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Vorlesen: Zu wenig Eltern greifen zum Buch

Jeder fünfte Erwachsene weltweit kann nur unzureichend lesen und schreiben, meldet die Unesco. Auch in Deutschland sind Millionen betroffen. Ein Projekt wirbt für das Vorlesen. Von Simon Kerbusk

Wer schon in der Grundschule gescheitert ist, den kostet es später große Überwindung, einen Alphabetisierungskurs zu besuchen.
Wer schon in der Grundschule gescheitert ist, den kostet es später große Überwindung, einen Alphabetisierungskurs zu besuchen.
Foto: dpa

Das wird ein schönes Bild. Im Hintergrund eine freundlich lächelnde Kinderärztin, ein stolzer türkischer Papa, ein niedlicher Stoffhase. Und mittendrin blättert die hessische Sozialministerin Silke Lautenschläger (CDU) gemeinsam mit dem einjährigen Oguzcan in einem Bilderbuch.

Die Pressefotografen drücken auf die Auslöser. Für so ein Motiv macht man sich gerne auf den Weg. Die Ministerin ist kürzlich der Einladung der Stiftung Lesen nach Griesheim bei Darmstadt gefolgt, um der türkischen Familie ein "Lesestart-Set" zu überreichen. Finanzielle Zusagen für das Projekt hatte sie nicht dabei.

Buchstabenlos

Jeder fünfte Erwachsene weltweit kann nicht lesen und schreiben. Das bedeuet in vielen Ländern ein erhöhtes Risiko für Armut, Aids und Ausgrenzung. Mit dem Welttag der Alphabetisierung am kommenden Montag will die Bildungsorganisation der Vereinten Nationen, Unesco, auf das Problem aufmerksam machen.

Die Gesundheitsversorgung der Analphabeten steht im Zentrum der Pariser Konferenz zum Welttag. Wer nicht lesen und schreiben kann, sucht selten medizinische Hilfe auf und ist nur schwer über Gesundheitsrisiken zu informieren. Auch steige die Kindersterblichkeit, je weniger Mütter lesen könnten, so die Unesco.

Für die Zeit von 2003 bis 2013 hat die Unesco die Weltdekade der Alphabetisierung ausgerufen. In diesem Zeitraum soll die Zahl der Analphabeten halbiert werden. In den ersten fünf Jahren sank sie aber nur von 860 Millionen Menschen auf heute etwa 780 Millionen. Um das Ziel noch zu erreichen, müsste sich das Tempo des Fortschritts für die nächsten fünf Jahre fast verdreifachen.

Bildung für alle fordert der jährliche Bericht der Unesco. Die Anstrengungen von nationalen Regierungen und die Geldmittel der internationalen Gemeinschaft reichten nicht aus, um den Analphabetismus zu bekämpfen. Immerhin sei es China gelungen, die Zahl der Erwachsenen, die nicht lesen und schreiben können, um 100 Millionen zu reduzieren. In Afrika habe man aber kaum Fortschritte gemacht.

Auch in Deutschland sind vier Millionen Erwachsene funktionale Analphabeten, schätzt der Bundesverband Alphabetisierung. Diese Menschen können nur auf dem Niveau von Zweitklässlern oder schlechter lesen und schreiben. Die Schätzung beruht auf dem Vergleich mit anderen westlichen Ländern, der Zahl der Menschen ohne Schulabschluss und einigen weiteren Faktoren. Um Gewissheit über die Zahl der Betroffenen zu bekommen, fordert der Verband eine empirische Studie.

Der Föderalismus in Deutschland erschwert die Finanzierung von Alphabetisierungskursen. Zum Welttag am Montag hat der Bundesverband daher die Alfa-Stiftung gegründet und sucht nun Unterstützer.

