben erkannt, dass Affen Individuen sind. Es gibt Choleriker, Angsthasen und Verspielte - genau wie bei den menschlichen Pendants. Je unterschiedlicher eine Art ist, desto anpassungsfähiger ist sie.

Ein komisches Ding. Es riecht nach Apfel und fühlt sich auch so an. Ist aber platt, herzförmig und knallrot. Kann das trotzdem schmecken? Oder soll man lieber die Finger davon lassen? Die Gorillas im Leipziger Zoo wissen manchmal nicht so recht, was sie von Jana Uhers Mitbringseln halten sollen. Dabei hat sich die Psychologin von der Freien Universität (FU) Berlin extra die Mühe gemacht, Äpfel und Birnen in Scheiben zu schneiden, mit Plätzchenformen Motive auszustechen und das Ganze mit Lebensmittelfarben zu gestalten.

Die Reaktionen, die sie dafür erntet, sind sehr unterschiedlich. „Manche Tiere werfen einem das merkwürdig aussehende Futter sofort wieder vor die Füße“, sagt die Forscherin. Andere dagegen untersuchen die seltsamen Objekte ausgiebig, riechen daran und fressen sie schließlich. Wieder andere sehen sie mehr als Spielzeug denn als Leckerbissen. Auch unter Gorillas ist also keineswegs einer so neugierig und experimentierfreudig wie der andere. Genau solche Unterschiede faszinieren Jana Uher. Sie leitet an der FU eine Forschungsgruppe, die Persönlichkeitsunterschiede bei verschiedenen Primatenarten untersucht.

Mehr Individualismus bei Tieren

Tiere mit Persönlichkeit? Eine solche Idee hätten die meisten Verhaltensforscher noch vor ein paar Jahrzehnten weit von sich gewiesen. Ein Gorilla sei schließlich wie der andere, sein Verhalten hänge nur von seinem Alter und seinem Geschlecht ab. Für Individualismus schien da kein Platz zu sein. Einem Affen mehr Mut oder Impulsivität, Angst oder Fürsorglichkeit zuzuschreiben als einem anderen, galt als unzulässige Vermenschlichung.

Doch inzwischen gibt es immer mehr Biologen und Psychologen, die das anders sehen. Jana Uher zum Beispiel erinnert sich noch gut daran, wie sie vor ein paar Jahren die Gorillas des Leipziger Zoos kennenlernte. In einem Experiment hatte sie den großen Affen die Wahl gelassen, ob sie lieber vier Rosinen haben wollten oder nur eine. Doch sie bekamen immer die unerwünschte Portion. Hatten sie sich also für die größere Menge entschieden, mussten sie sich mit einem einzigen Leckerbissen zufriedengeben.

„Manche bekamen daraufhin regelrechte Wutausbrüche und trommelten frustriert gegen die Scheiben“, erzählt die Forscherin. Andere ließen nur den Kopf hängen und seufzten tief. Und wieder andere beschäftigten sich ausgiebig und scheinbar hochkonzentriert mit ihren Haaren – so als wollten sie sich die Enttäuschung nicht anmerken lassen. Rasch wurde klar, dass jedes Tier seine typische Art hatte, mit Frust umzugehen.

Manche sind echte Feinschmecker

Und die legte es auch beim zwanzigsten Versuchsdurchgang nicht ab. Gorilla-Choleriker können offenbar genauso schlecht aus ihrer Haut wie ihre menschlichen Pendants. Fasziniert beschloss die Psychologin, der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Gerade hat sie zum Beispiel die individuellen Eigenheiten von Kapuzineraffen untersucht. Sie und ihre Berliner Mitarbeiter kooperieren dazu mit dem Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig sowie Forschungseinrichtungen in den Niederlanden, Italien und Indien.

Um die verschiedenen Wesenszüge von Affen möglichst objektiv und ohne vermenschlichende Brille analysieren zu können, hat die Psychologin eine ganze Reihe neuer Methoden entwickelt. Sehr aufschlussreich ist es zum Beispiel, wie sich ein Tier in seiner Gruppe verhält: Wie oft sucht es Kontakt zu anderen? Ist es dabei aggressiv oder freundlich? Spielt es oft oder sitzt es passiv herum? Hinzu kommen noch verschiedene Verhaltensexperimente, an denen die Tiere freiwillig teilnehmen können.

Da geht es dann zum Beispiel darum, den Grad ihrer Verfressenheit festzustellen. Auf eine Auswahl verschiedener Obst- und Gemüsesorten reagieren keineswegs alle Artgenossen gleich. Während manche wahllos alles in sich hinein stopfen, sind andere echte Feinschmecker, die sich nur die süßen Rosinen herauspicken und die eher faden Karottenstücke verschmähen.

Nicht alle menschlichen Wesenszüge gibt es bei Affen

Ähnlich unterschiedlich reagieren die Tiere auch auf fremde Gegenstände, mit denen die Forscher sie konfrontieren. „Den Kapuzinern haben wir ein großes Bettlaken quer in den Käfig gehängt“, berichtet Uher. Während einige der kleinen südamerikanischen Kletterkünstler das unheimliche Ding kaum zu berühren wagten, sahen andere die perfekte Spielgelegenheit. Nach und nach analysieren die Forscher so die unterschiedlichsten Facetten der tierischen Persönlichkeiten.