Anonym und kostenlos werden Betroffene am Alfa-Telefon beraten. Telefon: 0251/53 33 44 www.alphabetisierung.de www.unesco.de

Lesestart will erreichen, dass Eltern ihren Kindern mehr vorlesen. Denn das tun laut einer Studie der Deutschen Bahn, der Zeitung Die Zeit und der Stiftung Lesen aus dem Jahr 2007 vier von zehn Elternpaaren nicht oder nur selten. Um die lesefaulen Mütter und Väter dennoch zu ermuntern, werden seit Juni 2008 bundesweit eine halbe Million Lesestart-Sets verteilt. Jedes Set enthält unter anderem ein Bilderbuch, einen Vorlese-Ratgeber und Buchempfehlungen. Die Verteilung übernehmen Kinderärzte bei der Früherkennungsuntersuchung U 6. Die Kleinen sind dann etwa ein Jahr alt. Genau das richtige Alter, um mit ersten Bilderbüchern zu beginnen, so die Idee.

"Vorlesen ist für die Fantasie und Kreativität von Kindern wichtig. Und nicht zuletzt auch für die Bildungschancen", sagt Sabine Bonewitz, Leiterin des Projekts bei der Stiftung Lesen. "Viele Eltern beginnen erst spät mit dem Vorlesen. Dabei profitieren auch sehr kleine Kinder schon davon." Zudem gebe es einen "Vorleseknick" nach der Einschulung. Sobald die Kinder die ersten Sätze selbst lesen könnten, stellten viele Eltern das Vorlesen ein - damit falle eine wichtige Anregung für die kleinen Schüler weg. Dem will die Lesestart-Aktion nun entgegensteuern.

Zwei Millionen Euro kostet das Modellprojekt für zwei Jahre. 2010 wird das Sponsoren-Geld aus der Druck- und Medienbranche aufgebraucht sein. Also tourt Sabine Bonewitz durch die Republik und organisiert Fototermine in Kinderarztpraxen. Stets mit dabei: Die zuständigen Landespolitiker. Diese seien "immer sehr offen für Gespräche", sagt Bonewitz. Bisher hat sich aber lediglich Bayern zu einer finanziellen Zusage entschlossen.

"Es ist einfach unredlich, in der aktuellen hessischen Situation finanzielle Versprechungen zu machen", sagt etwa Ministerin Lautenschläger. Zwar sei "die Sprach- und Leseförderung von Kindern ein zentrales Thema der hessischen Familienpolitik." Man habe aber "noch nicht einmal einen Haushalt". Das ist zwar in Nordrhein-Westfalen anders, aber auch dort blieb es bisher bei der bloß ideellen Unterstützung des Projekts. Nach und nach will Bonewitz alle Bundesländer bereisen.

Denn eigentlich hat das Thema derzeit Konjunktur. Seit dem Pisa-Schock im Jahr 2000 entstanden bundesweit zahlreiche Lese-Initiativen. Und auch die Leseforschung erlebt einen Aufschwung. "Seit 1988 gab es keine repräsentativen Daten zum Vorlesen", sagt Martin Krieg vom Institut für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen. Mit der Vorlesestudie sei nun eine gute Grundlage geschaffen worden, die im kommenden Jahr fortgeführt werde.

Ihre Ergebnisse allerdings sind wenig erfreulich. Denn auch für das Lesen und Vorlesen gilt die Lehre aus der Pisa-Studie: Die soziale Herkunft bestimmt die Bildungschancen. Unter den nicht vorlesenden Vätern und Müttern finden sich überdurchschnittlich viele Migranten. In Familien mit türkischer Herkunftssprache lesen vier Fünftel der Eltern ihren Kindern nicht regelmäßig und 42 Prozent überhaupt nicht vor.

Hier darf man zumindest vorsichtig optimistisch sein. Laut einer Befragung des Medieninstituts der Universität Leipzig haben zehn Prozent der Eltern dank des Projekts mit dem Vorlesen begonnen. Ein knappes Drittel gab an, durch das Lesestart-Paket häufiger mit den Kindern zum Buch zu greifen.

Sabine Bonewitz wirbt weiter für Unterstützung. Als nächstes fährt sie nach Berlin - zum nächsten Fototermin.

Autor:  SIMON KERBUSK
Datum:  6 | 9 | 2008
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