Sie erwarten dabei nicht, für alle von Menschen bekannten Wesenszüge eine Entsprechung zu finden. „Ob Affen zum Beispiel bestimmte Einstellungen haben und wie diese ihr Verhalten beeinflussen, ist nicht einfach zu untersuchen“, meint Jana Uher. Sehr ursprüngliche Eigenschaften wie Ängstlichkeit, Aggressivität, Neugier und Impulsivität dürften aber auch in Affenkreisen weit verbreitet sein.

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Und nicht nur dort. Denn auch bei anderen Tierarten scheint mehr Individualismus angesagt zu sein, als Experten lange vermutet hatten. Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen haben zum Beispiel nachgewiesen, dass es auch unter Kohlmeisen Angsthasen und Draufgänger gibt. So lassen sich manche Vögel von einer Plastikfigur des Rosaroten Panthers neben ihrem Futternapf überhaupt nicht beeindrucken, während andere lieber einen möglichst großen Abstand halten.

Eigenbrötler machen die Gruppe ruhiger

Erbe, Hormone und Erziehung

Wie beim Menschen scheint auch die Persönlichkeit von Tieren zum Teil im Erbgut verankert zu sein. Forscher vom Max-Planck-Institut für Ornithologie haben herausgefunden, dass es zwischen mutigeren und ängstlicheren Kohlmeisen genetische Unterschiede gibt. Sie besitzen jeweils eine andere Variante eines Gens namens Drd4: Die Bauanleitung für einen Rezeptor, an den der Botenstoff Dopamin andockt.

Das Verhalten eines Tieres hängt aber nicht nur von seinen Genen ab. Je nach Umweltsituation geben Vogelmütter ihrem ungeschlüpften Nachwuchs einen unterschiedlich zusammengesetzten Hormoncocktail mit in den Eidotter. Dieser steuert dann die Entwicklung des Embryos so, dass er unter den jeweiligen Bedingungen die besten Überlebenschancen hat – also zum Beispiel besonders neugierig wird. Säugetierweibchen übermitteln diese biochemischen Nachrichten über Plazenta und Gebärmutter.

Auch die Erziehung spielt gerade bei Affen genau wie beim Menschen eine wichtige Rolle für die Ausbildung unterschiedlicher Persönlichkeiten. Das zeigt sich darin, dass manche Mütter ihrem Nachwuchs deutlich mehr Freiheiten lassen oder ihm mehr Selbstbewusstsein vermitteln als andere.

Sogar unter Tintenfischen gibt es recht unterschiedlich gestrickte Typen. David Sinn von der University of Tasmania in Australien hat den Weichtieren eine Garnele vorgesetzt und sie gleichzeitig mit einem Bleistift bedroht. Die aggressiveren unter den vielarmigen Krabbenfans griffen den hölzernen Feind daraufhin ohne zu zögern an. Die vorsichtigeren dagegen gaben den Leckerbissen sofort auf, stießen eine riesige Tintenwolke aus und machten sich eilig aus dem Staub.

Fragt sich, was das Ganze soll. „Evolutionsbiologen konnten lange nicht so recht erklären, worin der Vorteil von Persönlichkeitsunterschieden bei Tieren liegt“, sagt Jana Uher. Schließlich ging man noch bis Ende der 1990er-Jahre davon aus, dass es für jede Art ein optimales Verhalten gibt. Warum sollten da einzelne Individualisten aus der Reihe tanzen?

So einfach aber ist die Sache nicht. Schließlich verändert sich die Umwelt ständig, so dass Tierarten immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert werden. Und dabei sind immer wieder andere Verhaltensweisen gefragt. Mal sind eher die Draufgänger im Vorteil, mal die Vorsichtigen, mal die Einzelgänger und mal die Geselligen. Wenn es zum Beispiel gilt, einen neuen Lebensraum zu erschließen, wird das mit einer Gruppe aus lauter Angsthasen kaum klappen. Je mehr unterschiedliche Charaktere eine Art aufbieten kann, umso anpassungsfähiger ist sie also.

Zudem gibt es zwischen unterschiedlichen Persönlichkeiten oft weniger Rivalitäten. Der Psychologe John Capitanio von der University of California hat zufällig ausgesuchte Rhesusaffen-Männchen zu neuen Gruppen zusammengestellt. In Gruppen mit lauter sozial eingestellten Mitgliedern flogen dabei häufiger die Fetzen als wenn auch ein paar Eigenbrötler dabei waren.

Offenbar gab es zwischen den geselligen Typen eine scharfe Konkurrenz um Kontakte und Freundschaften. Und da sie oft besonders eng zusammensaßen, brach dann auch noch häufig Streit ums Futter aus. „Eine Gruppe scheint daher sozial besser zu funktionieren, wenn sich unterschiedliche Persönlichkeiten ergänzen“, sagt Jana Uher.

Auf diesem Weg ist vermutlich auch die Menschheit dahin gekommen, wo sie heute steht. „Es war sicher nicht jeder unserer Urahnen bereit, sich mit dem Feuer zu beschäftigen“, meint die Psychologin. Den Ängstlichen hat der Mensch die Erfindung des Barbecues wohl nicht zu verdanken. Dafür konnten diese dafür sorgen, dass die Mutigen nicht gleich die ganze Höhleneinrichtung abfackelten.

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